CD-Classics:

Horserotovator    COIL:
"Horserotovator" CD (1987)
     

Anfang der Achtziger Jahre, da war Great Britain noch wirklich von Bedeutung was Musik anbelangte. Fast alles was neu, gut, schräg und schön war kam von der Insel. Und in eben jenem Zeitraum gab es dort auch eine gar lustige Truppe von jungen Menschen, die einen Sound kreierten der erstmalig den Begriff "industrial" prägte. Elektronisch erzeugte Klänge, die sich nicht auf das pure Samplen von Musikinstrumenten beschränkte, sondern vielmehr Sounds kreierten, die durchaus einer Werkhalle entsprungen sein konnten, Alltagsgeräusche aufnahmen und zu blühenden Soundlandschaften aufbauten.

Da gab es Namen wie "Throbbing Gristle", "Testdepartment", "Cabaret Voltaire", "Fad Gadget", "Psychic TV", "Coil", "Foetus" und selbst die beiden Popstars M. Almond/D. Ball (besser bekannt als "Soft Cell") gehörten zu diesen illustren Kreisen. Im Jahre 1987 erschien dann eine Platte die den Sound auf die Spitze trieb und so charakteristisch ist, wie kaum eine andere aus diesem Umfeld.

Coil die aus dem Split der legendären Throbbing Gristle ebenso hervor gegangen waren wie Psychic TV schufen ihr geniales Album "Horserotovator". Basierend auf eine paar Sätzen, denen zu folge die apokalyptischen Reiter ihre Pferde schlachten, aus deren Knochen einen riesigen Pflug (rotovator) bauen mit dem sie die Erde umpflügen...

So zeigte das Cover Fotos von jenem Reiterpark in dem damals ein Bombenanschlag verübt worden war, bei dem auch jede Menge Pferde umkamen, und als morbide Fotos genüßlich in der englischen Presse verewigt wurden. Überhaupt war der Hang zu Vieldeutigkeiten und Interpretationen bei Coil ausgeprägt. Ihr Song "Ostia" z.B. Ein Lied das sich mit dem Tod des italienischen Filmemachers P.P.Pasolini beschäftigt, der in Ostia von einem Stricher erschlagen wurde. Aber auch die Textzeile "The white clips of Dover" beinhaltet. Weil sich eben von jenen Klippen ein Bekannter der Band stürzte. Und Grundlage dieses Liedes aus Akustikgitarre, Noisesamples, wehmütigen Gesang und ein paar Streichern, bildet das Zirpen von Grillen, welche Coil auf einer Mayapyramide in Chichen Iza aufgenommen haben. Einem Ort also, an dem auch schon mal junge Sklaven geopfert worden sind!

Diese Vielschichtigkeit in ihren Bildern, Texten und Sounds macht dieses Album zu einem Meilenstein. Noch nie vorher haben es Musiker verstanden, reine Geräuschkollagen mit so feinen Melodien und Gesangslinien zu verbinden, das trotz der experimentellen Struktur ein Popalbum entstand.

Die Arrangements sind leicht zu begreifen, ihre Struktur durchschaubar. Nichts wirkt überladen, jedes noch so kleine Geräuschsample gibt sich schnell zu erkennen, und jeder noch so laute Krach baut sich plötzlich zu einer schönen Melodie auf. Darüber die leicht melancholische, aber oft auch gelangweilt klingende Stimme von John Balance, der sich bei zwei Titel auch noch von M. Almond unterstützen läßt. Hatten Coil schon auf dem Vorgängeralbum gezeigt, wie authentisch man den Text von "Taindet Love" umsetzen konnte. Indem man aus dem netten Hitparadenstück eine düstere Brachialnummer machte, so trieben sie auf "Horserotovator" die Konsequenz auf die Spitze.

Dieses Album ist düster, spannend, verrückt, schmerzhaft und schön zu gleich. Und am besten man hört es sich ganz in Ruhe, ohne äußere Einflüsse mit geschlossenen Augen unter Kopfhörern an. Es gibt soviel zu entdecken.


Thomas Sabottka für THE GOTHICWORLD


  "Horserotovator" - Tracklist:

01. The anal staircase
02. Slur (with Marc Almond)
03. Babylerd
04. Ostia (the dead of Pasolini)
05. Herald
06. Penetralia
07. The golden section
08. Circles of mania
09. Blood from the air
10. Who by fire (with Marc Almond)
11. The first five minutes after death
12. Ravenous
          Kontakt:

Homepage: www.brainwashed.com/coil/



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