interview:

MORE MACHINE THAN MAN
" Fetischismus als Gesamtkunstwerk"

Zugegeben, Fetischismus und der musikalische Umgang mit sadomasochistischen Elementen ist beileibe keine Sensation mehr. Bands wie die Genitorturers, Die Form oder Umbra et Imago seien hier nur stellvertretend für viele weitere Bands genannt. More Machine Than Man, das Projekt der Amerikaner Tech und Tarsha, reiht sich nahelos in diese Aufzählung ein.

Dabei verstehen sich More Machine Than Man als Gesamtkunstwerk, das die Bereiche Musik, Performance, Graphik und Animation in sich vereint und deutlich macht, dass die Obsession dieser sexuellen Stimulanz weit über den plakativen Charakter eines Images hinausgeht und vielmehr die konsequente Fortsetzung des Lifestyles ist, den Tech und Tasha auch privat pflegen. Musikalisch bewegen sich More Machine Than Man zwischen Popklängen und zum Teil heftigen Industrialattacken, ergänzt durch elektronische Klangkreationen. So ist die Nähe zu den im Info der Plattenfirma als Vergleich herangezogenen Bands wie KMFDM, Nine Inch Nails oder Pitchshifter durchaus nachvollziehbar, wobei hier Die Form bewusst unterschlagen wurden, weist das Debüt "Electrolust" doch sicherlich die grössten Gemeinsamkeiten zu den Franzosen um Philippe Fichot auf.


GW: Da "Electrolust" das erste musikalische Lebenszeichen More Machine Than Mans ist - eine Singleveröffentlichung wird in Kürze folgen - galt es gemeinsam mit Keyboarder, Gitarrist und Percussionist Tech in aller Offenheit zunächst einmal darum festzustellen, wann die Band aus der Taufe gehoben wurde und was der ausschlaggebende Faktor für die Gründung solch eines provokanten Duos gewesen ist.
Tech: Tasha und ich haben erstmalig 1998 Songs für dieses Projekt geschrieben. Wir haben alleine wie auch gemeinsam eine Reihe von Projekten gehabt und gemerkt, dass wir alleine gemeinsam etwas auf die Beine stellen wollten. Wir wollten alleine arbeiten und uns nicht den Zwängen einer grösseren Kollaboration unterwerfen.

GW: Ist More Machine Than Man eurer erstes musikalisches Projekt oder seid ihr vorher bereits in anderen Bands aktiv gewesen? Woher stammen eure musikalischen Einflüsse?
Tech: Wir lieben eine grosse Bandbreite an Musik und wuchsen in Elternhäusern auf, wo Musik immer präsent war. Auch wenn wir unser Musikgeschmack sehr vielseitig ist, so würde ich doch sagen, dass uns folgende Bands besonders beeinflusst haben: The Cars, The Police, Van Halen, Queensryche, Garbage, Eurythmics, Janes´ Addiction, Faith No More, Alice and Chains, Soundgarden, KMFDM und Ministry.

MMTMGW: Hast du dich je gefragt, woher dein tiefgreifendes Interesse an Fetisch und S & M herstammt? Wann hast du festgestellt, dass deine sexuellen Phantasien in diese Richtung gingen und wie lange hat es gedauert, bis du dich offen dazu bekennen konntest? Was würdest du Menschen raten, die im Gegensatz zu dir nicht den Mut haben, sich in aller Öffentlichkeit dazu bekennen?
Tech: Ich bin in einem sehr katholischen Elternhaus aufgewachsen und denke mal, dass all die Darstellungen von Folter, Jungfrauen, Disziplin und Opferung einen Einfluss gehabt haben. Der Katholizismus erhebt all diese Dinge zu heiligen Handlungen, definiert aber zugleich viele Dinge als verboten. Es liegt in der Natur des Menschen, solche Tabus zu durchbrechen und herauszukitzeln. Ich war immer schon extrem veranlagt und habe glücklicher Weise meinen Weg zu Industrial- und Fetischparties gefunden, wo ich meine Neigungen entsprechend ausleben konnte. Ich finde auch nicht, dass man seine sexuellen Neigungen nun wirklich in aller Öffentlichkeit ausleben sollte. Jeder sollte das tun, was für ihn das Richtige ist. Ich bin aber schon auf der Auffassung, dass jeder einen Partner mit ähnlichen sexuellen Neigungen finden sollte, so dass man zuhause gemeinsam neue Dinge entdecken und erleben kann. Das ist für mich das Wichtigste.

GW: Wieviel von dem, was More Machine Than Man verkörpern und darstellen, ist wirklicher Lifestyle und die visuelle und aurale Umsetzung eurer Charaktere und eurer sexuellen Obsessionen? Unterscheidet ihr zwischen eurem privaten Leben und der Show?
Tech: Die Musik und das Visuelle von More Machine Than Man sind Ausdruck unserer Persönlichkeit und gleichzeitig ein sehr gesunder Weg, unsere Frustrationen und dunklen Impulse los zu werden. More Machine Than Man ist eine Reflektion einer oder mehrerer Aspekte dessen, wer und was wir sind.

GW: Ist Provokation dabei eine der Triebfedern eurer künstlerischen Arbeit mit More Machine Than Man? Wenn ja, denkst du, dass die Menschen in der Lage sind, dies zu verstehen ohne sich nur angegriffen und provoziert zu fühlen?
Tech: Nach Live-Shows sind immer wieder Leute zu uns kommen, die meinten, wir würden es ein wenig übertreiben, was mich schon ein wenig verwundert, denn bislang sind wir nur vor Erwachsenen auf reinen Industrial- und Fetisch-Events aufgetreten. Daher muss man schon etwas sehr Intensives auf die Beine stellen, um Eindruck zu hinterlassen. Wir provozieren ganz bewusst, um eine Reaktion der Leute zu bekommen. Sie sollen etwas fühlen und erfahren, wenn sie More Than Machine sehen und hören, ohne, dass sie sich dabei angepisst fühlen müssen.

GW: Stört es dich, wenn die Leute rein aus einem voyeuristischen Interesse heraus zu euren Shows kommen?
Tech: Die Szene lebt von Voeuyren und Exhibitionisten. Wenn wir nicht selbst auftreten, nehmen wir für uns selbst gerne in Anspruch, den Exhibitionisten bei ihrem Treiben zuzusehen.

GW: Wann habt ihr damit begonnen, die Songs für "Electrolust" zu schreiben? Habt ihr ein gewisses Schema, nach dem ihr vorgeht oder kann es sein, dass sich eure Songs auch rein aus einem visuellen Reiz entwickeln, den ihr erst hinterher versucht musikalisch umzusetzen?
Tech: Das Material für "Electrolust" wurde im Jahr 2000 geschrieben. Wir wissen häufig nur, dass wir ein bestimmtes Gefühl oder eine bestimmte Stimmung erzeugen wollen. Das kann mit einer Gesangsmelodie oder einem Synthie Groove beginnen. Da variieren wir immer etwas.

GW: Was ist für euch der wichtigste Moment beim Songwriting? Zieht ihr es vor auf elektronischem Wege zu arbeiten oder euch lieber vom aggressiven Klang einer Gitarre mitreissen zu lassen? Zählt in erster Linie die Atmosphäre des Songs?
Tech: Das wichtigste ist eine Idee oder ein Konzept zu haben, das uns inspiriert. Wenn es uns selbst nicht berührt, wie soll es dann ein Publikum berühren? Es gibt mei More Machine Than Man immer zwei Seiten: auf der einen Seite das tanzbare Material, und auf der anderen Seite das aggressive, gitarrenorientierte Material. Unser aktuelles Material fasst dies am besten zusammen. Es ist sexy, tanzbar und beinhaltet zugleich viele Gitarren. Diese Veränderungen sind aber auch Ausdruck unserer ständigen Entwicklung. Es wäre langweilig, immer dasselbe zu machen. Wir hören ständig neue Dinge, denken ständig neu, wir fühlen neue Dinge, also machen wir auch neue Sachen.

GW: Eure Songs werden durch kurze instrumentale Stücke miteinander verbunden. Was war der Grundgedanke hinter diesen kurzen Stücken?
Tech: Wir begannen "Electrolust" zu schreiben und uns wurde plötzlich klar, dass wir ein Album kreieren wollten, dass als ein nahtloses Stück Musik verschiedene Motive beinhalten sollte. Viele dieser Motive sollten kurz und bündig in beinahe Pop Musik formartierten Songs münden, während andere rein instrumentelle Segmente darstellen sollten.

MMTMGW: Gibt es bereits Pläne für weitere Veröffentlichungen?
Tech: Wir haben bereits ein komplett neues Album geschrieben und sind gerade dabei, die Aufnahmen fertigzustellen. Momentan planen wir in Europa und Nordamerika mit "Binary Sex" noch eine Single inklusive zwei neuer Tracks und diverser Remixe zu veröffentlichen. Die beiden neuen Tracks dieser Maxi wurden von En Esch von KMFDM und Slick Idiot produziert. Girls Under Glass haben einen Track produziert, der auf dem Album stehen wird. Für uns war die Zusammenarbeit mit diesen Leuten eine grossartige Erfahrung, da sie zu unseren grössten Einflussen zählen. Da En Esch ebenfalls in den USA lebt, war es ihm möglich zu uns ins Studio zu kommen, wo wir unglaublich viel von ihm gelernt haben.

GW: Fast alle Texte auf "Electrolust" handeln von sexuellen Themen und Obsessionen. Kannst du dir daher vorstellen, dass ihr euch in Zukunft auch anderen Themen zuwendet, ohne dabei das Konzept der Band zu zerstören oder in Frage zu stellen? Kann es nicht auch gefährlich sein, sich nur auf ein alles übergreifendes Thema zu konzentrieren?
Tech: Wir behandeln sicher auch andere Themen in unseren Texten als nur Sex. "Obsolete" von "Electrolust" zum Beispiel hinterfragt die gesellschaftlichen Gründe für die Schiessereien an unseren Schulen in den USA, während "God" unsere Einstellung zur organisierten Religion zum Thema hat. Viele unserer Texte behandeln zudem die emotionelle Seite einer S & M-Beziehung und betrachten diese aus einer realistischen Sichtweise heraus. Für die Meisten sind wir aber sicherlich die geilen Perversen, die nur über Sex schreiben. Wenn wir alle diesem Thema aber überdrüssig wären, würde die ganze Musikindustrie nicht mehr eine einzige CD verkaufen. Wir wären alle arbeitslos und Madonna würde vielleicht bei McDonalds arbeiten.

GW: Schenkt man eurer Biographie Glauben, so basieren More Machine Than Man nicht alleine auf Musik, sondern auch auf Animationen, Filmen und Photographie. Würdest du More Machine Than Man daher als allumfassendes künstlerisches Projekt betrachten oder gibt es bestimmte Präferenzen in dieser künstlerischen Arbeit?
Tech: Wir betrachten uns in der Tat als Multimediaprojekt. Die Musik ist ist sicher das Gravitationsfeld, um das sich alles andere dreht, aber wir betrachten all dies als Teil eines grossen kreativen Prozess. All diese unterschiedlichen Medien, mit denen wir arbeiten, sind nur ein weiterer Ausdruck unseres Konzeptes oder unserer Emotionen in Bezug auf den jeweiligen Song. Unser Image folgt keinem Marketingplänen, das von einem Label entwickelt und überwacht wird. Bislang ist alles, was wir tun, Ausdruck unserer Kreativität.

MMTMGW: Gibt es, nach der Veröffentlichung des Albums, weitere Formate, eine DVD zum Beispiel, die auch die andere(n) Seite(n) eures künstlerischen Schaffens widerspiegelt?
Tech: Jetzt, da Multimediaformate immer mehr Verbreitung finden, gibt es von Seiten von Black Flames (der polnischen Plattenfirma, Anm.d.Verf.) Interesse, eine Veröffentlichung zusammenzustellen. Da wären wir natürlich schon sehr dran interessiert, vor allem seitdem wir wissen, wie man so etwas selbst herstellt und mastert.

GW: Bands, die sich thematisch dem Bereich von Fetisch und S & M verschrieben haben, sind immer auch Wegbereiter und nicht selten werden durch diese Bands Leute mit sexuellen Praktiken konfrontiert, von denen sie vorher nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Denkst du daher, dass es zwischen Bands wie Genitorturers, Rockbitch, Impotent Seasnakes, Lords of Acid, Die Form und More Machine Than Man so etwas wie eine Wesensverwandtschaft besteht?
Tech: Wir sind mit ein paar dieser Projekten vertraut, aber nicht mit allen, und fühlen uns geehrt, in einem Atemzug mit Lords of Acid und den Genitorturers genannt zu werden. Was Rockbitch und die Impotent Seasnakes angeht, so habe ich bereits ein wenig über diese Bands gehört. Die Form sind sind ebenfalls ein sehr interessantes Projekt, das eine schöne Atmosphäre zu erschaffen im Stande ist. Wir haben aber gerade erst begonnen uns mit Die Form auseinanderzusetzen, nachdem wir von Seiten der euorpäischen Presse verstärkt mit ihnen verglichen wurden. Nach all dem, was ich von diesen bands bislang weiss, gibt es aber einen grossen Unterschied. Es scheint, als ob all diese Bands eher so etwas wie "Live Sex Acts" sind. Ein More Machine Than Man-Konzert ist eher eine Art künstlerische Multimedia-Installation mit intensiven Bildern und collen Lichteffekten. Manchmal haben wir auch zusätzlicher Darsteller mit dabei, aber nur ganz selten. Du kannst in den USA im Film viel intensivere Dinge zeigen, als live auf der Bühne, was es uns ermöglicht, in manchen Dingen noch sehr viel weiter zu gehen, als uns dies auf der Bühne möglich wäre. Viele Dinge, die auf europäischen Bühnen, so wie ich weiss, möglich sind, würden in den USA direkt zu einer Verhaftung führen.

GW: Gibt es Kontakte zu einer oder mehreren dieser genannten Bands?
Tech: Wir haben Lords of Acid mal getroffen, die sich als wirklich nette Menschen erwiesen haben. Uns wurden ein paar Shows mit den Genitorturers angeboten, aber bislang konnten wir unsere Terminplanung noch nicht unter einen Hut bekommen. Das wäre aber sicher eine tolle Show.

MMTMGW: Die USA sind bekannt für ihre Doppelmoral und ein beinahe fundamentalistisches und von Zensur geprägtes Weltbild in Bezug auf politische und soziale Themen, das so gar nicht dem liberalen Image entspricht, mit dem sich die USA so gerne schmückt. Habt ihr aufgrund eurer Show jemals Probleme mit der Zensur in den USA gehabt?
Tech: Bisher sind wir noch nicht gross auf Widerstand getroffen. Wir sind aber schon sehr darauf bedacht, uns innerhalb der Gothic/Industrial/Fetisch-Szene nur an Erwachsene zu vermarkten. Wir streben auch gar nicht danach im Mainstream erfolgreich zu sein. Uns würde es schon glücklich machen, wenn wir schon innerhalb dieser Subkultur erfolgreich wären. Bands wie Marilyn Manson und Nine Inch Nails haben erst dann Probleme bekommen, als sie im Mainstream-Markt erfolgreich wurden.

GW: Wann können wir mit Shows von More Machine Than Man in Europa rechnen?
Tech: Wir planen gerade zum Jahresende ein paar Shows für Osteuropa zu arrangieren. Hoffentlich sind das Interesse und die Verkäufe stark genung eine Tour für den ganzen Kontinent zu organisieren.



Michael Kuhlen (Obliveon) für GOTHICWORLD


CD-Review: "Electrolust (Euro.Ver.2)"

http://www.mmtm.net