interview:

GOETHES ERBEN
"- fasziniert vom Medium Bild und Ton ..."

Oswald HenkeGW: Hallo Oswald. Nehmen wir einfach die gerade erschienende DVD "Was War Bleibt" zum Anlass. Über die ganze Geschichte mit der FSK-Freigabe ist ja nun zu Genüge geredet worden...

Gibt es für volljährige, mündige Staatsbürger doch noch die Chance "Fleischschuld" zu sehen? Wobei ich übrigens die Idee mit dem Logo statt "FSK 18" ein "Mindest IQ" zu nehmen ziemlich genial finde! Darf ich die verwenden?

Oswald: Wie möchtest Du sie verwenden?

GW: Ich würde gerne so ein Logo basteln, das eben wie die FSK Freigabe aussieht, aber mit dem IQ Faktor und dieses auf meine eigenen Arbeiten kleben. (Da sie eben NICHT für Leute unterhalb eines bestimmten IQ bestimmt sind!*g*) Aber das gehört nicht hierher....
Oswald: Ok, aber das Logo dürfen wir dann auch unentgeltlich verwenden!

GW: Klar!
Oswald: Gut! Also der volljährige, mündige Staatsbürger hatte an vier Abenden die Gelegenheit den Clip von "Fleischschuld" im Kino zu sehen und ich bin sicher, dass er auch irgendwann auf einer ab 18 DVD aber eben ohne FSK Freigabelogo erhältlich sein wird.

Goethes ErbenGW: Ihr habt ja eigentlich schon von Anfang immer mehr als "nur" Musik gemacht. Viel mit Mitteln des Theaters bzw. Musiktheaters/Tanz/Performance gearbeitet. Also eine visuelle Komponente war bei GOETHES ERBEN schon immer vorhanden. Von daher ist das Erscheinen der DVD nur konsequent. Ist dieses Medium eigentlich so günstig, das damit jetzt jeder Arbeiten kann? (Es gibt ja doch ne Menge Künstler die jetzt mit DVD Tracks arbeiten.) Trotzdem würde mich interessieren, wie eigentlich der Entstehungsprozess von statten ging. Wie entstanden die Bilder? Ist die visuelle Idee schon bei dem Schreiben der Songs/Texte da? Inwieweit setzt man sich hin und schreibt richtig ein Storyboard/ Drehbuch? Ich stelle es mir sehr schwer vor, selbst wenn man die Bilder im Kopf hat, diese dann mit den technischen Mitteln auch so umzusetzen das sie so aussehen, wie man sie eben im Kopf hatte. Inwieweit brauchtet Ihr die Unterstützung von "Fachleuten" wie Regisseuren/ Cuttern/ Beleuchtern/ Kameraleuten?
Oswald: Günstig ist relativ, wir konnten die DVD nur dadurch realisieren, dass jeder beteiligte Künstler nichts an diesem Projekt verdient. Einzig das Label wird Geld sehen, aber die Produktion und die Vorleistungen haben wir seitens Goethes Erben und Blindhead Enterprises erbracht. Wir haben die Clips in Eigenregie produziert, einzig bei "Glasgarten" war auch das Label finanziell beteiligt, da das Islandbudget unsere Möglichkeiten doch sehr überstiegen hätte. Ulrike und ich haben letztlich alles selbst gemacht, wir waren unser eigene Casting Agentur, hinsichtlich der Nebendarsteller, abgesehen von den Bandmitgliedern, haben die Spezialeffekt selbst realisiert, standen hinter und vor der Kamera, führten Regie und waren dann auch noch die Cutter. Einzig bei den Livekonzerten hatten wir in Leipzig und Hildesheim zusätzliche Kameraleute engagiert, alle anderen Aufnahmen haben entweder Ulrike oder ich gemacht. Von der Idee bis zum fertigen Clip lag alles in unserer Hand, das war uns besonders wichtig, Fachleute waren nicht von nöten. Sicherlich werden die sog. Fachleute an einigen Bildern fachliche Kritik üben können, aber das war uns egal, wir wollten die Bilder so wie sie jetzt auf der DVD sind und das war das entscheidende. Die Clips wurden etwa zu einem Drittel nach einem Script gedreht, "Ganz sanft", "Nur ein Narr" oder "Fleischschuld" z.B. Dann gab es Titel für die wir bestimmte Bilder im Kopf hatten und eben diese haben wir gesucht, als Bild inszeniert und später zur Musik passend montiert. Der dritte Teil der Clips sollte auf Live Bilder basieren, auch diese Stücke standen von Anfang an fest, bzw. wir wussten nach den Konzertmitschnitten welche Stücke wir in dieser Form umsetzen würden. Insgesamt haben wir an dem Material auf der DVD fast zwei Jahre gearbeitet und bis auf die Oberflächenprogrammierung, die wir in Zusammenarbeit mit Jochen Schoberth von Etage Musik realisiert haben, lag jeder Produktionsschnitt bis zum fertigen Master in unserer Hand. Und gäbe es nicht die unsägliche FSK- Entscheidung, dann wären wir rundum zufrieden.

GW: Bedeutet es das Ihr in nächster Zeit mehr mit dem Medium Film arbeiten wollt? Oswald Du sagst auf der DVD ja auch das mit live Auftritten erst einmal Schluss ist! Trotzdem habe ich aber, gerade auch nach der DVD, den Eindruck das Du schon einen Hang zur (im theatralischen Sinne) Darstellung hast. Möchtest Du mehr in diese Richtung arbeiten? Also fast schon wie ein Schauspieler?
Oswald: Ulrike und ich in jedem Fall, uns gehört ja zusammen mit Peter Heppner die Videoproduktionsfirma Blindhead Enterprises. Ulrike und ich drehen gerade eine Dokumentation als Auftragsarbeit und im kommenden Jahr wollen wir ein eigenes Kurzfilmprojekt umsetzen, in dem Musik nicht im Mittelpunkt steht. Darüberhinaus werde ich im Dezember / Januar die Liveaufnahmen des diesjährigen GOETHES ERBEN Auftrittes im Rahmen des WGT schneiden. Im Moment fasziniert mich das Medium Bild und Ton mehr als eben nur der Ton.

Goethes ErbenGW: Mindy und Du, ihr seid Beide immer wieder in andere Projekte involviert. Eigentlich müsste man ja meinen, das eine solch komplex Sache wie GOETHES ERBEN all Eure Zeit und Kreativität in Anspruch nimmt. Was reizt Euch eigentlich daran, immer wieder bei ganz anderen Sachen mitzuwirken?
Oswald: Wenn Mindy und ich nur an GOETHES ERBEN Projekten arbeiten würden, dann bestünde leicht die Gefahr betriebsblind zu werden. Es macht eben auch spaß mit Leuten außerhalb der Erben Familie zusammenzuarbeiten. So gewinnt man neue Eindrücke und erlebt andere Inspirationsquellen. Gerade der Kurzfilmdreh in der Schweiz für das Projekt "Debilitas" hat ungemein Spaß gemacht, da ich dort mit völlig neuen kreativen Menschen zusammenarbeiten durfte. Auch die Begeisterung, mit der diese jungen Filmemacher ihren eigenen Weg gehen hat mir ausgesprochen gut gefallen. Dort entstand ein Film des Filmes wegen und nicht um einem bestimmten Markt Ware zu vermitteln. Auch meine Arbeit bei ERBLAST ist wichtig, da hier alles in viel überschaubareren Rahmen abläuft und wir mit dem Album "Drittgeschlecht", welches im Oktober das Licht der Welt erblicken wird, auch hinsichtlich Vermarktung neue Wege gehen werden. Wir haben zu diesem Zweck extra unser eigenes Label "Erbgut" gegründet. In der Vergangenheit war ich einfach zu oft unzufrieden mit der Labelarbeit und jetzt möchte ich sehen wo die Probleme liegen, und das lernt man am besten, wenn man etwas selbst macht.

GW: Ist es wirklich einfacher ein eigenes Label zu gründen, statt die Arbeit einem bestehenden zu überlassen? Sicher der künstlerisch, kreative Faktor leuchtet ein... Aber ich denke da auch immer an das finanzielle Risko. Gerade auch als Tip an "junge" Künstler. Wie bringt man denn seine Sachen nun am besten unter die Leute?
Oswald: Leichter nicht, aber wenn man selbst sieht wo die Probleme der Labelarbeit liegen, hat man bei anderen Projekten mehr Verständnis für die Problematik der Labelarbeit. Andererseits kann man so zumindest versuchen zu beweisen, daß bestimmte Dinge sehr wohl funktionieren, von denen eben ein Label glaubt zu wissen, daß sie nicht funktionieren. Es macht derzeit kaum Sinn für eine unbekannte Band auf einem kleinen Label eine CD zu veröffentlichen. Jede Gruppe mit einer Verkaufserwartung unter 1000 Einheiten sollte es sich überlegen das Werk direkt zu verkaufen, das bedeutet auf Konzerten oder per Mailorder. Hier könnte das Internet auch eine Chance sein. Aber eben auch nur wenn die Leute bereit sind für eine Leistung zu zahlen. Mit "Erbgut" verfolgen wir ein klares Ziel: wir veröffentlichen nur eigene Projekte und sind dabei in der Glücklichen Lage, dass wir mit EFA einen zuverlässigen Vertriebspartner gefunden haben, der bereits bei ERBLAST "I" und "II" gute Arbeit geleistet hat. Das finanzielle Risiko ist natürlich vorhanden, aber wir gehen nur pleite wenn wir keine 1000 CD´s verkaufen sollten, und wenn noch nicht einmal so viele CD´s von "Drittgeschlecht" verkauft werden sollten, dann richte ich meine Zukunftsplanung dementsprechend aus. Dann muß ich mir auch keine weiteren Gedanken machen, zumindest was dieses Projekt angeht, denn etwas zu veröffentlichen macht nur Sinn, wenn auch jemand an dem interessiert ist, was man veröffentlicht. Wir werden jedenfalls alles tun, daß mehr Menschen "Erblast" für sich entdecken können, aber ob sie uns dann auch wahrnehmen ist eine ganz andere Sache.

GW: Als ihr damals angefangen habt, habe ich noch Rezensionen von Euch im "normalen" Radio und Zeitungen gehört/gelesen. Wie erklärt Ihr Euch eigentlich, das Ihr gerade das Klientel "Gothic" so stark angesprochen habt, obwohl Ihr Euch ja eigentlich keiner der so beliebten Klischees bedient.
Oswald: Ich denke das liegt in erster Linie an den Themen, die wir in der Trilogie abgehandelt haben. Wir freuen uns über jeden Menschen, der sich mit unserem Schaffen auseinandersetzen möchte, egal ober er vorwiegend schwarze Kleidung trägt oder eben kunterbunt oder im Anzug durchs Leben wandelt. Um GOETHES ERBEN verstehen zu können, muss man sich auch die Zeit nehmen, man muss sich auf unsere Musik einlassen, sich mit ihr beschäftigen. Vielleicht nehmen sich Gothics eben teilweise mehr Zeit für die Auseinandersetzung mit Musik, können Inhalten mehr abgewinnen. Die reguläre Popmusik seitens der Industrie vermitteln doch nur noch Formen ohne Inhalte.

Allerdings wenn ich so die sog. Indieclub Tanzabende betrachte, da bemerke ich doch auch eine starke Tendenz zur tanzbaren Form ohne auch nur den Ansatz eines Inhaltes. Aber ich denke auch, dass es manchmal wichtig ist, sich beim Tanzen ohne groß nachdenken zu müssen, abreagieren zu können. Spannender finde ich aber die Kombination: In der Disco tanzen und sich zu Hause mit dem Inhalt des Stückes auseinandersetzen zu können. Aber ich bin sicherlich hinsichtlich tanzbarer Musik nicht der geeignete Mensch, bei mir geht dann doch mehr Inhalt vor Form. Aber bei "Erblast" habe ich diesbezüglich gerade einen ironischen Versuch gestartet die Tanzflächen zu infiltrieren. Man wird sehen ob dies funktioniert.

GW: Mit der DVD hat man ja auch irgendwie den Eindruck das es eine Art fulminanter Abschluss eines Kapitels im Leben der ERBEN ist. So als hättet Ich ein langgehegten Traum endlich war werden lassen. Ist dies so? Welche Träume haben Mindy und Oswald noch? Mal abgesehen vielleicht von so balanglos-interessanten Sachen wie "heiraten" und "Kinderkriegen".
Oswald: Sagen wir es so, wir haben mit der DVD etwas geschaffen, auf das wir ganz besonders stolz sind, da es all das repräsentiert was GOETHES ERBEN sind und außerdem den unbeteiligten Betrachter vermittelt, was wir so alles anstellen. Meine Ziele liegen im Bereich Film und ich denke Mindy setzt auf den Bereich Musik. Aber da Mindy gerade in Amerika weilt, bleibt dies natürlich nur eine Vermutung. Ich sehe im Moment meine Ziele mehr pragmatisch, mein Traum ist es vielleicht irgendwann künstlerisch frei arbeiten zu können, und nicht immer den Faktor Geld im Hinterkopf haben zu müssen.

Oswald HenkeGW: Es ist schade das gerade solch hervorragende Künstler wie Ihr immer noch ein wenig nach dem Geld schauen müssen. Stands Du eigentlich je vor der Frage, ein Projekt, eine Idee vielleicht fallen lassen zu müssen, da sie Dich eventuell in den finanziellen Ruin getrieben hätte? (Vergleichbar mit Tilos London Symphonie Orchestra -Geschichte.)
Oswald: Ja, das Opernhausprojekt hätte uns finanziell mit Sicherheit ruiniert. Auch das neue Musiktheaterstück "Differenz des Alters" scheitert an einer Finanzierung aber daran arbeite ich, denn wenn wir auf eine Bühne zurückkehren, dann mit einem neuen Musiktheaterstück oder eben nur mit einem "Best of - Quer durch die Erbengeschichte - Programm". Nach dem doch sehr songorientierten "Nichts bleibt wie es war" ist es mir jetzt wichtig den Theateraspekt umzusetzen. Bei unseren zukünftigen Aktivitäten wird das Medium Film eine große Rolle spielen, auch bei der Liveumsetzung. Im Frühjahr 2003 werden Mindy und ich über die Zukunft der Erben entscheiden, wir werden in jedem Fall weiter als GOETHES ERBEN bestehen bleiben, aber noch ist unklar welchen Weg wir hinsichtlich weiterer Veröffentlichungen gehen werden. 2003 wird es von GOETHES ERBEN weder eine Tour noch ein neues Album geben, aber wir werden daran arbeiten vielleicht 2004 wieder öffentlicher zu werden. Aber ich verspreche da erst einmal nichts. .

GW: Ansonsten bleibt mir nur noch, mich für das hervorragende Gespräch zu bedanken, Euch viel Glück bei der Verwirklichung Eurer Träume zu wünschen. Auf das wir bald neue Taten von Dir/Euch bewundern dürfen. Vor allem auf die "intellektuelle" Unterwanderung der Tanzflächen freue ich mich ganz besonders! Noch ein abschließender Satz fürs Poesiealbum?
Oswald: Danke für die Fragen. Ein Interview kann nur gut, bzw. interessant sein, wenn beide Seiten an der Materie interessiert sind, bzw. dementsprechende Fragen stellen. In diesem Sinne Danke und liebe Grüsse.


Thomas Sabottka für GOTHICWORLD
Fotos von Tibor Bozi und Tim Hoffmann


Review zu "Was war bleibt"
www.goetheserben.de