Live-Review:

Dornenreich    DORNENREICH,
OF THE WAND AND MOON, TENHI:

14.10. Scheune, Bietigheim-Bissingen
     

Nachdem das Konzert aufgrund von Umbauarbeiten im Stuttgarter Limelight in die Scheune nach Bietigheim verlegt wurde, fanden wir uns eine halbe Stunde vor dem offiziellen Einlass auf dem benachbarten Parkplatz ein. Der permanente Nieselregen ließ uns nach einer kurzen Erkundung der Örtlichkeiten noch die halbe Stunde im Auto warten, ehe wir uns Punkt 21.00 Uhr Richtung Eingang aufmachten. Da dann schon das erste Ärgernis: Der Veranstalter ließ das wartende Publikum noch zusätzlich rund 20 Minuten länger im Regen bzw. unter einem kleinen Vordach (das etwa sagenhaften 5 Leute Schutz bot) stehen, für was bitte gibt's denn offizielle Einlaßzeiten? Nun denn, irgendwann hatten wir dann schließlich doch noch das Trockene erreicht, um gleich darauf mit stolzen Bierpreisen konfrontiert zu werden: 5.50 DM für ein 0.33er sind schon erhaben, leider war der Bierdurst argumentativ stärker. Die Scheune selbst schien zunächst wie geschaffen für diesen Konzertabend, vier in weißen Stoff gehüllte Säulen umgaben eine kleine Tanzfläche, an die sich in einer Richtung die Bühne, lediglich ein kleiner, abgestufter Bereich, und in zwei Richtungen die Theken anschlossen. Die Bühne war zwar spartanisch, aber geschmackvoll mit zwei Kerzenständern dekoriert und die Decke mit einem netzartigen Stoff abgehangen, ein ansprechendes Ambiente für die zu erwartende Musik also gegeben.

Punkt 22.00 Uhr betraten TENHI die Bühne, die Band, auf die ich mich eigentlich am meisten gefreut hatte, da mich "Kauan" seit nun mehr zwei Jahren immer noch zu verzaubern weiß. Die 5 Mannen mit Flötistin wußten gleich vom ersten Ton an zu überzeugen: Ich hatte nicht geglaubt, daß es ihnen live gelingen würde, diese einzigartige verträumte Atmosphäre zu vermitteln, die so charakteristisch für diese Band ist. Die Stimmung war sehr ruhig und entspannt, bis sich zeigt, daß zwei metallische Dumpfbacken offensichtlich mit dieser Art von Musik überfordert waren und auch alkoholbedingt einen ständig wachsenden Mitteilungsdrang entwickelten. Lauteren Unterhaltungen, die ohnehin schon ablenkende Wirkung zeigten, folgten in den stillen Momenten penetrante "Slayer"-Rufe, die wohl erheiternd gemeint waren, von der Band aber irritierend und vom restlichen Publikum als störend und respektlos gegenüber den Künstlern empfunden wurden. Wie sich später herausstellen sollte, waren die beiden eigentlich nur wegen :OF THE WAND AND MOON: gekommen, was die Rücksichtslosigkeit ihres Verhaltens frei nach "was interessieren mich die anderen" nur unterstreicht. Dennoch ein großes Lob an TENHI, die mit ihrer Interpretation finnischer Folklore die größte Resonanz vom Publikumsseite erhielten, wie sich später zeigen sollte. Sehr überzeugend waren sowohl die mehrstimmigen Gesangsparts als auch die instrumentalen Darbietungen, die kaum Fehler erkennen und, abgesehen von einer Bongotrommel anstelle des Schlagzeugs, die Musik sehr nahe am konservierten Original ließen. Man konnte den reichlich jung wirkenden Musikern in jedem Moment des Konzerts ansehen, wie sehr sie hinter ihrer Kunst stehen, keine Spur von Routine oder Selbstgefälligkeit störte den positiven Eindruck, den TENHI hinterließen. Das Programm setzte sich aus drei Stücken von "Kauan", zweien von "airut:ciwi" und vier neuen bzw. nicht zuordenbaren Stücken zusammen, wobei der offizielle Set mit einem wunderbaren, vierstimmigen Gesangsstück endete. Auch wenn es den zwei oben erwähnten Deppen nicht in den Kram passte, wurden die schüchtern wirkenden Musiker selbstverständlich zu einer Zugabe aufgefordert, die in Form von "Kielo" gewährt wurde.

Gegen 23.10 Uhr wurde das Publikum des letzten Rests atembarer Luft beraubt: Unter exzessiver Benebelung erklangen mehrere Minuten lang wabernde Keyboardklänge, das Intro von :OF THE WAND AND MOON: darstellten. Schließlich betrat Kim Larsen, der sich zuvor ausgiebig mit Tischfußball und Dosenbier im "Backstage-Bereich" beschäftigt hatte, in Begleitung eines Trommlers die Bühne, um den Set mit "Algir Naudir Wunjo" von "Emptiness:Emptiness:Emptiness" zu eröffnen. Alleine die Präsenz dieses Mannes war zunächst sehr beeindruckend, wie er bewegungs- und scheinbar regungslos am Mikro stand und gerade noch hörbar flüsternd seine Texte zum besten gab. Ob diese Ausstrahlung der Anlass für TENHI war, den kompletten Auftritt per Videokamera aufzunehmen, blieb leider ungeklärt, musikalisch enttäuschten :OF THE WAND AND MOON: mit ihrem ruhigen, dunklen Neofolk jedenfalls auch nicht. Höhepunkte des Sets waren "Raven Chant", "In a robe of fire" und vor allem "I carve for you", wobei Kim Larsen mit Akustikgitarre noch von einem Keyboarder und einem zweiten Gitarristen begleitet wurde, wobei letzterer auch für die diversen Schlaginstrumente und eine Art Glockenspiel verantwortlich war. Leider machten sich mit zunehmender Spielzeit bei Publikum erste Ermüdungserscheinungen breit, da die an diesem Abend dargebotene Musik nun nicht gerade Dynamik ausstrahlte und so kaum zu aktiven Betätigungen einlud. Zudem ging es bereits auf Mitternacht zu, während die Luft immer undurchdringlicher und schwerer zu werden schien. Sowohl die Publikumsdichte vor der Bühne als auch die Resonanz auf :OF THE WAND AND MOON: zeigte deutliche Abnutzungserscheinungen, weshalb Forderungen nach einer Zugabe sehr spärlich ausfielen. Schließlich erbarmten sich die Dänen doch noch, um unverständlicherweise erneut "I crave for you" in der gleichen Version wie zuvor zu spielen. Seltsam, ich hatte eher mit "Sól Ek Sá" gerechnet, schließlich wurde die hier fehlende Violine doch bereits auf der gleichnamigen Single durch ein Keyboard ersetzt. Wie dem auch sei, die Resonanz war insgesamt etwas enttäuschend und das ständig zunehmende, desinteressierte Gemurmel im Hintergrund ließ für DORNENREICH Übles erahnen.

Diese betraten weit nach Mitternacht völlig unspektakulär die Bühne: Zwei mit Gitarrenkoffern bewaffnete, hagere Gestalten huschten durch die dünn gewordene Menschenansammlung, setzen sich wortlos auf die bereit gestellten Barhocker und begannen, ihre Instrumente vorzubereiten. Ich war schon etwas gespannt, wie Eviga und Valnes die harten metallischen Klänge von "Her von welken Nächten" und den beiden Vorgängeralben auf zwei akustische Gitarren zu übertragen gedachten. Interessant war die optische Erscheinung der beiden: Von Betrachterseite aus saßen der Rechtshänder Eviga rechts und der Linkshänder Valnes links, wodurch die beiden mit den langen schwarzen Haaren, in schwarze Hosen und dunkelviolettes Shirts gekleidet, beim Gitarrespielen aussahen wie Bild und Spiegelbild. Mit dem Auftauchen von DORNENREICH füllte sich der Bereich vor der Bühne wieder ein wenig, was sich im Laufe des Auftritts auch nicht mehr ändern sollte. Gespannt lauschten die Anwesenden den ersten Gitarrenklängen, die den Auftritt mit "Federstrich in Grabesnähe" von eröffnen sollten. Das DORNENREICH keine Dilletanten sind, war mir klar, daß die recht komplexen, zweistimmige Gitarrenläufe, vergleichbar etwa mit denen auf "Where at night..." von Empyrium, dann aber so souverän und weitestgehend fehlerfrei dargeboten werden sollten, hat mich doch überrascht. Respekt, vor allem wenn man bedenkt, daß Eviga ja schließlich noch mit dem mehrheitlich gehauchten bzw. geflüsterten Gesang belastet war. Weiter ging es mit "Hier weht ein Moment", "Innerwille ist mein Docht" und "Mein Publikum - der Augenblick", bevor eine der sparsamen Ansagen, daß dies nun das letzte Stück sei, das Publikum aufschrecken und "Reime faucht der Märchensarg" beginnen ließ. Hier kam erstmals und leider einmalig der tiefe, klare Gesang von Valnes zum tragen und ich zu dem Schluß, daß die beiden Songs von "Bitter ist's dem Tod zu dienen" in der akustischen Version einen sehr viel besseren Eindruck hinterließen als die von "Her von welken Nächten". Die Forderungen nach einer Zugabe wurden mit einem schüchternen Dank an die Zuhörer und der Entschuldigung, daß das Repertoire nun schon erschöpft sei, abgeblockt. So kurz der DORNENREICH-Set auch war, unter Berücksichtigung der Komplexität der akustischen Arrangements und dem damit einhergehenden Probeaufwand war vielleicht einfach nicht mehr möglich. In Anbetracht des Preis/Leistungs-Verhältnisses für diesen Abend (3 etablierte Bands für 25.-DM) durfte man ebenfalls nicht unzufrieden sein. DORNENREICH hatten es zu später Stunde noch einmal geschafft, die Anwesenden zu faszinieren, wenn auch nicht wirklich zu begeistern. Angesichts unserer Müdigkeit, der Aussicht auf eine längere Heimfahrt und einem geregeltem Arbeitsbeginn am nächsten Morgen begaben wir uns dann recht schnell davon, ohne die angekündigte After-Show-Party zu frequentieren. Lobenswert erwähnt werden sollten in diesem Zusammenhang die Musiker von TENHI und :OF THE WAND AND MOON: einschließlich Kim Larsen, die sich nach ihren Auftritten unters "gewöhnliche" Volk mischten und sich gegenüber Kommentaren oder Gesprächen aufgeschlossen zeigten.

Als Fazit bleibt noch zu ziehen, daß weder das Publikum noch die Lokalität optimal für einen derartigen Abend der leisen Töne waren: Zu unterschiedlich waren offensichtlich die Interessen der einzelnen Fan-Gruppierungen, als daß allen Bands die notwendige Aufmerksamkeit bzw. Rücksicht aufgebracht wurde, zu sehr luden bei Desinteresse die Tresen zu Gesprächen ein, die sich bereits in normaler Lautstärke leider als störend und irritierend auswirkten. Vielleicht sollte in diesem Zusammenhang in Zukunft bei ähnlichen Events verstärkt auf die von Martin Koller angesprochenen "Veranstaltungsorte mit Kaffeehaus-Atmosphäre" zurückgegriffen werden, die sich ähnlich wie bei Konzerthäusern und klassischen Konzerten hinsichtlich einer umfassenderen Konzentration auf die Musik förderlich auswirken könnten.


Alchemist (METAL ONLINE) für GOTHICWORLD

Mit freundlicher Genehmigung von www.metal.de / www.wavegothic.de