interview:

KARTAGON
"... In diesen schwierigen Zeiten
verlangen die Leute offensichtlich härteren Sound ..."

KartagonMan hat schon ein hartes Leben als Rockstar. Den Laptop auf dem Schoß, im Biergarten lecker das Getränk schlürfen was dem Garten den Namen gab - das kann man auch in der Schweiz. Und lest selbst was KARTAGON euch zu sagen haben.

GW: Alles neu macht der Mai ... oder so ähnlich! Denn ganz unbekannte sind die beiden Protagonisten eigentlich nicht ...
Kartagon: Kartagon besteht aus dem Sänger und Texter Johannes und dem Produzenten und Soundtüftler Thomas. Wir sind in dieser Musikszene schon seit über 13 Jahren tätig, haben aber vor einem Jahr unter dem Namen "Kartagon" ein neues Dark Elektro Projekt auf die Beine gestellt. Zur Entstehung der Band kam es irgendwann Anfang 2001, als sich die günstige Gelgenheit ergab, in einem neuen Studio mit neuem Equipment zu experimentieren. So kam es zu ersten neuen Songs, aber vorerst noch ohne konkreten Projektgedanken. Es hat sich alles wirklich sehr ungezwungen entwickelt. Johannes begann Texte für die neuen Songs zu schreiben, wir entwickelten Gesangslinien und irgendwann stand er dann auch in der Kabine, um den Gesang aufzunehmen. Der Funke ist sofort wieder auf uns übergesprungen! Es war auch sehr bald klar, dass wir die Songs zu einem Album formen und veröffentlichen wollten. Da sich der neu entwickelnde Stil in unseren Augen doch sehr von POTT unterschied und der damalige POTT-Hauptsänger zudem nicht mehr zur Verfügung stand, wollten wir für das Projekt nicht mehr den alten Namen verwenden, sondern haben uns entschieden, den sicher etwas beschwerlicheren „Newcomer Weg“ zu gehen.

GW: Dabei sind die veröffentlichten Alben recht überschauber geblieben:
Kartagon: Anfang der 90er haben wir unter dem Namen „Panic On The Titanic“ bis 1996 drei Alben bei verschiedenen Labels veröffentlicht. Dann gab’s einen längeren Break, weil wir uns innerhalb der Band stark auseinanderentwickelt hatten und zudem noch das damalige Label Pleite ging. Dann war wie gesagt für eine Weile mehr oder weniger Pause!

KartagonGW: Und wer ein Rockstar sein möchte... der muss hart nebenbei oder doch dafür arbeiten?
Kartagon: Mit den Einnahmen von Kartagon könnten wir die Leasingraten für unsere beiden 911er schlecht bezahlen ... Deshalb müssen wir eben unseren typisch schweizerischen Daytime Jobs nachgehen! Mist auch!

GW: Kartago, die alten Feinde Roms standen Pate für den Bandnamen wie die beiden erzählen. Sehr viel mehr steckt dann auch gar nicht mehr dahinter, die mystische, sagenumwobene der Stadt hat es den Schweizern angetan.
Und bei allem Altertum und auch dem Namen „Natural Instincts“ regiert hier moderne Elektronik...

Kartagon: Schließlich geht’s doch bei unserer Musik um die großen Gefühle! Der Albumtitel "Natural Instincts" bezeichnet nämlich perfekt den roten Faden des Albums. Tief verwurzelte menschliche Instinkte, wie Liebe, Hass, Macht, Demut, Enttäuschung, Freude, Tod, Leben, Gier. Davon handeln unsere Songs.

GW: Die Pharmalobby hatte wohl bei der Gestaltung des Booklets die Finger drauf...
Kartagon: Die Medikamentenkapsel auf dem Cover zeigt unseren Vorschlag zum heutzutage weit verbreiteten Lifestyledrogen-Phänomen: Kartagon als unbedenkliches Hilfsmittel zur Bewusstseinserweiterung ... (eigentlich als Kopfwehmittel vom Mainstream).

GW: Kopfwehmittel ... serviert auf Plüsch?
Kartagon: Die geniale Idee kam von der Grafikerin von Strange Ways. Sie hat ein paar Vorschläge geliefert, die uns auf Anhieb begeistert haben. Wirklich perfekt nach unseren Vorstellungen umgesetzt.

KartagonGW: Und bei aller Elektronik, allem Kopfweh und allem Plüsch, bedeuten die Texte erstaunlich viel ...
Kartagon: Wir finden das schon wichtig einen gewisse Qualität zu haben und eine entsprechende Message auch textlich rüberzubringen. Ein guter Song besteht in unseren Augen eben nicht nur aus Musik und Gesang, auch WAS dabei gesungen wird, ist wichtig und macht schlussendlich einen guten Song aus. Vielleicht sind wir da ja zu altmodisch?

GW: Aus dem 80er Appeal der Tracks machen sie verständlicherweise keinen Hehl.
Kartagon: Na ja, wir sind eben in dieser Zeit aufgewachsen. Klar, dass unsere musikalischen Wurzeln auch dort liegen, das können und wollen wir nicht verleugnen. Ich denke aber, dass wir ebenso viele Einflüsse aus den 90ern mitgenommen haben und man auch dies in den Songs hört. So schlecht können wir nicht liegen damit: Wenn man die Charts von heute anhört, kommen ja auch immer wieder die „alten“ Namen hoch. Nur wird das Material leider meist zu ideenlos in die heutige Zeit transportiert.

GW: Ein Cover von David Bowie? Gewagt ...
Kartagon: Hey, wir lieben diesen Titel! Und natürlich schätzen und verehren wir David Bowie wirklich sehr! Kein Zweiter hat’s wohl geschafft über drei Jahrzehnte hinweg stets neue Trends zu setzen und dabei trotz des kommerziellen Risikos so experimentierfreudig zu bleiben. Johannes hegte schon länger den Wunsch, irgendwann den Song „This Is Not America“, der uns schon als Teenager fasziniert hatte, zu singen. Und schließlich hat der Titel „This Is Not America“ für uns auch einen äußerst aktuellen Bezug und wurde deswegen auch nicht ganz zufällig ausgewählt. Es bringt unserer Meinung nach nichts, eine Coverversion im ähnlichen Stil wie das Original zu halten. Deshalb haben wir uns für eine „up-tempo“ Nummer und den Einsatz von harten Gitarrenriffs entschieden.

GW: Die Musik von KARTAGON bewegt sich trotz allen Trends zu Extremen grade in der Gothic Szene, in sehr gemäßigten Bahnen ...
Kartagon: In diesen schwierigen Zeiten verlangen die Leute offensichtlich härteren Sound. Dennoch können und wollen wir uns ja nicht verleugnen! Wir sind nun mal nicht die härteste Boygang aus Basel. Wir wollen nicht blind einem Trend folgen nur weil’s grade angesagt ist. Die Musik muss unseren Persönlichkeiten entsprechend von innen heraus kommen, damit es glaubwürdig bleibt. Wir denken für KARTAGON haben wir einen eigenständigen musikalischen Weg gefunden, auf dem wir weitergehen möchten.

KartagonGW: Und so falsch können sie nicht liegen mit ihrer Musik, die Single kam super an ...
Kartagon: Die Reaktionen sind durchwegs sehr positiv! Wir waren im Mai/Juni damit auch 4 Wochen in den DAC (Deutsche Alternative Charts). Es gab neben Deutschland auch einige DJ’s aus Europa, die uns aufgrund der Single direkt angeschrieben haben.

GW: Und auch live lief alles bestens, die Tour mit IN STRICT CONFIDENCE war eine wichtige Standortbestimmung. Einen kleinen Wehrmutstropfen gibt es aber auch:
Kartagon: „Mit Touren im Sommer wird’s leider nichts mehr. Für die ganzen Sommerfestivals war der Release unseres Albums einfach zu spät. Wir schauen jetzt für Herbst/Winter, dass wir an deutschen Festivals spielen können. Vielleicht ergibt sich ja nochmals eine Gelegenheit als Supportband? Mal schauen!



Torben (metal-inside) für GOTHICWORLD


Review: Natural Instincts
Homepage: www.kartagon.com