exclusive interview:
IN EXTREMO: -
Unbeirrbar
Zwei Jahre nach "Verehrt und angespien" melden sich auch die
rockenden Barden von In Extremo wieder auf der musikalischen Bildfläche
zurück. "Sünder ohne Zügel" heißt das neue Album, und ganz
so sündig, wie uns der Albumtitel vorzugaukeln sucht, präsentieren
sich In Extremo anno 2001 nicht. Eher schon zügellos, denn das Songwriting
zum neuen Album hat durch die Integration des neuen Gitarristen Basti eine
neue, beinahe schon New Metal-lastige Komponente hinzugewonnen, ohne jedoch die
traditionell mittelalterlichen Einflüße zu verleugnen. Entgegen den
Befürchtungen, die Mittelalterszene hätte ihren musikalische Zenith
bereits längst überschritten, beweisen In Extremo erneut, daß
Innovation in diesem scheinbar eng gesteckten Genre durchaus denkbar und
machbar ist, ganz zu schweigen von der Anerkennung, die Bands wie Tanzwut oder
eben auch In Extremo mittlerweile auch aus dem Ausland erfahren.
In
wieweit In Extremo und die Musiker der Band mittlerweile in der Tat ein
zügelloses Leben führen, galt es bei einem Interviewtermin in
Dortmund mit Sänger "Das letzte Einhorn" (Micha), Dudelsackspieler "Yellow
Pfeiffer" (Boris) und dem neuen Gitarristen "Der Lange" (Basti) zu
ergründen.
Micha: >> Zügellos heißt jetzt,
nicht erst morgens um acht eine zu rauchen, sondern schon um sechs (lacht).
Nee, wir haben gedacht, wir brauchen einen Namen für die Platte. Wir haben
zusammen gestanden und ich habe irgendwas in die Runde geworfen, und auf einmal
sagt Kai: "Sünder ohne Zügel". Wir gucken uns alle an, "ja, das ist
gut", und das war's." Basti: >>
Wir haben es im Text der Lebensbeichte und es spielt auch so ein wenig auf den
Bandnamen In Extremo an. Wenn du uns auf der Bühne siehst, dann lassen wir
uns auch gehen und dann paßt das schon. << Micha: >> Das paßt auch im Zyklus
der Alben, "Weckt die Toten", "Verehrt und angespien", Sünder ohne
Zügel". Das ist spielmännisch, hat einen gewissen Reiz vom
Mittelalter und es hat etwas Neuzeitliches. Es hat mit Liebe und Sex zu tun.
<<
"Verehrt und angespien" ist mittlerweile zwei Jahre alt und
war ein Riesenerfolg. Hat dieser Erfolg eure Arbeitsweise verändert und
habt ihr einen Druck verspürt, diesen Erfolg wiederholen zu müssen?
Micha: >>Bei der dritten
Platte sagt jeder, "oh, jetzt sind wir mal gespannt, jetzt kommt die dritte
Platte". Einen gewissen Druck hat jeder in sich, das ist klar. Wer das nicht
hat, der lügt. << Boris:
>> Das zu leugnen wäre Schwachsinn. Wir sind ja auch ehrgeizig und
dementsprechend. <<
Micha wohnt am Niederrhein, der Rest In
Extremo's in Berlin. Gestaltet sich eine kontinuierliche Zusammenarbeit und
regelmäßiges Proben da nicht extrem schwierig? Micha: >> Die letzten beide Male bin ich
von Köln nach Berlin getrampt, weil ich Bahn fahren hasse. Mit der
Mitfahrzentrale hat es nicht mehr geklappt, im Flieger habe ich keinen Platz
mehr bekommen., also habe ich mich an die Straße gestellt und bin
getrampt. Das ist schon lustig und macht auch Spaß. Ich pendle also hin
und her. Wir machen dann meistens eine Probewoche oder Probetage. Ansonsten bin
ich die restliche Zeit in Köln. Wir telefonieren natürlich jeden Tag.
<<
Bei Mittelalterbands setzt man immer wieder voraus, sich in
ihren Texten weder zu politischen noch zu sozialen Themen zu äußern.
Gibt es selbstgewählte Grenzen im Hinblick auf die Texte der Band?
Micha: >> Na klar
gibt's die. Guck dich mal in der Weltpolitik um. Wir sind eigentlich sehr
unpolitisch. Bei uns gibt es keine weltpolitischen Statements, oder so etwas.
Wir würden niemals eine Verherrlichung von Krieg oder Gewalt machen. Das
gibt es schon genug und so etwas kommt bei uns auch nicht in die Tüte.
<<
Sicherlich aber zeitlose Themen oder Themen, die das rauhe
Leben im Mittelalter oder harte Zeiten generell prägend charakterisieren.
Basti: >> Härte
hörst du bei uns auch immer wieder raus. Aber es ist ja ein Unterschied,
ob jemand ungerechter Weise geköpft wird oder ob man Gewalt verherrlicht,
indem man sagt "wir haben Spaß daran". Das ist ein großer
Unterschied. << Micha: >>
Es gibt genug Bands, die sich drei Liter Blut ins Gesicht schmieren und dann
rumtoben. Das sind junge Welpen. Laß die sich ruhig austoben, aus diesem
Alter sind wir mittlerweile raus. <<
Mit solchen Bands habt
ihr letztes Jahr in Wacken ja auch schon gespielt. Micha: >> Ja, Wacken ist immer wieder
lustig, und vor allem lustig anzusehen. Leider haben wir dieses Jahr nicht dort
gespielt. <<
Ist die Metal-Szene und das Publikum eine Szene,
in der ihr euch wohl fühlt und mit der ihr euch identifizieren könnt?
Micha: >> Das kannst du gar
nicht mehr unterscheiden. Wenn du ein Festival spielst, bei dem wie in Wacken
zwanzig- oder fünfundzwanzigtausend Leute vor dir stehen und das Feedback
kommt zurück, dann ist das egal, ob das ein "Heavy Metal-Krieg" ist.
<<
Wobei ihr ja immer noch sehr viele unterschiedliche Shows
spielt. Mittelaltermärkte, Festivalshows, Headliner- und Supportgigs, und
immer wieder erreicht ihr ein anderes Publikum. Ob es nun Metaller, Gothen oder
Besucher von Mittelaltermärkten sind. Gibt es für euch Unterschiede
hinsichtlich des Publikums? Basti:
>> Du merkst den Leuten schon Festivallaune an. Wenn das Wetter schlecht
ist, können die Leute anders drauf sein, aber so generell gibt es keine
Unterschiede. << Micha: >>
Wir haben bisher immer Glück gehabt. Auch im Ausland, das war immer
gnadenlos und wirklich gut. Das Wenigste, was wir mal hatten, waren hundert
Leute in Dänemark. Selbst in Amerika haben wir immer
vier-/fünfhundert Leute gehabt. Mexiko war sowieso unter ferner liefen und
auch die ganzen restlichen "Europadinger" waren supergut. Holland, oder auch
Luxemburg war echt klasse. << Basti: >> Roskilde hat's dann in
Dänemark aber wieder rausgerissen. <<
Micha: >> Das Zelt war überdermaßen voll, auch noch
weit nach draußen, so daß die Wände hochgerollt wurden. Das
war dieses tragische Festival aus dem letzten Jahr, wo wir dann direkt nach
Pearl Jam aufgetreten sind. The Cure hatten abgesagt, die Bühne wurde
gesperrt und die anderen Veranstaltungen haben sie weiter laufen lassen. Wir
hatten so einen Klos im Hals und wollten gar nicht spielen. Im Nachhinein sage
ich mir, daß es richtig war, daß wir gespielt haben. Die Leute, die
diesen Unfall miterlebt haben, das waren nur die im Umkreis von zwanzig bis
vierzig Meter um diese Stelle. Der Rest hat das gar nicht begriffen. Wenn dann
das Festival dicht gemacht wird, dann fackeln die ganzen Wikinger da oben nicht
lange. Mir hat das Konzert allerdings wirklich keinen Spaß gemacht,
obwohl wir das souverän über die Bühne gebracht haben. Der
Veranstalter und das Publikum waren richtig dankbar. Das haben wir dann
später mitgekriegt. <<
Ihr habt auf der letzten Tour
Headlinershows in den USA gespielt, was selbst für solch eine weitgereiste
Band wie In Extremo eine neue Erfahrung gewesen sein muß. Habt ihr euch
in diesem Zusammenhang als eine Art Kulturbotschafter gesehen, ähnlich wie
die Neubauten, die früher musikalisch belächelt, heute als
Exportschlager in Sachen zeitgenössischer populärer Musik aus
Deutschland weltweit vorgezeigt und herumgereicht werden? Micha: >> Als Botschafter siehst du dich
da nicht. Mir persönlich geht es so, daß ich, wenn ich in ein
anderes Land komme, sehr gespannt bin. Wieviel Leute kommen heute? Zwei, drei,
fünf, zehn? Plötzlich spielst du als Headliner im "Whisky-A-Go-Go"
vor fünfhundert Leuten und sprichst mit Leuten, die mit Deutschlandfahnen
wehen und In Extremo-Texte mitsingen. Verrückt, einfach verrückt.
Aber ich denke schon, daß viele das so auffassen. << Boris: >> Ich denke, die Menschen in
Amerika haben da schon einen gewissen Durst nach. Ich glaube, daß es bei
denen ein wenig drin steckt, daß sie sich ein bißchen wurzellos
fühlen. Nicht umsonst gibt es ja ganz viele Vereine.
Dänischstämmige Amerikaner, deutschstämmige Amerikaner. Ein
bißchen wehleidig sind sie da schon, daß sie sich wurzellos
fühlen, auch wenn sie es nicht gerne zugeben. <<
Außer Micky Maus, Donald Duck und Coca Cola haben die
Amerikaner ja auch nicht viel, mit dem sie sich kulturell identifizieren
können. Micha: >> Das
war schon eine gute Erfahrung für uns. Du bist natürlich erst mal in
aller Munde und man muß auch sagen, daß Rammstein da natürlich
auch Tore geöffnet hat. Das ist Fakt, so wie das Amen in der Kirche.
<<
Komisch, daß gerade Bands mit abgefahrenen und zum
Teil auch sehr aufwendigen Bühneneshows Erfolge im Ausland feiern
können, auch wenn in diesem Zusammenhang immer nur Rammstein zitiert
werden und eine Band wie Kraftwerk gerne unter den Tisch gekehrt wird.
Micha: >> Klar, die
Amis stehen natürlich drauf. Die stehen auf Prunk. Wenn du in L.A. zum
Beispiel durch die Stadt gehst, da hast du einfach das Gefühl, daß
jeder in dieser Stadt ein Schauspieler ist. Selbst der Tankstellenpächter,
der dir das Benzin einfüllt, ist ein Schauspieler. Viele labern auch nur
rum. Für die ist das ganze Leben ein Schauspiel. Um so verrückter du
irgend etwas machst, umso mehr stehen sie drauf. <<
Da
paßt "das Pferd" ja bestens ins Konzept, handelt es sich dabei doch um
eine extra angefertigte Rahmentrommel überdimensionierten Ausmaßes,
bei dem eine komplette Pferdehaut als Fell Verwendung fand. Das Schlachten und
Abziehen des armen Gaules überließ man dann jedoch den
Fachleuten.
Micha: >> Also
Ralle, der Schlagzeuger, war da schon dran beteiligt. Er wollte immer eine
große Rahmentrommel haben und hat sich so ein Ding nach seinen
Vorstellungen bauen lassen. Er ist runter nach Österreich und hat sich das
Ding da zusammengefummelt. Sie sieht bombastisch aus und hat einen Riesensound.
Da ist eine ganze Pferdehaut draufgespannt. <<
Hoffentlich
reißt das Fell nicht. Micha:
>> Das Erste ist schon gerissen. <<
Dann müßt
ihr euren Tourplan demnächst wohl den jeweiligen Schlachthöfen
anpassen? Micha: >> Es gibt
ja noch Gaffa... (lacht). <<
Was gibt's zu den "Merseburger
Zaubersprüchen 2. Teil" zu sagen?
Micha: >> Den wollten wir immer schon machen. Es gibt ja zwei
Teile. Irgendwann kam Pymonte mit seiner Harfe ins Studio und meinte "Hey
Micha, komm her jetzt und sing mal". Ich sagte nur "Na, was soll ich denn jetzt
dazu singen?". "Na, die Merseburger". Er hat dann vorgeklimpert, ich habe
mitgesungen und das paßte dann richtig gut. Danach mußte ich weg,
irgendwas erledigen, kam wieder und der Rest hatte das dann schon so
vierspurmäßig aufgenommen. Ein bißchen Harfe und Pymonte hatte
das eingesungen und es klang richtig geil. Schade, daß wir die Aufnahme
von dem Gesang nicht mehr haben (großes Gelächter). Ich denke, es
ist ein ganz guter Song geworden, zumal es das erste Mal ist, daß den
überhaupt jemand von dieser ganzen Mittelalterszene vertont hat. <<
Boomte die Mittelalterszene vor zwei Jahren regelrecht, so kam das,
was zwangsläufig folgen mußte. Es fanden sich viele, meist wenig
talentierte Nachahmer und der Ruf der Szene verwässerte zusehends, bis
Subway to Sally oder eben auch In Extremo mit ihren Alben die Verhältnisse
wieder gerade rückten. Besteht durch solche Bands, die sich nur
igrendwelchen Trends anzuhängen suchen nicht die Gefahr, daß sich
das Interesse an den hart rockenden Vagabunden schnell wieder verliert?
Micha: >>Das kann ich dir
nicht sagen. Ich kann nur sagen, daß In Extremo ihren Weg gehen und ihr
Ding machen. Was andere Bands in dieser sogenannten Szene machen, ist ihnen
selbst überlassen. Anfang der neunziger Jahre hieß es auch schon
mal, daß die ganzen Mittlelaltermärkte kaputt wären. Guck aber
mal in so eine Mittelalterzeitung rein. Das ist Wahnsinn. Wir machen ganz, ganz
selten nur noch mittelalterliche Märkte. Wuppertal letztes Jahr war eine
Ausnahme, weil der Veranstalter uns da unbedingt haben wollte. Da standen
zweitausend Leute vor der Bühne und ich bin überhaupt nicht mehr
durchgekommen. Da schreist du dir nur die Lunge aus dem Hals. <<
Hinzu kommen schlechte Kritiken, denn kaum jemand wird die Schuld
beim Veranstalter sondern bei der auftretenden Band suchen. Wenn sich, so wie
letztes Jahr auf diesem sogenannten Mittelaltermarkt in Wuppertal geschehen,
eine handvoll Stände auf einem viel zu kleinen Veranstaltungsgelände
verlieren, so hat das schon einen mehr als faden kommerziellen Beigeschmack.
Micha: >> Das ist der Grund,
warum wir auch nur noch zwei Mittelaltermärkte im Jahr machen. Da machen
wir einmal abends zwei Konzerte bei Stuttgart unten auf dem
Wäscherschloß, und dann noch auf der Runeburg in Weissensee bei
Erfurt. Das is auch ein sehr mittelalterlicher Markt mit alten Medicussen. Ein
Markt, wo du sagst, die kümmern sich und geben sich wirklich Mühe.
Die meisten mittelalterlicher Veranstalter wollen ihre Bockwurst verkaufen,
ihre Cola-Dosen präsentieren und schreiben den Musikern vor, daß sie
sich auch ja stilgerecht kleiden. Selbst Leder ist schon zuviel für die.
Gleichzeitig steht dann irgendwo ein Cola-Automat in so einer Plastikbude rum.
Da faßt du dich dann wirklich nur noch an den Kopf. Von so etwas
distanzieren wir uns natürlich. <<
Wie lange kann man als
Band und als Musiker dieses Image der vagabundierenden Mittelaltermusiker
aufrecht erhalten, ohne unglaubwürdig zu werden? Das eigene, innere
Gefühl ist ja nur ein Aspekt. Viel wichtiger ist, wie man sich und die
Band nach außen hin repräsentiert, ohne sich dabei der
Lächerlichkeit Preis zu geben.
Micha: >> Ich sage mir, die Welt ist groß und In Extremo
sind eine sehr bauchige Band. Dort wird vieles aus dem Bauch heraus entscheiden
und ich denke mal, daß die Band ihren Weg gehen wird. Szene hin, Szene
her. Im Ausland wissen viele gar nicht, was das Ganze mit dem Mittelalter zu
tun hat. Das ist für die der Hammer und denen ist es auch egal, ob wir aus
der Mittelalterszene kommen, oder nicht. In Deutschland kommen ja mittlerweile
auch so viele Leute aus anderen Bereichen zu uns, wo wir zum Teil wirklich
erstaunt sind. Da denken wir im Moment auch gar nicht drüber nach. Wir
bringen jetzt die Platte raus, und dann sehen wir weiter. <<
Empfindet ihr, bei all dem Erfolg der letzten Jahre, einen gewissen
Zwang, mit der Musik euren Lebensunterhalt auch weiterhin bestreiten zu
können? Micha: >> Nein,
nicht unbedingt. Wenn die Plattenfirma sagen würde "Nee, ist nicht", dann
stellen wir uns auch wieder mit dem Dudelsack hin und machen Musik. Das wissen
die aber auch, daß wir von solchen Leuten nicht abhängig sind.
<<
Existenzängste sind euch also vollkommen fremd?
Micha: >> Man denkt schon
mal nach, was ist, wenn die Platte floppt. Man hat ein halbes Jahr Arbeit an
der Backe, man tut und macht und ist natürlich auch gespannt, wenn sie
dann rauskommt. Das ist aber ja ganz normal. <<
Der Zwist mit
Tanzwut, angezettelt von euren Kollegen, und der Umgangston unter den Kollegen
beherrschte eine Zeit lang die Diskussionen. Ist dieser Streit mittlerweile
beigelegt oder unterschwellig immer noch ein Thema? Micha: >> Sie haben uns ein Lied gewidmet,
worüber ich mittlerweile lachen kann. Sie müssen es letztlich aber
selber wissen. Sie sind alt genug und es sind zum Teil ja auch Kollegen, mit
denen wir jahrelang zusammengespielt haben. Man kennt sich eigentlich so gut,
daß es eigentlich albern ist, wenn sowas passiert. Wir haben keinen
Ärger mit ihnen gehabt. Tanzwut machen ihr Ding, und das finde ich auch in
Ordnung, und wir machen unser Ding. <<
Michael Kuhlen (OBLIVION) für die
GOTHICWORLD

Das Review zu "Sünder Ohne
Zügel" findet Ihr hier.
In
Extremo im Netz: http://www.inextremo.de
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