CD-PREVIEW in eigenen Worten:

The Interzone Mantras    THE TEA PARTY:
"The Interzone Mantras"
CD (EMI / VÖ: 26.11.01)
     

"'The Interzone Mantras' ist das mit Abstand beste Tea Party Album."

The Tea PartyJeff Martin, Sänger, Gitarrist und Kopf von Kanadas ambitioniertester Rockband ist mit seinem neuen, fünften Studioalbum hoch zufrieden. "Kanada hat jetzt wieder offiziell eine richtige Rockband. Alle anderen spielen doch nur Pop-Rock oder diesen amerikanischen Rap-Rock. Wir spielen Rock - pur, authentisch und echt."


Damit reagiert das Trio aus Windsor, Ontario auf einige krititische Stimmen, die den Vorgänger als zu "poppy" empfanden. Tatsache ist, dass "TRIPtych" sich zum bislang erfolgreichsten Tea Party Werk entwickelte und mit "Heaven Coming Down" und "The Messenger" gleich zwei Top-Hits enthielt, von denen es ersterer bis an die Spitze der kanadischen Charts schaffte. Davon abgesehen war aber auch "TRIPtych", das in rund 50 Minuten die Quintessenz dessen darstellte, was die Band im Laufe der letzten Dekade als ihre persönliche Interpretation von Heavy-Rock etabliert hatte, nicht weniger anspruchsvoll und musikalisch ausgefallen als die drei in Kanada teils mehrfach mit Gold und Platin ausgezeichneten Vorgänger "Transmission" (1997), "The Edges Of Twilight" (1995) und "Splendor Solis" (1993). Im Gegenteil: Auf keinem Album hatte Jeff Martin die studiotechnischen Möglichkeiten so allumfassend ausgereizt und die Grenzen des psychedelischen Progressive-Rocks so weit ins Unbekannte ausgedehnt wie auf "TRIPtych". "Es gab Momente, da hatte ich den Eindruck, mich in unserer Musik und meinen Texten verlaufen zu haben", bekannte der Sänger 1999 in einem Interview.

Nach der 17 Monate langen "TRIPtych"-Welttournee, die die Band im Triumph drei Mal um den Globus führte, und der Veröffentlichung der ultimativen Kollektion "Tangents" ist die Zeit reif für eine Zäsur. Mit "The Interzone Mantras" - der Albumtitel ist von William Burroughs inspiriert, das Cover-Design stammt von dem italienischen Künstler Alessandro Bavari - verabschieden sich Jeff Martin, Schlagzeuger Jeff Burrows und Bassist Stuart Chatwood konsequent von der äußerst aufwendigen Studioarbeit des Vorgängers. Die zwölf Songs, von denen sie einige schon während der diesjährigen "Edgefest"-Konzerte - Kanadas Antwort auf das Lollapalooza-Festival in den USA - vor 125.000 begeisterten Fans ausprobieren konnten, klingen bodenständiger, einfacher und direkter. Nicht von ungefähr erinnert der kompakte Trio-Sound, gelegentlich verstärkt durch Bläser, Keyboards und Streicher, an die faszinierenden Live-Performances der Band, bei denen immer wieder Ähnlichkeiten mit der magischen Poesie der Doors und der experimentellen Heavyness von Led Zeppelin aufblitzen.

"Ich hatte lange nicht mehr so viel Spaß, Gitarre zu spielen, und ich habe auch schon lange nicht mehr so viel und so laut Gitarre gespielt", erklärt Jeff Martin die grandiosen, himmelstürmenden Gitarrensoli, die das Album wie ein roter Faden durchziehen. "Auch die Studioatmosphäre und der Arbeitsprozess waren diesmal anders", fährt der passionierte Rotweintrinker fort, der das Album zu einem guten Teil in seinem Heimstudio in Toronto produziert hat. "Seit 'Splendor Solis' habe ich die Songs immer erst im Studio kreiert. Diesmal haben wir sie in klassischer Bandmanier gemeinsam während der Proben geschrieben. Dabei haben wir auch den Spaß wiederentdeckt, in einer Band zu spielen."

Spaß ist ein Wort, das man bislang aus dem Mund des stets in Schwarz gekleideten Musikers, der auch Initiator der "White Ribbon"-Benefiz-Festivals ("Stop Violence Against Women") ist, nur selten vernahm. Immerhin betrachtet Martin die Musik von The Tea Party als ernste Kunst, was sich auch in seinen eigenwillig philosophischen Texten niederschlägt. Diesmal jedoch schließen sich Spaß und Ernsthaftigkeit nicht aus. "Der emotionale Raum, in dem sich die neuen Songs bewegen, ist viel weiter gefasst als früher", erläutert Martin, der nach einem düsteren Lebensabschnitt mittlerweile wieder glücklich verheiratet ist.

Die wiedergewonnene Lebensfreude hört man "The Interzone Mantras" an. Viel spielfreudiger als beim wuchtigen Uptempo-Auftakt "The Interzone", bei den klassischen Heavy-Tracks "Cathartik" und "Dust To Gold" oder beim schwergewichtigen Ausklang "Mantra" können Musiker kaum miteinander harmonieren. Auch atmosphärisch wird für reichlich Abwechslung gesorgt: "Angels" beschwört dunkle Gothic-Romantik; "Soulbreaking" schafft akustische Kerzenlichtatmosphäre; "Apathy" ist eine eindringliche Schamanenbeschwörung, wie sie auch ein Nick Cave nicht hypnotisierender hinbekommen würde. Und die in Kanada bereits sehr erfolgreiche Single "Lullaby" setzt die Tradition jener für Tea Party so charakteristischen orgiastischen Songs fort, in denen Jeff Martin seine Seele bis in den letzten Winkel zu erforschen scheint. Natürlich fehlen mit den märchenhaft mystischen Trips "White Water Siren", "The Master & Margarita" sowie der Hommage an den pakistanischen Sänger Nusrat Fateh Ali Khan, "Must Must", auch nicht jene psychedelischen Klangodysseen zwischen Orient und Okzident, bei denen die Band einmal mehr ihr Faible für ungewöhnliche Saiteninstrumente und ihre Verbundenheit mit orientalischer und indischer Mystik demonstriert. Darüberhinaus enthält die deutsche Version des Albums die in orchestraler Opulenz erstrahlende Rockballade "Walking Wounded", die die Band seinerzeit speziell für die Compilation "Tangents" eingespielt hatte.

Gäbe es mehr Rockbands wie The Tea Party, bräuchte man sich über die Zukunft der Rockmusik keine Gedanken machen. Erneut ist es den Kanadiern gelungen, sich jenseits ausgetretener Pfade weiterzuentwickeln und dabei doch ganz und gar sie selber zu bleiben. Alles, was in der Vergangenheit die extraordinäre Qualität ihrer musikalischen Schöpfungen auszeichnete - die latenten Wechsel zwischen laut und leise, zwischen meißelnden Rock-Kanonaden und dunklen Balladen, zwischen schattiger Romantik und wütendem Aufbegehren - ist auch auf "The Interzone Mantras" vorhanden. Auf der ewigen Suche nach dem perfekten Rocksong sind Jeff Martin, Jeff Burrows und Stuart Chatwood fündig geworden. "The Interzone Mantras" ist ein Album, wie es kraftvoller, schöner, persönlicher und ausdrucksstärker kaum sein kann.


Songkommentare von Jeff Martin (Vocals / Guitars):

INTERZONE (bezieht sich auf das gleichnamige Buch von William S. Burroughs)
"Es ist eine tragische Ironie des Schicksals, dass das Thema dieses Songs uns in den letzten Wochen so hautnah vor Augen geführt wurde: Es handelt von dem krankhaften Extrem zu dem jegliche Religion, nicht nur der Islam, die Menschen treiben kann, wenn der Glaube sich zu stark in das kulturelle Leben einmischt. William Burroughs schrieb über einen Stadtteil von Algiers, in den 40er Jahren, der 'The Interzone' genannt wurde, weil hier der Kontakt zwischen dem Westen und dem afrikanischen Kontinent stattfand - hier erhielten etwa die Journalisten ihre Informationen für die westlichen Zeitungen, hier trafen sich alle. Burroughs beschreibt, wie der Islam in seiner Extremform sich wie eine Krankheit breitmacht und diesen wunderbaren Schnittpunkt der Kulturen zerstört. Mein Song soll vor solchen Vorfällen warnen. Er war natürlich schon geschrieben, bevor die aktuellen Ereignisse geschahen, und jetzt ist er so zutreffend, dass es fast schmerzt."

ANGELS
"Diesen Song finde ich sehr sinnlich, ja sexy. Er wurde inspiriert von Wim Wenders' Film "Wings Of Desire". Es gibt ein richtig schlechtes Hollywood-Remake mit Nicolas Cage, "City Of Angels". Aber die Geschichte ist toll: Ein Schutzengel, der seinen Job schmeißen will, weil er zusieht, was mit den Menschen passiert, die unter seiner Obhut stehen. Er beobachtet seine Schützlinge, wie sie alle Leidenschaften und Ängste durchleben: lieben und hassen, sich scheiden lassen, schuldig fühlen, all diese Dinge, und er möchte diese Gefühle auch erfahren, er will nicht mehr unsterblich sein. Gott erfüllt ihm seinen Wunsch und wenig später steht er da und fragt sich: "Wo ist mein Schutzengel? Ich fühle mich nackt und verlassen - wer passt jetzt auf mich auf?" Er ist es ja gewohnt, auf all die Leute aufzupassen, nun lernt er die Kehrseite der Medaille kennen. Das sind die Grundgedanken zu diesem Song. Er hat einen ganz anderen Groove als alles, was wir je zuvor gemacht haben."

THE MASTER & MARGARITA (basiert auf dem Roman des russischen Auotors Mikhail Bulgakov)
"Zunächst nahm Bulgakov an der Studentenrevolte teil, gegen die Zarenfamilie und den russischen Imperialismus. Als aber die Kommunisten an die Macht kamen, merkte er, dass das nicht die Lösung war, denn die Kommunisten beschnitten die Rechte des Individuums, die Freiheit der Religionsausübung, des künstlerischen Arbeitens und die freie Entscheidung. Also schloss er sich einer Gruppe von Dissidenten an. Um die Rechte jedes Menschen einzufordern, mussten er und die anderen Künstler, Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Musiker, ihre Meinung und ihre Kritik am Regime in Parabeln kleiden, die Bedeutung verschleiern und hoffen, dass das Publikum die Botschaften würde entschlüsseln können. Also schrieb er dieses Buch, der Meister und Margarita. Es ist sehr lustig. Russische Freunde von mir haben in Montreal eine der ersten Theaterproduktionen davon gemacht. Es handelt von Satan, dem Engel des Lichts, wie er sich sieht, und wie er sich im Moskau des Jahres 1926 manifestiert, den Menschen dort zeigt, wie man das Leben wirklich genießt, und damit die Herrschaft der Unterdrückung zu Fall bringt. Auf sehr anomale Weise nimmt dann alles wieder seinen normalen Lauf. Das ist der philosophische Hintergrund zu meinem Song. Ich spiele hier den Teufel, und ich finde es gelingt mir ganz gut."

APATHY
"Vom poetischen Standpunkt her gibt es hier zwei Teile. Die Strophen sind von einem Brief, den ich bekam. Ich habe mich schon von jeher für esoterische Literatur und Philosophie interessiert, und einer der ganz großen Autoren auf diesem Gebiet, der auch mich persönlich sehr stark beeinflusst hat, ist Alistair Crowley. Es gibt diese Verknüpfungen mit Ozzy Osbourne und Jimmy Page, wo Crowley mit dem Satanskult in Verbindung gebracht wird, aber das ist nicht korrekt. Unwissenheit, die Medien und damaliger Hype haben das verursacht. Also dieser Brief kam von einem Jungen, der auch sein Photo beigelegt hatte, mit Jeff Martin-Uniform, künstlich gelocktem Haar, das ganze Programm. Er schreibt also: 'Ich habe dieselben Bücher gelesen wie du, und ich finde diesen Satanskult auch total gut.' Als ich das las, habe ich mich furchtbar erschreckt, denn ich suche ja stets die Ausgeglichenheit im Leben, und ich weiß, dass alles zwei Seiten hat, und ich versuche, mich zwischen den zwei Extremen zu bewegen. Der Text dieses Songs ist also eine Warnung und an all jene gerichtet, die wie dieser Typ durch Unwissenheit in die falsche Richtung laufen, sich in etwas verrennen. Der Refrain bezieht sich auf den Februar 2000: Ich kam nach Toronto, meine Partnerin und ich hatten uns gerade getrennt - sie war mir seelenverwandt, und ich war in einem schwarzen Loch. Meine zwei besten Freunde und andere mir nahe stehenden Menschen versuchten, mich aufzumuntern: "Hey, fühlst du nicht, dass wir dich lieben, dass wir für dich da sind?" Aber ich war total apathisch, nicht in mir gefestigt, ebensowenig wie der Briefeschreiber. Also passen die zwei Teile des Songs zusammen, sie machen Sinn."

SOULBREAKING
"Das ist wahrhaftig der schönste Song, den die Band je geschrieben hat. Musikalisch hört man das sofort heraus, aber auch das Gefühl, das hinter dem Text steckt, gehört dazu. Ich bekam vor etwa einem Jahr einen Brief von einer Sechzehnjährigen. Sie wurde von ihrem Vater sexuell misshandelt, und wird es wahrscheinlich noch. Er lebt mit ihr gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Schwester in einem Haus. Ich habe die Worte aus ihrem Brief in meinem Text übernommen. Sie sagt zum Beispiel, dass sie dem Schicksal vertraut, da sie nicht weglaufen will und sich nicht wehren kann. Sie möchte den Kontakt mit dem Vater nicht abbrechen, da es trotz allem immer wieder Momente großer Liebe und Zärtlichkeit gibt. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter ist eines der stärksten Liebesbande, die es gibt. Plötzlich wird diese Beziehung pervertiert, und sie lässt es über sich ergehen, weil sie hofft, dass es das letzte Mal war, aber es passiert immer wieder. Dann schreibt sie, sie hat das Gefühl, als würde ihre Seele zerbrechen, sie wisse nicht mehr, was sie tun solle. Sie hat mir den Brief geschrieben, weil die Band und ich uns für die White Ribbon Campaign einsetzen. Ich wusste nicht, was ich auf den Brief antworten sollte, also habe ich diesen Song geschrieben. Für sie und andere Mädchen, die ähnliches erleben müssen. Ich hoffe, es gibt ihnen die Kraft, sich aus der Situation zu retten, auch wenn es bedeutet, dass sie jemandem, den sie lieben, weh tun müssen. Diese Leute fühlen ja anders. Sie sind krank und brauchen Hilfe, von alleine ändert sich da nichts, wenn das Problem nicht angesprochen wird. Wir haben ja schon 'Release' mit Unterstützung der EMI einem guten Zweck zukommen lassen, daher möchten wir Soulbreaking auch als Single veröffentlichen und die Erlöse der White Ribbon Campaign überlassen."

LULLABY
"Dies ist der erste Song, der für die Platte entstand. Wir waren in Scotty Carmichaels Landhäuschen und haben uns da ein Studio eingerichtet, um die Songs für die Platte zu schreiben. Dies war so ziemlich der erste Riff, an dem wir arbeiteten. Unser Ziel für die Platte war es, wieder zu den Basics zurückzukehren, was immer das auch heißen mag. Wir hatten ja gerade diese reich orchestrierten Songs gemacht: "Heaven Coming Down", "Messenger", "Walking Wounded". Einen fetteren Sound als bei "Walking Wounded" gibt es glaube ich in der Rockmusik gar nicht. Ich habe das Biest abgemischt - 72 Spuren, das ist alles andere als ein Drei-Mann-Band-Sound! Also wollten wir uns jetzt mal in einen Raum setzen und nur zusammen spielen, ohne all die vielen Instrumente dieser Welt. Wir sind ja gute Musiker, also können wir auch mit Gitarre, Bass und Drums was Ordentliches machen. Lasst uns spielen, was das Zeug hält, es uns gegenseitig beweisen, richtig rocken. Das erste Ergebnis war also Lullaby. Die zentrale Figur des Textes ist Morpheus, der Gott des Schlafes. Du schläfst und er trägt dich sicher in seinen Armen. Der Gott des Rausches, des psychischen Schlafs, des Sich-und-seine-Erlebnisse-Betäubens. Der Song ist sehr positiv, er soll die Leute aufrufen, sich dem Leben zu stellen, ohne Betäubungsmittel."

BREAK
"Dies ist eine kleine musikalische Pause, um die zwei Teile der Platte akustisch zu trennen. Es ist eigentlich ein Loop aus "Apathy", mit Handtrommeln beigemischt, und er geht dann in den ersten Song der zweiten Seite über."

MUST MUST
"Es gibt einen Kwali, einen pakistanischen Sänger, der vor ungefähr. eineinhalb Jahren gestorben ist: Nusrat Fateh Ali Khan. Er hatte eine Platte gemacht, deren Titel "Mustt Mustt" lautet. In Kwali, der esoterischen Sprache der Sufi, bedeutet dies, dass Allah bei ihm ist und er Leben und Licht ausstrahlt - besonders auf diejenigen, die ihm nahe stehen. Das ist zwar extrem, aber in einem sehr positiven Sinn. Für den Islam ist der Sufismus die extremste Form, Gefühle der Liebe auszudrücken. Ich habe Mustt Mustt einfach in Must Must geändert. Es geht um das westliche Individuum, und wie er sich zu einem positiveren Wesen verwandeln kann. Das kann ein sehr drastischer Wandel sein, und ein gewaltiger Schritt für die Seele, aber das Endergebnis ist wunderschön."

WHITE WATER SIREN
"Ich möchte jetzt nicht zu viel aus meinem Privatleben erzählen, aber dieser Song handelt von der Frau, die ich schon seit vielen Jahren liebe, sie ist meine Muse. Wir waren ungefähr ein Jahr getrennt und dieses Lied ist ein Freudenlied, da wir wieder zusammen sind. Ich habe das Gefühl, endlich wieder die innere Ruhe zu haben, die ich für meine Kreativität, aber auch für meine Freunde brauche. Ich hatte das Gefühl, während unserer Trennung fehlte mir die Lebenskraft. Ich brauche den sicheren Halt in der Beziehung. In der Mythologie locken die Sirenen die Schiffer ins Unglück, aber ein 'white water song' bringt einen an einen Ort der Schönheit, wo der Geist zur Ruhe kommt. Der Song ist also ein Tribut an meine Partnerin und an meine Freunde. Ein sehr positives Stück, und eigentlich sollte es ganz sanft klingen, aber dann kam Jeff Burrows dazwischen und hat alles ruiniert."

CATHARTIK
"Soll ich das K am Ende erklären? Es ist ein Schreibfehler. Der Song handelt davon, dass man an seine eigenen Grenzen gelangt. Man hat zu viele Nächte hintereinander durchgefeiert. Du liegst auf deinem Bett, allein. Dann kommt der Punkt, wo die Dinge dich überrollen, wenn du entscheidest, weiterhin so hedonistisch zu leben, dem dionysischen Lebensstil folgend, immer nur nach Lust und Laune agierend, ohne für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Ich habe selbst oft solche Perioden im Leben durchgemacht, wo ich auf dem Bett liege und an die Decke starre, während mein Herzschlag rast. Ich glaube nicht an einen Gott, meine Spiritualität ist da anders gepolt. Aber ab und an verwandle ich mich wieder in den kleinen katholischen Jungen, und dann ertappe ich mich, wie ich bete: "Bitte Gott, lass mich nur den heutigen Tag über die Runden bringen, und ich verspreche, mich ab morgen zu ändern, so was wird mir nie wieder passieren." Aber Tatsache ist, bei neun von zehn Situationen ändert man gar nichts. Man macht eine Phase durch, in der man sich gesund und rein hält, und irgendwann fühlt man sich wieder so gut, dass man in den alten Lebensstil zurück fällt. Es ist ein Teufelskreis, wirklich wahr. Dieser Song ist eindeutig der heavyste der Platte. Alles dreht sich um die Gitarre, und Jeff und Stu bringen die Beats dazu. Es hört sich sehr stimmig an, so muss Rock'n'Roll klingen. Aber wenn man das technisch analysiert, ist der Aufbau ganz schön kompliziert. Das macht die Schönheit des Stückes aus. Es klingt nicht kompliziert. Wir wollen ja keinen Progressive-Rock-Kram machen. Also, der rockigste Song der Platte, und ihn zu spielen macht wohl auch am meisten Spaß."

DUST TO GOLD
"Seit wir mit der Band anfingen, da war ich 22 Jahre alt, habe ich mich für die unterschiedlichsten Philosophen interessiert, Nietzsche etwa oder Spinoza, und versucht, das, was ich las, für mein eigenes Leben anzuwenden, denn das sollte ja der Sinn sein, wenn man philosophische Texte liest, die praktische Seite zu erkennen. Gerade im Rock'n'Roll gibt es ja diese Mythen, Jim Morrison etwa, der las die französischen Dichter wie Rimbaud und Baudelaire und nahm sich deren Lebensart so zum Vorbild, dass er sich zu Tode soff. Heutzutage geht es im Rock'n'Roll nur um Eitelkeiten, um das Image. Ich finde das sehr enttäuschend, meine Entrüstung wächst stetig. Wenn ich ein Interview mit Marilyn Manson sehe, wie er diese ganzen Namen runterrattert: als Gothic-Rocker muss man eben diesen Philosophen kennen, und jenen Dichter, und was weiß ich nicht alles. Erwähne die richtigen Namen im richtigen Zusammenhang und du bist eine große Nummer. Dann überlege ich mir, dass weltweit ganz viele Kids an dessen Lippen hängen, und das ist sehr gefährlich. Hitler etwa, er hat Nietzsche völlig missbraucht, alles falsch ausgelegt. Nietzsche war kein Antisemit. Er wollte auch keine reine deutsche Rasse. Hitler hat seine Worte verdreht... Also, was ich sagen will, mit solchen Philosophen und Büchern trägt man eine gewisse Verantwortung. Wer große Aufmerksamkeit genießt, sollte sich vorher genau überlegen, wovon er redet, und wenn er von den Themen keine rechte Ahnung hat, sollte er es lieber lassen. Wer im Rock'n'Roll Business auf einer Bühne oder einem Podest steht, kann Einfluss ausüben, die Kids zum Nachdenken anregen, ihnen helfen, aber man sollte sich vorher genau überlegen, was man bezwecken will, und man sollte auf dem Teppich bleiben, zu dem, was man von sich gibt, voll und ganz stehen können. Dieses Lied richtet sich gegen alle, die die öffentliche Aufmerksamkeit ausnutzen und große Reden schwingen, ohne überhaupt eine Ahnung von der Materie zu haben. Denn das ist unverantwortlich, man verführt junge Menschen."

REQUIEM
"Wenn "Soulbreaking" für mich der schönste Song ist, den Tea Party je gemacht hat, ist "Requiem" der kraftvollste, stärker noch als "Walking Wounded". Ähnlich wie bei dem ersten Stück, "The Interzone", hat auch hier das Schicksal den Song ungleich aktueller gemacht, als es je absehbar gewesen wäre. Ein Requiem in der klassischen Musik ist ja eine Messe, oder eine andere Musikform, die einem Verstorbenen, einem geliebten Menschen oder einer großen Persönlichkeit gewidmet ist. In diesem Song geht es eigentlich darum, ein Requiem zu vermeiden. Wenn man sich das überlegt, gibt es im Moment ja bestimmt eine Menge Leute, etwa in New York, die völlig überfordert sind mit ihrer Situation. Man kann sich ja kaum vorstellen, was diese Leute, die Angehörigen, so durchmachen müssen. Dieser Song versucht, das Positive zu zeigen. Ich singe "This passes over", und so ist es ja - es wird vorübergehen. Wörtlich genommen will der Song etwas, was man Requiem nennt, vermeiden."

MANTRA
"So schließt sich der Rahmen: Der erste Song heißt "The Interzone", der letzte heißt "Mantra", und die ganze Platte heißt eben "The Interzone Mantras". Dieser Song raubt dir neun Minuten deines Lebens, aber du wirst es nicht merken. Er handelt ebenfalls davon, in seinem Inneren einen Wandel zu vollziehen. Ich sagte ja schon, dass es dafür großer Willensstärke bedarf und dass es unter großen Schmerzen geschieht, es ist eben eine regelrechte Metamorphose. Im Laufe des Songs schreit die Seele um Gnade und meint, sie werde nicht gehört, aber sie wird gehört. Das Universum wird sich immer verschwören, um dir zu helfen positive Dinge zu tun. Daran glaube ich ganz fest. In musikalischer Hinsicht ist der Song ein richtiger Edelstein: Jeff und Stu haben dieses 6/8-Timing ausgeheckt, Jeff spielt einen Tomtom-Rhythmus, der eine Ausformung von 'Save Me' ist, und Stus Bass ist wirklich sehr mantraesk mit den Wiederholungen, nahezu wie eine Gebetsmühle. Dieser Rhythmus bleibt die ganze Zeit erhalten, sodass man in eine richtige Trance gerät, und am Ende landen wir bei Zeppelin. Als würde Allah vom Berg herabsteigen, oder Jehova, oder auch Page oder Bonham. Interzone ist der beste Anfang für ein Album, um die Leute aufzuwecken und mit diesem Abschied bringen wir sie quasi zum Torkeln. Eine Anmerkung noch zum Ende: der Sample, den man am Anfang und am Ende des Songs hört, das sind tibetanische Hörner. Das habe ich von einer MC, die ich mir mal in England gekauft habe, als ich da Urlaub machte. Die buddhistischen Mönche oben auf dem Himalaya blasen diese Hörner, es soll der ganzen Welt Frieden bringen. Sie glauben, dass, wenn sie auf dem Dach der Erde sitzen und diese Klänge losschicken, sie ein positives Echo in den Seelen aller Lebewesen dieses Planeten hervorrufen. Leider sind die Dinge im Moment alles andere als friedlich - die Ironie des Schicksals - aber ich finde, jetzt passt dieses Ende erst recht."


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Mehr Infos: www.interzonemantras.de und www.theteaparty.de