interview:

MOONSPELL
Mike Gaspar: "... what makes us bleed!"

Lang ist es nicht mehr hin, bis Moonspells neues Mach(t)werk "The Antidote" in den Läden steht. Mysteriös, überraschend und doch seltsam vertraut klingen Moonspell anno 2003 A.D.
Trotz Promo-Stress fand Drummer Mike Gaspar Zeit uns ein wenig in die Welt um Moonspell und das neue Album zu entführen ...


GW: Ich habe "The Antidote" jetzt mittlerweile etliche Male gehört, in mich aufgesogen, und ich muss deutlich hervorheben, das es erneut ein "Masterpiece" aus dem Hause Moonspell ist. Gleichzeitig sicherlich ganz anders, als es die Fans und "Experten" erwartet haben. In Deinen Worten, was können Eure Fans erwarten, was wird Sie überraschen?
Mike GasparMike: Um zu beginnen, wir haben uns deutlich entwickelt. Aus etlichen Erfahrungen der vergangenen Alben haben wir versucht, das Beste aus jedem Einzelnen von uns herauszuholen. Auch die vergangenen Erfolge und ebenso großen Enttäuschungen fließen mit ein. Sie zeigten uns, das doch alles was wir brauchen, ist nahe an dem zu bleiben "what makes us bleed!"

Das Album bringt die kraftvolle Seite von Moonspell zu Tage, die wir erst neu entdeckt haben. Aber nun mit deutlich mehr Reife und vermischt mit unseren Gothiceinflüssen. All das bringt mehr Aggressionen in die Goth-Szene, mehr Testosteron wie Fernando sagen würde. Hehe…

GW: Wie ist die Zusammenarbeit mit Niclas Etelävuori zustande gekommen? War er nur bei den Aufnahmen dabei oder wird er Euch auch Live unterstützen?
Mike: Die Sache mit Niclas wurde konkreter, als wir nach einem Session-Bassisten für das Album suchten. Da es mit Sergio zu "musikalischen Differenzen" kam. Wir wollten jemanden mit einem "nördlichen Stil" und einem großen Background im Metal. Unser Produzent schlug Niclas vor, da er seine herausragende Arbeit im Studio kannte und er neben dem Studio wohnt! Als wir dann mit Amorphis in den Staaten tourten war die Sache entschieden.

Die Bassaufnahmen von Niclas waren erstaunlich. Er nahm die 11 Songs in 10 Stunden auf und allesamt haben unglaublich viel Ausstrahlung. Es ist nicht zu überhören, ich bin Fan von Ihm geworden! Für die Tour engagieren wir einen Typen namens Aires Pereira. Wir lernten Ihn in Portugal kennen, als wir verschiedene Kandidaten vorspielen ließen. Anfangs war er einfach zu gut für uns, jetzt bringen wir Ihm bei schlechter und böse zu spielen…Hehe!

Mike GasparGW: Besonders Dein Drumming, scheint sich enorm entwickelt zu haben. Schon beim ersten Hören fiel mir auf, das Du offenbar verschiedene Stile ausprobiert hast, einfach exotischer klingst. Wie beschreibst und erklärst Du diese Entwicklung? Was bewegte Dich dazu?
Mike: Zuerst ein großes Dankeschön an Dich und alle anderen für die vielen Komplimente. Es ist überraschend, ja fast beängstigend. Mit all der Technik, dem Können heutzutage hört man doch kaum noch echte Drums heraus oder wird als Drummer überhaupt wahrgenommen. Und das ist mein persönliches Ziel, dieses natürliche und einfach unschuldige Gefühl zurückzubringen, das wir in der heutigen, modernen Zeit einfach vergessen haben. So bestand ich fürs Studio auf das einfachste und natürlichste Drummkit das zu haben war. Ich habe sogar mein eigenes Kit mitgebracht! Bisher habe ich immer geliehene Drums genutzt, aber danach war immer dieses Gefühl da, wie Sex mit einem Fremden… Anfangs ist es natürlich aufregend, aber auf Dauer ersetzt es nicht das Gefühl, wie mit jemanden den Du lange kennst.

Fernandos Geschichten, und später sein Buch, haben mich stark inspiriert, ja sogar die Vision in mir entstehen lassen, mich in meinem Spiel und im Leben mehr poetisch auszudrücken. Es half mir beim Drumming die eher spirituellen Rhythmen einerseits mit der schieren Brutalität andererseits zu vereinen. Und vergessen darf man nicht, dass ich für die eigentliche Aufnahmen nur knapp 2 Tage brauchte! Das hatte ich absolut nicht erwartet, aber unser Produzent trieb mich immer weiter an. Noch ein Song und noch ein Song… Ich dachte erst er wäre verrückt. Aber er erklärte mir später, das er einfach so viel wie möglich aus mir herausholen wollte, solange ich noch bei Kräften bin. Ich denke die Kombination von harter Arbeit, Vertrauen innerhalb der Band und Glück haben mein Drumming auf dem Album bestimmt.

GW: In einem Interview das Fernando damals über "Darkness und Hope" gab, erwähnte er den "Coimbra-Fado". Eine Lebensart in Portugal, die Fernando den "Southern Deathstyle" nannte. Handelt der gleichnamige Song auf dem Album hier rüber?
Mike: Der Fado allgemein handelt von den dunklen Seiten des Lebens and der seltsam reizvollen Verbindung mit dem Tod. Ich denke südlichere Länder behandeln den Tod an sich anders, als andere Länder. Der Tod ist in Portugals Gesellschaft sehr sichtbar, ja teilweise fast greifbar.

Der Song setzt "Darkness and Hope" fort indem er über eine Region in Portugal, genannt Saboia, erzählt. Die Region hat eine geheimnisvolle Verbindung mit dem Tod. Dort gibt es eine enorme Selbstmordrate und hinterlässt viele Witwen. Sie tragen schwarze Kleidung bis ans Ende Ihrer Tage, in ständigem Schmerz und Angst vor allem was Sie umgibt. Selbst meine Großmutter trägt nur noch Schwarz nach dem Tod Ihres Mannes. Und mein Großvater starb 50 Jahre vor Ihr! DAS nenne ich "in Erinnerung halten"! Wie könnten wir vor diesem Hintergrund, die Verbindung von Liebe und Tod nicht fühlen?

MoonspellGW: Wie kam Eure Zusammenarbeit mit Jose Luis Peixoto zustande? Habt Ihr das lange geplant oder war es mehr spontan?
Mike: Jose Luis ist im Herzen ein großer Metal Fan. Der uns von Anfang an mochte und träumte davon mit uns mal auf der Bühne zu stehen. Aber zurück zur Realität. Er ist eines der größten Schriftstellertalente Europas, und wie wir vor 2 Jahren dann selbst feststellten ein großer Moonspell Fan und ließ sich durch uns bei seinen Texten beeinflussen. Diese entstehende Verbindung von Musik und Literatur war neu und gleichzeitig motivierend für uns. Luis lernte uns besser kennen und ist fast ein weiteres Bandmitglied, auch wenn er kein Instrument auch nur annähernd spielen kann. Hehe…

Als er in unsere Welt trat und wir in Seine, wuchs in Ihm die Idee das neue Album als Anlass für eine neue Novelle zu nehmen. Also brachten wir Ihn ins Studio um die echte Seite des "Musikmachens" zu zeigen. Ich denke das gab Ihm enorm Auftrieb beim Schreiben, die Musik in seinen Texten zu verarbeiten. Eine Geschichte von Liebe und Angst von "The Antidote" aber in seiner eigenen Sicht. Wahrlich erstaunlich und inspirierend ist es, unseren Musikstil in diese neue Welt mitzunehmen, die schon durch Fernandos literarische Ambitionen im entstehen war, aber nun vollends entstanden ist.

GW: Das Album ist also mit der Novelle von Jose eng verbunden. Entstand Eines nach dem Anderen oder parallel? Würdest Du "The Antidote" daher als Konzeptalbum bezeichnen?
Mike: Nun, "The Antidote" war bereits geboren als Jose dazukam. Anfangs wollte er nur Kurzgeschichten zu jedem Song schreiben. Aber während der Zeit in Finnland, beim Mix, entschied er sich für ein komplettes Buch, was viel mehr Sinn machen würde. Und wir waren ebenfalls sofort Feuer und Flamme. Ja, das Album ist konzeptioniert. In sich und allem herum. Es wuchs als wir darüber sprachen und wir verloren die Kontrolle darüber.

Ein "Antidote" ist nicht nur ein gewöhnliches Gift. Es kann das sein, was die Menschen entdecken. Gift oder Medizin. Jeder von uns hat andere Bedürfnisse und auch Süchte, man muss nur tief genug graben… "Die Schönheit des Horrors und der Horror der Schönheit", Tag und Nach, Gut und Böse, wir bevorzugen meist nur das eine, aber es braucht immer beides. Eine Welt zu entdecken durch Musik und Litaratur, was kann man mehr wollen??

GW: Wahre Worte! Sollte das Buch zuerst gelesen werden um den ganzen Hintergrund des Albums und Fernandos Worte zu erfassen?
Mike: Ich denke man sollte das Album während des Lesens hören. Einige Songs, wie "Lunar Still" zum Beispiel, brauchen genauso lang, wie das Lesen der Passage im Buch. Aber ich überlasse es Dir, solange man sich ein wenig Zeit nimmt und sich in unsere Arbeit hineinfühlt. Ich denke die meisten Leute werden die Musik zuerst hören, es ist so einfacher.

GW: Werdet Ihr die Zusammenarbeit mit Jose Luis für ein weiteres Album fortsetzen?
Mike: Eine interessante Idee, die wir ebenfalls schon angedacht haben. Man weiß nie! Wir planen Ihn während der Releaseparty Zeilen aus seinem Buch vorlesen zu lassen. Mit musikalischer Untermalung durch uns. Als Support-Act sozusagen!

MoonspellGW: Gibt es bereits Pläne für eine Tour?
Mike: Es sieht danach aus das wir im Dezember/Januar mit Lacuna Coil bei Euch touren werden. Bis dahin konzentrieren wir uns auf Portugal und Spanien. Ich selbst kann es kaum abwarten, das ist die echte Kraft in diesem Spiel! Aufzutreten und all die zu treffen, die das genießen was wir tun.

GW: Damit bedanke ich mich bei Dir für Deine Zeit und interessanten Antworten und freue mich Euch bald Live zu sehen!
Mike: Danke und wir hoffen Eure Erwartungen zu erfüllen, passt auf Euch auf und "Stay Dark"!!!

Alexander Treder für GOTHICWORLD


Homepage: www.moonspell.com