Festival-Bericht:



M'ERA LUNA 2003
09.+10.08.2003 - HILDESHEIM, Flughafen Drispenstedt

Sonntag, 10. August 2003:

M'Era Luna 2003Alle Versuche, das Festivalgelände rechtzeitig zum Beginn des Auftrittes von LITHIUM zu erreichen, ganz zu schweigen von den Shows von CHILLBURN, XANDRIA, HEKATE, BREATH OF LIFE und EVEREVE, waren nach dem kräftezehrenden Vortag zum Scheitern verurteilt und so konnten wir zumindest einen letzten Blick auf die Schweden erhaschen, als sie gerade unter wohlwollendem Applaus die Bühne verliessen.

Mila MarMILA MAR, die als nächste Band im Hangar ihre Show begannen, zählen aufgrund der nicht nur unglaublichen Bühnenpräsenz von Sängerin Anke Hachfeld zu den Gewinnern dieses Festivals, auch die Stimme der immer wieder mit den Kameras der Fotographen koketttierenden Sängerin ist eine Extraklasse für sich. Kaum eine andere Sängerin verfügt über solch eine Ausdrucksstärke, über solch eine zugleich liebkosende wie kraftvolle Stimme, und kann für sich in Anspruch nehmen, sich als eine der wenigen Sängerinnen mit ex-Dead Can Dance Sängerin Lisa Gerrard messen zu können. Dies sah wohl auch das Publikum so, denn immer wieder brandete bei ihrer Gesangsperformance spontan Applaus auf. MILA MAR gehören ohne Fragen zu den Bands, deren Auftritte pure Magie vermitteln, während die Alben vergleichsweise blass und farblos bleiben. (MK)

IlluminateILLUMINATE waren immer schon umstritten. Für die einen einfach nur zum Heulen schön, für die anderen ein kaum zu ertragener Schwall an Kitsch, hart an der Grenze zum Schlager kollabierend. Mit der aktuellen "Best Of" CD im Gepäck, präsentierte sich ein sichtlich abgespeckterJohannes Berthold nun dem schwitzenden Publikum. Daneben fiel die personelle und musikalische Veränderung der Band auf. Keyboarder Markus Nauli und Gitarrist Jörg Langenfeld sind nun schon eine Weile dabei und schaffen es, den ILLUMINATE-Sound live recht druckvoll rüber zu bringen. Die für die "Best Of"-CD angekündigten Veränderungen wurden so auch live präsentiert, nur stellt sich hier die Frage, ob das Kokettieren mit Metalelementen bei einigen der Stücke wirklich so innovativ ist. Zu sehr erinnern Hr. Bertholds Bestrebungen immer mehr an eine bekannte Schweizer Band, beinahe so, als versuche er mit aller Gewalt die nie richtig stattgefundene (aber gerne immer wieder erwähnte) Zusammenarbeit mit deren Mastermind zumindest dadurch wett zu machen, dass er genau so viel Erfolg hat. Ob das für ILLUMINATE gut ist, wage ich zu bezweifeln. Auch bewiesen Johannes und Mitstreiter wieder einmal, dass sie nun wirklich keine Band für den sonnigen Nachmittag auf einer grossen Open Air-Bühne sind, was geradezu schmerzlich das Fehlen der Performance bewusst machte. Zum Schluss soll leider nicht unerwähnt bleiben, dass der Weggang von Daniela Dietz wohl die schlimmsten Auswirkungen auf ILLUMINATE hat. Die neue Sängerin hat zwar eine einigermassen gute Stimme, aber auf der Bühne - man verzeihe mir - die Ausstrahlung eines Sack Kartoffeln. (TS)

Within TemptationWenn man sich die Anzahl der Presseleute im Fotograben und vor der Bühne an sah, wenn man die aufwendig und sehr schön gestaltete Bühnendeko betrachtete, wenn man sich die energiegeladene Show von Sängerin Sharon den Adel und ihrer Jungs ansah, das musikalische Können, die Leidenschaft der Darbietung und vor allem die fast grenzenlose Euphorie, die der Band von Seiten des Publikums entgegengebracht wurde, dann wird einem bewusst, dass man bei diesem Gig von WITHIN TEMPTATION dem ganz großen Ding der Zukunft beigewohnt hat. Kein Wunder, dass die Holländer gerade bei diesem Festival auftraten, werden sie doch vom "Sonic Seducer" Haus- und Hofmagazin "Schattenreich.TV" dermassen in den Äther geschleudert und gehypt, dass es eigentlich schon wieder nervt. Genauso, wie der fünftausendste Aufguss von "schöner Frauenstimme und harten Gitarren" eigentlich keinen mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Within TemptationDoch WITHIN TEMPTATION bewiesen live zumindest, dass sie ein ganz eigenes Ding auf die Beine stellten. Eine gelungene Show, eine schweißtreibende Leistung, die gekonnt rockige Härte mit atmosphärischer Schönheit verband und die Massen in Bewegung brachte. Einer der Höhepunkte des Festivals, die mit Sharon den Adel auch die unbestritten schnuckeligste Sängerin des Festivals in ihren Reihen hatte, auch wenn die Kate Bush Coverversion "Running Up That Hill" nicht wirklich zu den musikalischen Grosstaten der HolländerIn zu zählen ist. (TS)

Phillip Boa & The Voodoo ClubKaum ein Musiker hat soviel Prügel bezogen, wie der ehemalige "Indie Papst" PHILLIP BOA und sein VOODOO-CLUB. Zumindest meine Jugend hat er massgeblich mitgestaltet und eines muss ihm selbst der vehementeste Kritiker lassen: er hat es mal geschafft Musik zu machen, bei der man schon nach den ersten Takten erkannte, dass es sich nur um PHILLIP BOA handeln kann. Das zumindest ist schon mal eine Leistung. Lange Zeit wurde es still um ihn und die letzten CDs erreichten kaum noch das Ohr der Hörer. Nun will er im September ein neues Album auf den Markt bringen und stellte sich live mit der grosspurig angekündigten Wiederkehr von Pia Lund dem Publikum. Das verwundert schon, da die Schlammschlacht um die Trennung der damaligen Noch-Ehefrau und Sängerin Lund fast schon Bildzeitungscharakter hatte. Zusammen mit seiner maltesischen Band und eben besagter Frau Lund spielte BOA, zum Glück, vor allem alte Klassiker. "Container Love", "Kill Your Ideals", "And Then She Kissed Her" durften da nicht fehlen und auch das meiner Meinung nach beste VOODOOCLUB Stück, "Fine Art In Silver". Die beiden neuen Songs blieben eher farblos und blass. Soweit so schön. Auch die Backing-Band ist hervorragend, die Drummerin genial, aber das Problem seines schwindenden Erfolgs wurde hier, trotz der guten alten Hits, nur all zu deutlich. Singen kann Pia Lund nämlich immer noch nicht. Die Aufgabe der "weltbesten Zweifingerkeyboarderin" braucht sie auch nicht mehr zu übernehmen, da die neue Band einen wirklichen Keyboarder hat. Nein, Pias Rückkehr ist nicht der Garant für neuen Erfolg. Denn der VOODOOCLUB um den Ex-Dortmunder BOA verlor an Tiefenschärfe als das erste Drum-und Percussionensemble um THE VOODOO und DER RABE ausstieg. So waren die alten Klassiker zwar eine Wehmutsträne wert, handwerklich perfekt dargeboten, aber im Vergleich konnten sie den alten Standard bei weitem nicht erreichen. Wieder eine Legende mehr die sich selbst montiert, und das sage ich als alter Fan. (TS)

Subway To SallySUBWAY TO SALLY sind alte Hasen im Showgeschäft und schon die Warnung der Security, beim dritten Stück würde es Wasser von der Bühne regnen, machte die ganze Routine der Band deutlich. Handwerklich perfekt, von Beginn des Sets an ständig in Bewegung und extrem agil, boten Mr.Fish und Frau Schmidt das gewohnte SUBWAY-Programm, wobei man ob des unorthodoxen Gesangsstiles von Sänger Eric immer Angst haben muss, dass dem vor lauter Luft pressen gleich der hochrote Schädel vom Kopf fliegt. Zusätzlich Smypathien erwarben sich SUBWAY TO SALLY, als Eric Fish das Publikum mit dem vor der Bühne liegenden Feuerwehrschlauch tüchtig nass spritzte und somit für etwas Abkühlung in der Gluthitze des Mittags sorgte. Kein überragender Gig, aber dennoch genau den Party-Nerv des mächtig abfeiernden Publikums treffend. (MK)

Diary Of DreamsNach 2001 erneut im Hanger fanden sich DIARY OF DREAMS wieder, die ihren Set aggressiv begannen und dafür vehement mit den Ovationen des Publikums belohnt wurden. Fiel der Auftritt des Traumtagebuchs in Leipzig nicht ganz so überzeugend und eher verhalten aus, so wurde die Show in Hildesheim zu einem absoluten Triumphzug für Adrian Hates und seine Meute. Songs wie "Butterfly Dance" oder "Chemicals", alle übrigens wieder in veränderten Arrangements, liessen den Hangar in seinen Grundfest erbeben, wobei DIARY OF DREAMS den Nachweis erbrachten, dass man mit Hilfe eines fähigen Soundmannes auch im Klangtod Hangar einen perfekten Sound hinzaubern kann. Ständig in Bewegung und das Publikum zum Tanzen animierend, sind DIARY OF DREAMS durch die neuerliche Hinzunahme eines festen Gitarristen einer der besten Live-Acts der Dark Wave-Szene, eingerahmt von einer effektiven Lightshow und dem unbedingten Willen, das Publikum für sich zu begeistern. Fette Show. (MK)

Apoptygma BerzerkAPOPTYGMA BERZERK waren für mich live (wieder einmal) die grösste Enttäuschung des Festivals. Auch wenn Äusserlichkeiten ja eigentlich Nebensache sind, so gewinnt man mit einem Drummer, der aussieht als habe man ihn gerade bei Wolfgang Petry abgeworben, und dem affektierten Rockstar Gehabe eines sichtlich gealterten Stephan Groth bei mir definitiv keinen Blumentopf. APOPTYGMA BERZERK sind mir live zu viel Metal, zu viel dummes Gepose, viel zu viel Party und leider viel zu wenig Rückbesinnung auf die eigentlichen Stärken der Band, nämlich stimmige und elektronische Songs, die für viele Bands zur Blaupause ihrer Future Pop-Aktivitäten geworden sind. Natürlich fehlten weder Tracks wie "Non Stop Violence" oder "Until The End Of The World", doch fehlte dem Auftritt die Seele, das unbedingte Einstehen für die Historie der Band. Auch wenn die Fans das anders sahen und vor allem in den ersten Reihen vor der Bühne mächtig der Punk abging, so werden APOPTYGMA BERZERK in dieser Verfassung bald sang- und klanglos von der Bildfläche verschwinden. (MK)

ApocalypticaMeine Erwartungshaltung APOCALYPTICA gegenüber war gleich Null, so dass ich zwar von der energiegeladenen Show und dem spieltechnischen Vermögen der Finnen mehr als beeindruckt war, nicht aber von den unsäglichen Versionen diverser Metallica-, Sepultura und Savatage-Klassiker. Bei der fürchterlichen Version des Savatage-Klassikers "Hall Of The Mountain King" wird der verstorbene Savatage-Gitarrist Chris Oliva wahrscheinlich im Grabe rotiert sein, während Metallicas "Fight Fire With Fire" nur aufgrund der Ansage als solches zu erkennen. Hinzu kommt, dass das Cello an sich ein wohlklingendes Instrument ist, das, durch einen Verzerrer gejagt, eher an ein Kettensägermassaker denn an einen künstlerischen Hochgenuss erinnert. Sorry nach Finnalnd, aber das war einfach grauenhaft. (MK)

PlaceboPLACEBO zählen ja irgendwie zu "Everybody's Darling". Die Presse liebt sie, die Musikkritiker lieben sie die Fans lieben sie sowiese, aber warum eigentlich? Der Auftritt des Trios, bei dem die Girlies in den ersten Reihen alleine durch die blosse Anwesenheit Brian Molkos gleich reihenweise in Ohnmacht fielen - etwas, was selbst HIMs Ville Valo hier nicht geschafft hat - erinnerte eher an englische Leichtmatrosen beim Landgang in Kalkutta, auch wenn die gitarrendominierten Song in bester Britpop-Manier voller Spielfreude und mit viel Engagement vorgetragen wurden. Die markante Stimme Molkos, der von der schmächtigen Statur so gar nicht dem Sexsymbol entspricht, als das er gerne verkauft und dargestellt wird, schmachtete voller Herzschmerz fröhlich vor sich hin und mehr als einmal ging ein entzücktes Kreischen durch's vornehmlich weiblich entrückte Publikum. Die grossartige und effektvoll in Szene gesetzte Lightshow tat ihr übriges, Placebo ins rechte Licht zu rücken und das Mera Luna zu einem würdigen Abschluss zu führen. (MK)

Selbst der Mond, der sich zum Ende dieses wieder einmal grossartig organisierten Festivals und bei den letzten Klängen Placebos in seiner voller Grösse am wolkenfreien Firnament präsentierte, schien den Besuchern zum Abschluss zuzuzwinkern und sie für nächstes Jahr erneut nach Hildesheim einladen zu wollen. Dann aber vielleicht bei etwas niedrigen Temperaturen.
Gell Scorpio, Ihr arbeitet doch daran, oder?



- Samstag, 09. August 2003

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Michael Kuhlen (MK) & Thomas Sabottka (TS) für GOTHICWORLD

Photos: Michael Kuhlen (OBLIVEON) & Sir Ritchie (GothicWorld)