CD-REVIEWS:

Nichts bleibt wier es war    GOETHES ERBEN:
"Nichts Bleibt Wie Es War" CD
(Zeitbombe / Strangeways)
     

Oswald Henke

Zur Zeit "feiern" ja eine ganze Menge Bands aus der sogenannten "schwarzen Szene" ihr zehnjähriges Bestehen. Zeit also, sich mal damit zu beschäftigen was aus den ehemaligen "Neuen deutschen Todeskünstlern" geworden ist. Denn dieses sind sie alle längst nicht mehr, oder nicht nur! Auch wenn jeder einzelne von ihnen dieses Attribut sowieso nie mochte. Aus den abgründtief-bösartigen "Das Ich" ist eine Partystimmung verbreitende Elektrokapelle geworden. Tilo Wolff entwickelte sich vom jammernden, kreischenden Minimalmusiker zum ernstzunehmenden, genial-bombastischen Komponisten und Arrangeur namens "Lacrimosa". Und "Goethes Erben"?

Ihnen, speziell Texter und Rezitator Oswald Henke, wurde ja schon des Öfteren der Vorwurf gemacht, das sie nur ein paar intellektuelle Spinner seien, hinter deren tiefgründiger Intonation und Sprachduktus, sich nur allzu flache Inhalte verbergen würden. Auch ich hatte meist den Eindruck als wären die Erben-Hörer eher eine durchgeistigte Masse, aus bebrillten Mädels in Strickjacken und pickeligen Jüngelchen, die sich beim Anhören einer CD schon mit dem Booklet in der Hand, die intellektuellen Wortgefechte lieferten, und bestimmt behaupteten den Sinn im gesamten Kontext erfasst zu haben. Ich war dann lieber ehrlich und gestand das mir die Musik nicht gefiele und für die Texte bin ich wahrscheinlich dann doch einfach zu blöde. Aber! "Nichts bleibt wie es war"!!!

Nun liegt es also endlich vor uns. Nach langen Querelen und seltsamen Marketingaktionen. (Was sollte eigentlich diese Nummer: "Wir machen erst ne neue Platte, wenn alle die Maxi gekauft haben. Weil kein Geld!") Das neue Goethes Erben Album ist da! Und ich? Staune!!!
Hat sich mir die musikalische Vielfalt auf dem Berliner Konzert im Frühjahr nur schwer, oder eigentlich gar nicht erschlossen, macht sie jetzt plötzlich einen Sinn. Den sogar ich begreife.

Das Album gliedert sich in drei Teile.
Der Erstere nennt sich: "Zeit nachzudenken" und beinhaltet mit "Eissturm" und "Glasgarten" nicht nur die zwei Singleauskopplungen, sondern mit "Vermisster Traum", "Ganz still" und "Paradoxe Stille" jenen neuen musikalischen Anteil der Erben, der mich am meisten überrascht hat. Eingängige Melodien, fast poppig, mit Dance-Anleihen, dann wieder verträumt, zart, verspielt, plötzlich fast Hitverdächtig. Klar Peter Heppner verleiht inzwischen jedem seine wunderschöne Stimme, wovon die einzelnen Projekte ja auch profitieren. Aber die recht tanzbaren Ohrwürmer des ersten Teils werden wohl auf Grund des sperrigen Sprechgesangs von Oswald Henke dann doch nicht in irgendeinem herkömmlichen Radiosender laufen. Dann baut sich ein leichtes Klaviergerüst plötzlich mit Hilfe von elektronischen Rhythmussamples zu einem Gitarrengewitter auf, das uns ohne Vorwarnung an alles denken lässt, nur nicht an Goethes Erben.

Wir befinden uns im zweiten Teil: "Zornige Utopien" Hier versammeln sich Geräuschsamples, Krachfetzen, harte Rhythmen, brettharte Gitarrenattacken und Oswald Henke schreit plötzlich. Flucht, flüstert, hetzt einem zornigen Marktschreier gleich durch die wütenden Songs "Nichts bleibt wie es war", "Himmelgrau", "Ganz sanft", "Rotleuchtende einst weiße Engel". Hin zum düster-brutalen "Fleischschuld" das einen fast blutigen Geschmack zurücklässt, bevor alles in dem kafkaesken, klaustrophobischen, zugegeben recht anstrengenden "Zimmer 34" endet.

Dann kehrt mit "Nur ein Narr" erst mal wieder Ruhe ein. Melancholische Stimme fast an AnnaVarney erinnernd und zartes Klavier. Dies ist der dritte und letzte Teil: "Resümee" Hier offenbart sich noch einmal mit "Was war bleibt", "Schreiheit" und "Mensch sein" die neue musikalische Qualität der Erben, die ich auf "Kondition:Macht" noch nicht vorfand. In "Mensch sein" wird die Grundmelodie klar von einander abgegrenzt von verschiedenen Arrangements getragen. Sanfte Pianotupfer, dann technoide Syntheziserflächen, verspielte Akustikgitarre, eine klagende Violine, dann harte Heavy Riffs. Goethes ErbenSie alle spielen abwechselnd die selbe Melodie. Nie zusammen. Im Refrain von "Was war bleibt" singt Oswald fast. Und so baut sich über den oft, nicht leicht, oder auch gar nicht, zugänglichen Texten ein geniales Feuerwerk aus differenziert und punktiert gesetzten Akkorden auf. Die im Einzelnen filigran, fast banal und klar strukturiert sind, in ihrer Komplexität aber ein Wunder entstehen lassen dem man staunend gegenüber setzt. So verschafft einem die Musik die Möglichkeit, sich auf Goethes Erben einzulassen, ohne gleich intellektuell überfordert zu werden.
Genial!!!

Thomas Sabottka für GOTHICWORLD


  "Nichts Bleibt Wie Es War" - Tracklist:

Zeit nachzudenken:
01 - Der Eissturm
02 - Vermisster Traum
03 - Ganz Still
04 - Paradoxe Stille
05 - Glasgarten
Zornige Utopien:
06 - Nichts Bleibt Wie Es War
07 - Himmelgrau
08 - Ganz Sanft
09 - Rotleuchtende Einst Weiße Engel
10 - Fleischschuld
11 + 12 - Zimmer 34
Resume:
13 - Nur Ein Narr
14 - Was War Bleibt
15 - Schreiheit
16 - Mensch Sein
          Kontakt:

Homepage: www.goetheserben.de

Label: www.strangeways.de


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