exclusive interview:

Lacrimosa - Der Blick hinter die Fassade

Lacrimosa

"Schau micht nicht an, ich bin kein Tier", so beginnt das neue Album LACRIMOSA's.
Nach den Morden von Witten, die die schwarze Szene wieder einmal unberechtigt in das wenig krtitische und nach Sensation haschende Licht der Öffentlichkeit gerückt haben, bekommen diese Worte eine ganz neue Bedeutung. "Fassade", so der Titel des neuen Albums von Tilo Wolff und Anne Nurmi, beschäftigt sich nämlich genau mit dieser oberflächlichen, wenig kritischen Betrachtung des einzelnen Individuums in der Gesellschaft. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man den Schwerpunkt dieser Betrachtungsweise nun auf die unreflektierende und meinungsbildende Berichterstattung der Medien legt, oder auf die oft vorurteilsbehaftete Einstellung jedes einzelnen Menschen. Zu selten wird versucht, Zusammenhänge und Hintergründe zu beleuchten; was zählt, ist alleine der erste, zumeist äußere Eindruck: die "Fassade".

Dieser Entwicklung entgegen zu wirken, war und ist die durch das neue Album, selbstgestellte Aufgabe Tilo Wolff's, zu derer Unterstützung er sich beinahe ein halbes Jahr in Klausur, sprich die Aufnahmen in Hamburg und Berlin, zurückzog und sich - wie bereits beim Vorgänger "Elodia" - die Mitarbeit eines Symphonieorchesters, in diesem Falle des Babelsberger Filmorchesters, und einer Reihe klassischer Einzelsolisten sicherte.

Herausgekommen ist dabei ein Album, das sich musikalisch deutlich von den beileibe nicht schlechten Vorgängern abhebt. Die musikalische Kombination aus klassischen Elementen und meisterhaft inszenierten Chören in Verbund mit der Rock-Band LACRIMOSA ist an Intensität , emotioneller Tiefe und Authenzität kaum zu überbieten, wobei sich die klassischen Elemente harmonisch in das musikalische Gesamtbild einfügen und zu keiner Zeit als Fremdkörper empfunden werden, im Gegenteil. Wie bei kaum einer anderen Band und einem anderen Album zuvor bedingen sich diese beiden musikalischen Gegenpole in gegenseitiger Eintracht und unterstreichen somit die kompositorische Extraklasse dieses Albums, zu dem Tilo Wolff bislang noch nicht den nötigen Abstand hat gewinnen können, um es wirklich würdigen zu können.


LacrimosaTilo Wolff: >> Wir waren mal zwei Tage in Montreux, das war ganz schön, aber eben nur zwei Tage. So richtig abschalten, das hat sich bisher noch nicht ergeben. Das ist ein bißchen ärgerlich, da sich im Büro nach den Aufnahmen soviel angestaut hat und die Vorbereitungen für den Release anstehen. Jetzt nach der Promotour gehen die Proben los und dann kommt die Tour, die kurz vor Weihnachten zu Ende ist. <<

Anfang Juli seid ihr mit den Aufnahmen fertig geworden, nachdem Anne und du fünf Monate ununterbrochen an dem Album gearbeitet habt. Täte ein wenig Abstand und ein paar Tage Urlaub nach solch einem langen Zeitraum des konzentrierten Arbeitens an einer Sache da nicht mal gut?

Tilo Wolff: >> Ein Abstand täte sicherlich gut, aber wie hatten ja auch nicht geplant, so lange im Studio zu sein. Ich bin mehrfach schon gefagt worden, ob ich mit dem Album denn jetzt zufrieden wäre, und das ist genau der Punkt. Ich verlasse das Studio erst dann, wenn ich auch wirklich zufrieden bin. Ich will nichts veröffentlichen wo ich dann sagen müßte "ja, also jetzt beim dritten Song bitte nicht so genau hinhören". Das wäre furchtbar. Das ist im übrigen auch der Grund, warum wir kein Video mehr drehen konnten. <<

Kannst du, bei solch einem geringem Abstand zum neuen Album, überhaupt schon beurteilen, wie das Album ausgefallen ist?

Tilo Wolff: >> Ich weiß gar nicht, ob da so ein Abstand unbedingt nötig ist. Jetzt im Moment kann ich das Album, und das wird sich Gott sei Dank dadurch, daß bis zur Tour keine Pause mehr dazwischen ist, auch halten, als sehr präsent empfinden. Ich bin gefühlsmäßig noch komplett drin. Wenn ich jetzt Abstand dazu hätte, hätte ich wahrscheinlich Probleme, in dem Maße darüber reden zu können und dann wäre es für mich schwieiriger, die Gefühle auf der Bühne wieder aufleben zu lassen. <<

Das Album heißt "Fassade", was natürlich eine Vielzahl möglicher Assoziationen und Erklärungsansätze eröffnet. Den Blick vor und hinter die Fassade, die Frage, warum viele Menschen sich hinter einer Fassade zu verstecken suchen, was es hinter der Fassade zu entdecken gibt und vieles mehr. Wie ist die Idee zu diesem Konzept entstanden?

Tilo Wolff: >> Mir ging es darum aufzuzeigen, wie oberflächlich sich diese Gesellschaft entwickelt. Fangen wir mal damit an, daß wir eine eindimensionale und fast schon meinungsbildende Informationsflut haben. Auf der anderen Seite haben wir eben auch eine richtige Flut, so daß man gar nicht in die Tiefe gehen kann. Bestes Beispiel, wo die ganze Szene jetzt mal wieder in Verruf gekommen ist, ist der Mord in Witten. Man macht sich gar nicht die Mühe, auch mal dahinter zu gucken. Es wird den Menschen halt das Naheliegendste und Offensichtlichste und vor allem das am sensationellsten klingende zugeführt. Wir wissen zum Beispiel nicht, was heute im Bundestag beschlossen wurde und einen direkten Einfluß auf unser Leben hat. Wir wissen aber alle, was Jenny Elvers heute morgen gemacht hat. Das ist eine Art und Weise und eine Form der Berichterstattung, die sich ganz weit davon entfernt hat, die Menschen zu informieren. Heutzutage werden Verpackungen gebastelt, die entweder mit keinem oder nur minimalem Inhalt, der eigentlich schon sehr fragwürdig ist, gefüllt.

Hier kann man als Beispiel diese ganzen Boygroups anführen. Das sind ja alle austauschbare "Pretty Faces", die zusammengecastet werden. Die Musik wird mal von dem, dann von dem geschrieben und dann wird geguckt, was am hitverdächtigsten ist. Da ist kein Inhalt mehr. Das betrifft viele Dinge, eigentlich alles. Alles, was gemacht wird, entsteht unter dem Eindruck, wie man es am Besten verkaufen kann. Erst dann wird überlegt, was man überhaupt verkaufen möchte. Diese Fassade, die da eben aufgebaut wird, geht dann hinein bis ins Persönliche.

In dieser Gesellschaft muß sich jeder eine Fassade aufbauen um etwas darzustellen. Man muß in dieser Gesellschaft funktionieren, und wenn man so aussieht, wie wir jetzt hier aussehen, dann hat man halt einfach gewissen Probleme. Es ist wichtiger, daß man Anzug und Krawatte trägt, als daß man zum Beispiel sehr schöne menschliche Charaktereigenschaft wie Hilfsbereitschaft oder die Fähigkeit zu seinen Fehlern stehen zu können, hat. Das ist eigentlich eher nebensächlich. Das ist halt diese Fassade, die mehr und mehr aufgebaut wird und diese Gleichschaltung der Menschen, die keinen Individualismus mehr zuläßt.

Wenn ich mir zum Beispiel die Raver angucke, die alle identisch das selbe machen. Alle schreien sie irdendwie "Love, Peace und Happiness, Freedom, Live Your Dreams". Sie leben ihre Träume ja eigentlich gar nicht. Sie beschreien ihre Träume so laut es geht, um zu glauben, daß sie ihre Träume wirklich leben, aber am Montag sitzen sie auch wieder im Büro und duckmäusern vor ihrem Chef. <<

Dies ist aber eine Entwicklung, die sich auch auf die "schwarze Szene" erstreckt, wo viele sich nur am Wochenende wirklich ausleben, während sie den Rest der Woche ebenso in den Zwängen und Fängen der Gesellschaft verstrickt sind.

Tilo Wolff: >> Das mag sein. Sie haben aber zumindest einen Schritt getan, indem sie versucht haben, sich damit auseinanderzusetzen. Früher haben wir solche Leute Wochenendgrufties genannt. Das ist natrürlich auch nicht das Optimale, wobei die Szene ja sowieso ein auch bißchen oberflächlicher geworden ist. Sie läßt sich da auch von der Gesellschaft infizieren.
Manchmal kommt es mir so vor, wie bei Monthy Pithon's "Life of Brian". "Ihr seid alles Individualisten." "Ja, wir sind alles Individualisten", und der einzige, der wirklich Individualist ist, sagt "nein, ich bin kein Individualist". Das ist perfekt und das bringt es auf den Punkt. So sieht es da draußen ja auch aus. Nimm George Orwell's "1984". Die beiden Protagonisten, die in der Abteilung arbeiten, in der die Sprache verändert wird. Das ist zwar schlimm, aber immer noch besser als das, was heutzutage passiert.
Heute wird das ganze Gedankengut nicht öffentlich vereinfacht, sondern es passiert so beiläufig. Man kokettiert mit Inhalten und gibt vor Inhalte zu verbreiten, die eigentlich nur der Staub auf der Fassade sind und die Menschen somit gar nicht mehr die Möglichkeit haben, dahinter zu schauen und zu erkennen, daß sie mehr und mehr für dumm verkauft werden. Darin sehe ich die ganz große Gefahr und das hat zu diesem "Fassade"-Zyklus geführt, der dann natürlich auch titelgebend wurde. <<

Die Überfütterung der Menschen mit Informationen und der unkritische Umgang mit dieser Informationsflut ist sicherlich eine Seite, auf der anderen Seite scheint es aber doch auch so zu sein, daß die Menschen verlernt haben, sich gezielt Informationen zu beschaffen, um der medienpolitischen Meinungsbildung und einseitigen Stimmungsmache zu entgehen.

Tilo Wolff: >> Da ist, denke ich, eine gewisse Trägheit. Es gibt viel zu viel Information, so daß man gar nicht weiß, wo man überhaupt suchen soll. Nehmen wir nochmal den Fall Witten. Warum sollte man an dem zweifeln, was das Fernsehen sagt? Es sitzt ja jetzt niemand vor diesem Bericht und sagt "ach, ich galube, die bei RTL haben das falsch verstanden, das ist sicherlich ganz anders". Und selbst wenn man zweifeln würde, an wen soll man sich wenden?
Unsere Szene hat ja leider überhaupt keine Chance sich so darzustellen, als daß man da wirklich Anhaltspunkte finden könnte, wo man jetzt nachfragen und sich informieren könnte. Hinzu kommt, daß das Interesse dafür ja eigentlich auch gar nicht da ist. Man müßte sich ja damit auseinandersetzen, und wer möchte sich heute schon mit etwas auseinadersetzen? Man will sich ja nicht mal mehr mit seinem eigenen Partner auseinandersetzen.
Das ist heutzutage ja schon viel zu viel und der Grund dafür, warum viele Beziehungen absolut oberflächlich sind. Wenn man sich diese ganze Lifestye-, Frauen- und Männermagazine ansieht, dann kannst du doch in einer Ausgabe lesen, wie man eine Frau kennenlernt, wie man sie im Bett befriedigt und wie man sie wieder los wird. Das ist doch unglaublich. Die Anforderungen, die heutzutage in der Partnerschaft und bei der Partnersuche an die Menschen gestellt werden, sind ja schon unglaublich. Der Mensch muß erstmal super aussehen, einen genialen Body haben, er muß erfolgreich sein, er muß eine Kanone im Bett sein und er muß Humor haben. Wenn irgendwas davon nicht hundertprozentig ist, dann schießt man den Partner ab und sucht sich einen anderen.
Der Moment fehlt, zu sagen, ich setze mich jetzt mal mit diesem Menschen auseinander, auch aus einem Grundgefühl heraus "ich habe mich jetzt nicht in ihn verliebt oder bin nicht mit ihm zusammen, weil er eben erfolgreich usw. ist, sondern weil ein Gefühl da ist". <<

Dies zu erkennen, ist aber erst der zweite Schritt. Vorher muß man sich erst einmal selbst erkennen und die eigene Persönlichkeit anzunehmen wissen, was heutzutage schon schwierig genug ist.

Tilo Wolff: >> Absolut. Das ist ja im Grunde auch das, was in "Fassade 1" vorkommt. Dieser Satz "warst du jemals an dem Abgrund zwischen Herz und dem Verstand, das zu sagen, ich erlerne mich", da geht es eigentlich los. Du kannst eine Kommunikation nach außen nur dann aufbauen, wenn du dich selbst kennst. Das ist das, was ich auf den Platten immer versucht habe, zum Ausdruck zu bringen. Ich werde häufig gefragt, ob das so dunkel sein muß, aber es sehr wichtig, daß man sich auch mal die dunken Seite in sich selbst anguckt und auch die Türen zu diesen dunklen Seiten aufmacht, um eben auch diese Seiten von sich kennen zu lernen. Das heißt auf der anderen Seite aber auch, daß man Licht haben muß, um überhaupt diese Ecken sehen zu können.
Dieses Licht muß ja aus einem selbst heraus kommen. Je mehr man diese Dunkelheit aus den Ecken heraus bekommt, also diesen ganzen Staub wegwischen kann, desto heller kann das Licht auch strahlen. Da sieht man diese Dualität, daß man sich erst einmal kennenlernen muß, um dann auch die positiven Momente wirklich ausleben zu können. Du kannst nicht sagen "heute hat mich meine Freundin verlassen, aber ich gehe jetzt auf die Techno-Party und schreie "Love, Peace, Happiness", weil es Mode und gerade angesagt ist. Es wäre vielleicht wichtiger zu überlegen, warum sie mich verlassen hat und wie ich jetzt damit umgehe.
Auf der anderen Seite ist es aber mindestens ebenso gefährlich, nun in Selbstmitleid zu ertrinken. Also sich auf diese Kerze, die man da hat, zu setzen und komplett in sich abzusacken. Beide Extreme sind sehr gefährlich und man muß versuchen, einen Mittelweg zu finden. Wenn man sich dann kennengelernt hat, ist man auch in der Lage zu wissen, was man will und kann das auch artikulieren und plötzlich funktioniert alles viel, viel leichter. <<

Viele Außenstehende werden sicherlich denken, daß du dich als Künstler in einer relativ exponierten Stellung befindest, ein relativ unbeschwertes und sorgenfreies Leben führst und dir die üblichen Alltagsprobleme relativ fremd sind, was natürlich vollkommener Blödsinn ist. Wie ich dich vor ungefähr einem halben Jahr in Hamburg im Studio besucht habe, hast du ja, ohne ins Detail zu gehen, Andeutungen gemacht, daß du mit der damaligen Lebenssituation ziemlich unzufrieden gewesen bist. Um es mal profan auszudrücken: wieviel von Tilo Wolff und seinen privaten Problemen findet sich demnach in "Fassade" wieder?

Tilo Wolff: >> Es ist natürlich so, daß ich nicht über Dinge schreiben kann, die mich nicht zutiefst bewegen. Diese Entwicklung, die ich gerade beschrieben habe, bewegt mich zutiefst, weil ich eben kein abgehobenes Künstlerleben führe, weil ich Teil dieser Gesellschaft bin, weil ich die Menschen liebe und weil es mir weh tut, wie sie sich entwickeln.
In diesem Zusammenhang bin ich gefragt worden, wie mich solche Dinge überhaupt interessieren können, weil Künstler doch in ihrer eigenen Welt leben. Das ist doch der größte Unsinn. Wenn jemand versucht so etwas vorzuspielen, dann ist er ein Lügner. Es gibt vielleicht zwei, drei Privilegierte und ich denke, daß Madonna da vielleicht ganz andere Probleme hat, aber im Großen und Ganzen ist jeder immer noch Mensch und jeder hat sein Lieblingsgericht, jeder möchte hin und wieder mal einen Film gucken, der nicht mit Amerika, Whisky, Western und Pearl Harbour zugekleistert ist.
Man lebt ja ganz normal in dieser Welt und wenn man versucht, sich da herauszuziehen und sich woanders sieht, dann weiß ich nicht, in wieweit man da überhaupt noch lebt. Ich möchte mich mit meinen Mitmenschen unterhalten können und nicht auf ein Level kommen wo ich sagen muß "ach, weißt du, das geht mich ja gar nichts an. Tut mir leid, daß du solche Probleme hast". Meine Freunde sind ganz normale Menschen, ich bin ein ganz normaler Mensch. <<

Für viele Leute bist du aber mehr als das. Du hast eine Vorbildfunktion und aufgrund dieser auch eine meinungsbildende Funktion, wobei viele diese Meinung sicherlich unreflektiert und ohne kritisches Nachfragen einfach blind übernehmen.

Tilo Wolff: >> Es wird natürlich viel in Leute hinein impliziert, die in der Öffentlichkeit stehen. Das ist aber eigentlich austauschbar. Was in mich hinein impliziert wird, dafür könnte jetzt auch jemand anderes hier sitzen. Dann würde dasselbe auf ihn impliziert werden.
Einer Vorbildfunktion kann man nur dann gerecht werden, wenn man auf dem Boden bleibt und nicht denkt, man wäre etwas Besseres und müßte den Leuten nun sagen, was sie zu tun haben. So fängt ja eigentlich auch das Album an, wo ich sage "ich bin kein Tier" und mich als Erzähler vorstelle und sage, ich bin nichts Besseres und ich bin auch nichts Schlechteres, das ist halt nur mal meine Meinung. Das ist nun mal eine Sache, die mich sehr berührt und sehr bewegt und die mir sehr viel Sorgen bereitet. <<

Hast du an dir ebenfalls Tendenzen bemerkt, oberflächlich auf bestimmte Dinge zu reagieren, ihnen nicht den gebührenden Wert zuzumessen oder sich bestimmten Argumenten aus lauter Selbstschutz zu verschließen?

Tilo Wolff: >> Ja. Das kommt immer mal wieder vor. Wo ich mich später dann frage, was mich gerade in dieser Situation geritten hat. Davor ist man nie gefeit. Es ist halt so verdammt einfach und man bekommt soviel angeboten.
Man ist versucht, auf dieses Buffet zuzugreifen, anstatt in die Küche zu gehen und selber etwas zu kochen. Es ist gut und wichtig, wenn man das selber hin und wieder merkt und sich wieder einordnen kann. Gefährlich ist es, wenn man das nicht merkt.
Es gibt einen Haufen Leute, die sicherlich mal andersdenkend waren und die das verlernt und vergessen haben und heute gar nicht mehr nachvollziehen können, wie sie vor fünfzehn Jahren waren. Das sind oftmals aber auch gerade die, die am lautesten brüllen. Gerade in der Szene. Leute, die brüllen "das ist ja alles nicht mehr Indie" und die man dann drei Jahre später mit ihrem Aktenköffderchen trifft und von denen man auf Nachfrage, was denn nun mit Indie sei, zu hören bekommt: "ach weißt du, man muß ja auch mal erwachsen werden". <<

Im Gesamtzusammenhang zwischen dem Album und der Bedeutung, die man dem Titel und dem tiefgründigen Konzept zumessen kann sowie deiner Popularität stellt sich sicherlich, auch aus deiner bereits angesprochenen Vorbildfunktion heraus, die Frage, in wieweit du Fragen nach deinem Privatleben und deiner Persönlichkeit überhaupt zu beantworten bereit bist und ob eine zu ausführliche Erläuterung deiner Arbeit dem nicht bereits gleich kommt?

Tilo Wolff: >> Ich beantworte Fragen nur bis zu dem Punkt, wo sie ganz spezifisch mein Privatleben oder meine Persönlichkeit betreffen. Ich rede über die meisten Texte eigentlich sehr ungern, weil es Dinge sind, die aus dem geboren wurden, was ich empfunden oder durchgemacht habe. Wenn ich jetzt sage, Text XY soll so und so verstanden werden, so nehme ich dem Zuhörer, der den Grund, warum ich diesen Text geschrieben habe gar nicht kennt, die Möglichkeit, eine Geschichte oder das eigene Erleben in diesen Text hinein zu interpretieren und zu verstehen. Im gleichen Atemzug sage ich auch, daß seine Interpretation unter meiner steht. Es gibt andere Texte, die ich sehr gerne erkläre, wie diesen "Fassade"-Zyklus, weil es mir da wichtig ist, daß man ihn genau so versteht, wie ich ihn meine. Weil ich dort etwas spezifisches ansprechen möchte. Weil ich meine Meinung zu einem Problem sagen möchte. Da ist für mich die Grenze. <<

Blicken wir auf die musikalische Fassade des neuen Albums, dann fällt auf, daß die Integration der klassischen Passagen und der Chöre in Verbindung mit den Gothic- und Metal-Elementen im Vergleich zum Vörgänger "Elodia" sehr viel harmonischer verläuft. Nichts wirkt konstruiert, so daß "Fassade" sehr organisch und in sich sehr gefestigt klingt und somit das Produkt eines unglaublichen kompositorischen Reifeprozeßes markiert, der hier nun seinen vorläufigen musikalischen Höhepunkt erfahren hat.

Tilo Wolff: >> Ich habe ja nie Kompositions- oder Harmonielehre gehabt. Ich habe beim Komponieren eigentlich immer gelernt. Für ein Orchester zu schreiben ist etwas, das Übung und vor allem Erfahrung braucht. Ich sehe Musik machen eigentlich so, als ob ich eine Sprache erlerne. Je länger ich sie spreche, desto besser erlerne ich sie, und umso besser kann ich meine Gefühle von mal zu mal umsetzen. Für die Zeit, in der etwas entstanden ist, ist das sicher immer richtig.
Ich würde jetzt niemals hingehen und "Stille" oder "Elodia" nochmal neu aufnehmen wollen. Für diese Zeit und diese Entwicklungsphase, in der ich mich empfunden habe, ist halt die Entwicklungsphase des Komponierens auf dem selben Level und das vereinfacht natürlich ganz enorm, so daß ich wirklich ganz frei und unbefangen komponieren und allen Instrumenten dienen konnte.
Der nächste Grund ist sicherlich der, daß ich dieses Mal an mich als Produzenten die Aufgabe gestellt habe, ein Album zu machen, bei dem nicht die Band dominiert, wie auf "Stille", wo nicht das Orchester dominiert, wie auf "Elodia", sondern wo alles ineinandergreift und das nicht Gothic und auch nicht Metal ist, sondern die Emotionen zum richtigen Zeitpunkt rüberbringt und auch Platz für die Stimme macht. Die Musik unter das Gefühl zu stellen ohne beim Anhören zu denken, "das Orchester ist geil, die Produktion ist geil". Ich denke, daß auch die Songs sehr gut zueinander passen, sich sehr gut ergänzen und auch ineinander übergreifen. All das ist ja nicht in einem kühnen Geniestreich sondern beim Komponieren entstanden.
Nachdem ich mit "Fassade 1" fertig war, hatte ich das Gefühl, daß das noch nicht alles war und ich noch nicht mit dem befriedigt war, was ich eigentlich sagen wollte. Nach "Fassade 2" ging es mir etwas besser und erst nach "Fassade 3" hatte ich das Gefühl, daß ich meiner Seele Luft verschafft habe und auch musikalisch all das habe umsetzen können, was ich mit diesem Thema verbinde.
Ich war nach "Fassade 1" gewissermaßen frustriert. Ich fand das zwar wunderbar, was ich in die Musik reinlegen konnte, war aber frustriert weil ich das Gefühl hatte, daß musikalisch da noch viel mehr drin lag. Wenn ich da jetzt eine zwanzig Minuten Nummer draus gemacht hätte, wäre es nicht mehr so schön anzuhören gewesen. <<

Von unserem Studiobesuch zur Maxi-Single "Der Morgen danach" weiß ich, daß du während der Aufnahmen eine Reihe gestandener und studierter Orchestermusiker wieder nach Hause geschickt hast, da sie den Anforderungen, die du an sie gestellt hast, nicht gewachsen waren. Das muß doch für solch einen Musiker eine merkwürdige Situation sein, wenn er von einem Autodidakten in Sachen Kompositions- und Harmonielehre gesagt bekommt, die an ihn gestellten Anforderungen nicht erfüllen zu können. Wie reagieren diese Musiker in solch einem Moment?

Tilo Wolff: >> Ich habe oftmals festgestellt, daß die Leute das eigentlich selbst bemerkt haben. Auch wenn sie die Musik zum Teil recht komisch fanden, sie wußten, es ist kein Hexenwerk. Es gibt einen Teil, der sagt: "ja, ärgert mich zwar sehr, ich hätte es gerne gemacht, aber ich akzeptiere und sehe es ein". Manche sagen: "ich wünsche dir noch viel Spaß mit deinem Zeug". Die sind dann so richtig angepißt und andere sagen: "also, tut mir echt Leid, ich weiß nicht, was mit mir los ist", also Leute, die dann im Studio wirklich total zusammenbrechen und weinend aus dem Studio gegangen sind. In dem Moment, wo die Leute mit mir arbeiten, wissen sie ja nicht, ob ich ein studierter Musiker bin, oder nicht. <<

Das entscheidene Moment ist in diesem Zusammenhang ja das Übermitteln von Gefühlen; das Verstehen dessen, was der Komponist mit seiner Musik zum Ausdruck bringen möchte. Musiker, die also nicht in der Lage sind, diese Emotionen musikalisch darzustellen, haben zwar die Partitur lesen, nicht aber deine Gefühle nachvollziehen können?

Tilo Wolff: >> Alles, was an musikalischem Machwerk zu spielen ist, ist hundertprozentig da. Aber genau dieses Gefühl rüberzubringen, das ist das, was ich im persönlichen Gespräch mit den Musikern versuchen muß. Sicherlich kenne ich nicht alle Fachausdrücke und daran merkt man dann vielleicht auch, daß ich kein studierter Musiker bin. Sie respektieren es aber.
Natürlich kam es schon vor, daß, wenn ich mich vor ein Orchester gestellt und sie begrüßt habe, erst mal ein amüsiertes Raunen durch die Runde ging. Das waren dann aber meistens auch die Musiker und die Orchester, die bei den Aufnahmen untergegangen sind. Die sind mit der Einstellung daran gegangen, das mal eben kurz zu machen und die dann merken mußten, daß es so kurz gar nicht geht.
Die Musiker, die dahin kommen, sich hinsetzen und wirklich zuhören, sich damit auseinandersetzen, die bringen dann auch entsprechende musikalische wie auch gefühlsmäßige Leistungen. Das Gefühlsmäßige ist natürlich sehr wichtig und da muß man sich mit den Leuten zusammensetzen und versuchen ihnen klar zu machen, worum es eigentlich geht.
Man kann es aber auch anders erklären: es gibt Jazz-Schlagzeuger, und es gibt Metal-Schlagzeuger. Der Jazzer wird Dinge spielen können, die der Metaller nie hinbekommen wird. Der Metaller spielt Dinge, da vergehen dem Jazzer Hören und Sehen.
Projeziert man das mal auf den selben Stil, dann hat jeder seinen persönlichen Stil und seine Vorlieben. Gerade bei Blasinstrumenten, wo ja jeder eigentlich sein eigenes Instrument ist und das eigentliche Instrument nur eine Art Verstärker, fällt es natürlich ganz besonders auf, wie man den Ton gestaltet. Das ist die Art und Weise, wie man sich in die Musik fallen lassen kann und wie man das in seinem Spiel rüberbringen kann.
Wenn man nur Schulmusiker ist, dann wird man da niemals hinkommen. Das sind dann oftmals die Leute, die schnell wieder draußen sind, weil sie halt so dermaßen auf das fixiert sind, was sie gelernt haben. <<

Wie bist du "Fassade" von der Arbeitsweise angegangen? Hattest du zuerst das lyrische Konzept und dann die Musik dazu geschrieben, oder war es genau anders herum?

Tilo Wolff: >> Zuerst war "Fassade Satz 1", damals hieß es nur "Fassade", weil ich nicht dachte, daß noch mehr kommen würde. Ich habe die Musik geschrieben und dann erst den Text zu "Fassade 2", dann die Musik und den Text zu "Fassade 3". Texte sind eigentlich immer der Dreh- und Angelpunkt und immer zuerst da. <<

Hast du bereits beim Schreiben der Texte eine Vorstellung davon, wie die Melodie und die Melodieführung verlaufen könnte, oder entwickelt sich diese Vorstellung erst beim Kompositionsprozeß?

Tilo Wolff: >> Das ist unterschiedlich. Ich schreibe die Texte ja fernab der Musik. So habe ich ja auch angefangen, bevor ich überhaupt Musik gemacht habe. Bei dem einen oder anderen Texte weiß ich in dem Moment, wo ich ihn schreibe, daß ich ihn nie vertonen werde. Bei manchen Texten weiß ich, daß ich ihn vertonen will, aber noch keine Idee habe und bei manchen Texten ist es bereits beim Schreiben ganz klar, so daß ich das Stück schon fertig im Kopf habe. <<

Ein für LACRIMOSA-Verhältnisse sehr ungewöhnliches Stück ist "Liebesspiel", und zwar weniger aufgrund der musikalischen Darbietung, sondern aufgrund der sehr direkten und aggressiven Darstellung eines Geschlechtsaktes, den man in dieser Form eher Umbra et Imago's Mozart denn Tilo Wolff zugetraut hätte.
Ist diese Direktheit Ausdruck einer bislang in der Öffentlichkeit nicht gekannten Facette deiner Persönlichkeit oder hast du dich beim Schreiben dieses Textes verstellt, um somit der Rolle des Darstellers gerecht zu werden?


Tilo Wolff: >> Nein, gar nicht. Ich habe den Text tatsächlich aus vollem Herzen und voller Seele geschrieben. Das hat allerdings auch einen Hintergrund. Dieser Song ist relativ spät entstanden, und zwar als mir klar wurde, daß "Fassade" ein relativ wichtiger Bestandteil des Albums sein wird. Man hört ein Riff und denkt, man hört jetzt eine Rocknummer. Dann geht es auch stilecht so weiter. Der Chorus, der textlich wie auch gesanglich recht gut zur Sache geht, und dann kommt die Oboe. Und man merkt, "irgendwas ist hier nicht ganz in Ordnung".
Dann fällt man in diesen Chorus, wo musikalisch so richtig was abgeht, der aber sehr harmonisch und beinahe schon poppig, ein blödes Wort übrigens, beziehungsweise sehr pfiffig ist. Genau so soll der Song dann auch inhaltlich verstanden werden. Betrachtet man die Dinge einzeln für sich, so mögen die Strophen, so wie der Akt auf eine gewisse Art und Weise beschrieben wird, gut und recht sein. Das ist aber dann nicht allgemeingültig und kann unter anderen Umständen, wenn man dann eben den Chorus hört, sogar fast ein bißchen erschreckend und konträr wirken. Nur wenn man es zusammenfügt bekommt es einen Sinn.
Ich bin natürlich schon häufig auf diese Direktheit angesprochen worden. Jeder Mensch hat natürlich verschiedene Facetten und es ist interessant zu sehen, wie die Menschen anhand einzelner Textzeilen versuchen, mein Sexualleben zu ergründen. Sie sehen halt nur diese eine Facette, aber manchmal kennt man Menschen über zwei, drei Jahre und dann passiert irgend etwas, wo man erkennen muß, daß man diesen Menschen vollkommen verkannt hat. Da war man unter Umständen mit diesem Menschen zusammen, während man hier nur ein paar Textzeilen hat, von denen man natürlich genau so wenig auf einen Menschen zurückfolgern kann.
Außerdem soll dieser Text noch zum Ausdruck bringen, offen für alles zu sein und nicht gleich diese Fassade aufzubauen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich hier so hemmungslos geschrieben habe, was mir ja normaler Weise vollkommen fremd ist. <<

Ein weiterer, bislang eher ungewöhnlicher Track des neuen Albums ist "Senses", bei dem Anne, wir auch schon auf dem Singletrack "Vankina", alleine die Vocals übernommen und auch den Text geschrieben hat. Ist dies der Ausdruck einer neugewonnenen musikalischen Offenheit?

Tilo Wolff: >> Es ist jetzt nicht so geplant. Das sind Sachen, die sich einfach ergeben. Ich würde aber ganz gerne noch die Verbindung zwischen "Elodia" und "Fassade" aufzeigen.
"Fassade" schließt ja nicht direkt an "Elodia" an. Der letzte Song auf "Elodia" wird ja nicht durch "Fassade 1" repräsentiert und weitergeführt, sondern durch "Der Morgen danach".
Wenn "Elodia" vielleicht der Spaziergang durch eine fremde Stadt war, wo man alle Feinheiten ganz klar gesehen hat, dann ist "Der Morgen danach" so, als ob man auf einen Berg marschiert und "Fassade" und das gesamte Gedankengut, daß dadurch übertragen wird, durch den Blick aus einem anderen und distanzierterem Blickwinkel auf die Stadt bekommt, wo man zwar eben die Feinheiten nicht mehr genau erkennt, aber einen guten Überblick bekommt. Dieses Gedankengut wird durch "Fassade" übermittelt und ist so ein bißchen die Schale für diese ganzen Songs.
Diese Songs sind dann unter anderem "Senses", die die Abhängigkeit aufzeigen, die man bekommen kann, wenn man sich zu sehr an eine Sache oder einen Menschen hängt, respektive ein zu großes Herz für solche Dinge hat. Das kann durchaus etwas Positives haben und so ist der Song hauptsächlich eigentlich auch gemeint, kann aber auch sehr gefährlich werden, was durch diese Breaks und den Abschluß, wo Anne sinngemäß singt "bist du alles, was von mir übrig bleibt", zum Ausdruck kommt, wenn man sich zu sehr in eine Sache hineinsteigert. <<

Es gibt ein sehr interessantes Zitat des neuen Albums, das da lautet: "So trete ich verneigt vor euch, Mutter Angst und Vater Schmerz". Vielleicht kannst du das in diesem Zusammenhang einmal erläutern?

Tilo Wolff: >> Das ist natürlich als Metapher gemeint und wenn wir auf das "sich selber kennen lernen und ausloten" zurückkommen, stellt man, wenn man sich vor den Spiegel der eigenen Seele stellt, fest, daß man aus diesen beiden Teilen Erbmasse in sich hat. Sie bestimmen den großen Teil meiner Persönlichkeit und ich muß mich dem stellen. Ich kann das nicht verschweigen und auch nicht wegleugnen; ich muß mich dem stellen, um es kontrollieren und im Zaum halten zu können und um daran arbeiten zu können, daraus Kraft zu gewinnen.
Früher hat man gesagt, daß die Schlacht gewonnen ist, wenn man die Schwächen seines Feindes kennt. Im Kampf mit sich selbst muß man seine Schwächen kennen. So trete ich eben im Bewußtsein vor die beiden, die im ersten Moment als Übermacht dastehen, ein Teil der beiden zu sein, aber mit dem Gedanken erwachsen werden zu wollen, sich zu lösen, beide auch weiterhin lieb zu haben, und das Leben nicht länger durch sie bestimmen zu lassen. <<

Das Cover zu "Fassade" und die Darstellung einer Modenschau sind sehr bewußt gewählt, zählt doch gerade im Modelbusiness und der Modebranche nur die Äußerlichkeit. Innere Werte sind ohne Bedeutung, die Models und die Gesichter austauschbar und die Modenschauen vermitteln eine Illusion, derer sich die unkritischen Betrachter nur allzu gerne hingeben, ohne hinter die Fassade und die gnadenlose Härte dieser Branche zu blicken.

Tilo Wolff: >> Genau, all diese gleichgeschalteten Besucher, die von sich denken, daß sie Individualisten wären, die sich aber gar nicht die Mühe machen, die Leute nebenan anzugucken. Sie sind total fixiert auf das, was ihnen geboten wird, und merken nicht, daß sie alle gleich aussehen. Sie werden alle von der selben Macht gefüttert.
Dann die Models, die im ersten Moment ja gar nicht schlecht sind und wo niemand etwas dagegen hat, schöne Frauen in schönen Klamotten zu sehen. Das ist ja zunächst mal etwas wirklich positives. Man darf es aber dabei nicht bewenden lassen und deshalb habe ich das Bild dieser Modelszene genommen, denn dort geht es ja wahnsinnig oberflächlich zu, was letztlich nur ein Spiegel unserer Gesellschaft ist. Es sind ja nicht nur Klamotten eine Mode, sondern auch das Gedankengut. Im Moment ist es Mode, seinen Traum zu leben und im Kopf ganz frei zu sein. Aber alleine, daß man sich das impliziert, ist man im Kopf ja schon gar nicht mehr frei.
So sind diese Models repräsentativ für diese Modeerscheinung. Was man vorsetzt bekommt und im gleichen Maße aber auch wieder verworfen wird, sobald diese Models ihre Pflicht getan haben und nicht weiter ausgepreßt werden können.
Der Laufsteg auf dem Cover bricht daher auch vorne ab und endet im Nichts. Sobald also diese Modeerscheinung und die Menschen, die dafür herhalten mußten durch sind, werden sie fallen gelassen und stürzen ins Nichts. Genauso sitzen aber auch die Besucher am Abgrund. Sie sehen es nur nicht und es stört sie auch offensichtlich auch nicht, weil sie durch das, was auf dem Laufsteg passiert, gebannt sind.
Der Clown steht ganz hinten in der Ecke und ist deswegen so klein, da sich an der Situation gar nichts ändert, auch wenn er weggehen würde. So sehe ich das auch. Diese Platte wird die Welt nicht verändern. Er beobachtet, ist aber kein Teil davon und wird auch von niemandem gesehen.
Er ist der Einzige, der überhaupt nicht agiert. Alle anderen sind aktiv. In der Art und Weise, wie er dargestellt ist, scheint das zwar nicht so zu sein, aber wahrscheinlich ist er doch der Aktivste, denn er hat diese Platte ja besungen. Ich glaube, ich habe noch nie so lange über einem Cover gebrütet, wie bei diesem Album. <<

LACRIMOSA zählen nun schon seit Jahren zu den erfolgreichsten und wichtigsten Künstlern der Gothic-Szene, wovon nicht nur zahlreiche Charterfolge sondern auch weltweite Tourneen zeugen. Wie definierst du daher für dich persönlich den Begriff des "Erfolgs"?

Tilo Wolff: >> Erfolg ist es dann, wenn meine Arbeit Kunst ist. Dabei definiere ich Kunst als etwas, das einen Menschen inspiriert, ihn für ein paar Minuten aus seiner Welt herauszuholen, ihn für diese Dauer glücklich zu machen und dadurch seine Seele zu berühren. Etwas, das nicht austauschbar ist und nicht jeder jederzeit reproduziert werden kann. Da ich das Gefühl habe, das es so ist, denke ich, daß ich Kunst mache und deswegen auch Erfolg habe. <<

Reproduzierbarkeit ist hier ein gutes Stichwort, denn vieles von dem, was die einzigartige Atmosphäre des neuen Albums ausmacht, wird auf der bevorstehenden Tour ohne das Orchester und der daraus resultierenden Verwendung von Samples leider doch wieder verloren gehen.

Tilo Wolff: >> Das genau ist der Punkt der Reproduktion. Ich möchte auf der Bühne ganz bewußt nicht reproduzieren und ich denke, selbst wenn ich die Möglichkeit hätte mit einem Orchester auf die Bühne zu gehen, würde ich wahrscheinlich nur einen oder maximal zwei Songs mit Orchester spielen.
Im Studio versuche ich, ganz nah an meine Gefühle zu kommen und bin sehr introvertiert. Auf der Bühne bemühe ich mich sehr extrovertiert sein und diese Gefühle dem Publikum nahe zu bringen. Ich bin darauf angewiesen, daß mir das Publikum etwas zurückgibt. Wenn das passiert, dann möchte ich auf der Bühne inspirieren, die Gefühle, die ich in diesem Moment habe, rüberbringen und variieren. Da ist es dann wahnsinnig wichtig, wenn man anfängt zu improvisieren.
Du kannst mit einem siebzigköpfigem Orchester nicht anfangen zu improvisieren. Wenn man mir diese Improvisation und die Möglichkeit, von der Bühne herab auf das LacrimosaPublikum einzugehen, nehmen würde, würde ich mich fühlen, als ob ich ein Theaterstück spiele, etwas reproduziere, Das ist, finde ich, fast ein Betrug am Publikum. Ich erwarte vom Publikum, daß es sich mit der Musik auseinandersetzt, wohlwissend, das alles, was ich da hineinlege, persönlicher Natur ist. <<

Würde es dich denn nicht reizen, ähnlich wie Goethes Erben es mit "Kondition Macht" gemacht haben, solch ein Projekt einmalig auf die Beine zu stellen und das textliche Konzept durch Schauspieler für die Besucher transparent zu machen? Gerade bei einem Album wie "Fassade" bietet sich solch eine Art der Aufführung doch gerade zu an.

Tilo Wolff: >> Das fände ich sehr interessant, dürfte aber nicht zu einer regulären Platte sein. Wenn das entsprechende Musikwerk dafür da ist, würde ich so was sehr, sehr gerne machen. Es gibt da auch ganz konkrete Vorstellungen, die ich bisher nur noch nicht umsetzen konnte, weil mir die Zeit gefehlt hat. Das ist aber auf jeden Fall eines der Fernziele. <<

Bis dahin gilt es, Lacrimosa auf der nun anstehenden Tournee im Oktober / November die Aufwartung zu machen.



Michael Kuhlen (OBLVION) für GOTHICWORLD


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