Live-Review: IV. Hernstnächte 2002 27. bis 29. 09. Burg Rabenstein, Raben /
Fläming
Gothic Rock für Hartgesottene - Ein
Rückblick
Gothic und
Wave sind in die Jahre gekommen und mit ihnen einige ihrer Protagonisten. Wem
die Ungande der späten Geburt zu Teil wurde, hatte diesmal im
brandenburgischen Raben unweit der Lutherstadt Wittenberg die Gelegenheit,
Versäumtes nachzuholen. Auf dem Programm standen Bands wie The
Invisible Spirit, The Fair Sex oder Mephisto Walz, die alle
schon mehr oder weniger als untergetaucht galten. Grund genug also,
Rüschenhemd und Schminkkoffer oder was man sonst so für ein Festival
braucht, ins Auto zu werfen und nach Norden zu düsen (zumindest von
Dresden aus gesehen).
Das Tolle an der Burg Rabenstein, dem
eigentlichen Austragungsort, ist die geniale Anordnung der zwei Bühnen
zueinander. Wer schon mal in Leipzig von einem Gig in Markleeberg zum Haus
Leipzig und zurück geeilt ist, wird zu schätzen wissen, was es
heißt, den Weg zwischen zwei interessanten Auftritten in zwei Minuten zu
Fuß zurücklegen zu können, denn Länger dauert es nicht von
der kleinen Bühne im Burghof bis zur großen auf dem Vorplatz
derselben. Die durch die räumliche Nähe bedingten gegenseitigen
Störungen wurden durch eine sinnvolle Abstimmung der Spielpläne
minimiert, auch zum Vorteil des Publikums, da Wartezeiten so - zumindest rein
theoretisch - völlig entfallen. Am Freitag wurde dieser Anspruch ohne
Abstriche noch erfüllt, später verlor sich das Ganze dann doch ein
wenig im Ungewissen.
Los ging
es mit Mazeland auf der kleinen Bühne. Hängen geblieben ist
bei nur das Bild von einem Pärchen und zum Teil unfreiwillig schrägem
Gesang. Scarecrow im Vorhof waren da schon wesentlich angenehmer, wenn
auch nicht unbedingt innovativ. Also schnell wieder Speicher für neue
Eindrücke freischaufeln. Für Adorned Brood hätte das aber
wirklich nicht sein müssen. Dümmlicher Pagan Metal mit dämlichen
Gepose. Abflug das. Endlich wurde es spannend: The Invisible Spirit
waren angesagt. Den meisten sicher noch vom ersten Zillo-Sampler bekannt mit
ihrem Hit "Push". Lange Zeit nix von gehört und doch zeigten die "alten
Herren", das noch eine ganze Menge Energie in ihnen steckt. Vor allem
westdeutsche Dunkelhüte freuten sich über die treibende Musik an der
Schnittstelle von Wave und EBM, schließlich wuchsen nicht wenige von
ihnen mit Bands wie The Invisible Spirit auf.
Für uns Ossis fällt mir da eigentlich nur Die
Art ein, die in Neufünfland auf eine große Anhängerschaft
verweisen kann und im Westen kaum bekannt ist. In diesem Falle war das Ganze
wohl als Auswärtsspiel zu verstehen, eine Aufgabe, die erfolgreich
gemeistert wurde. Die zweite Halbzeit lieferten The Fair Sex auf der
kleinen Bühne und auch sie wussten mit ihrem elektronisch geprägten
Rock für gute Stimmung zu sorgen. Im Vergleich zu früheren Auftritten
- in diesem Fall hatte ich die Band schon einmal gesehen, ich glaube es war in
Riesa - haben sie keinen Deut abgebaut. Ein Comeback, das 100-prozentig in
Ordnung geht.
Bevor
The Fair Sex rockten waren noch In My Rosary am Werk, die nicht
so recht überzeugen konnten und sehr blass wirkten. Vielleicht war die
sehr ruhige Musik auch nicht das Richtige für dieses Ambiente. Ganz anders
Stendal Blast. Mit ihrem oftmals sehr simpel gestrickten Hauruck-Eletkro
brachten sie die Anwesenden dazu das Tanzbein zu schwingen und so die immer
fürchterlich werdende Kälte ein wenig zu vergessen. Augenschmaus der
Stendaler ist Sänger Kaaja Hoyda, der wie ein Berserker über die
Bühne tigert und allen möglichen Unsinn macht, um sein Publikum zum
Mitmachen zu bewegen. Seine mal intelligenten, mal leicht debilen Texte sind
auf jeden Fall ein genaueres Hinhören wert.
Auf der großen Bühne beschlossen
dann The Breath Of Life mit ihrer angenehmen Wave-Musik den Abend,
wohingegen sich im Burghof Psyche aus Kanada austobten. Auch Sänger
Darrin Huss ist nicht mehr ganz jung, was ihn allerdings nicht daran hinderte
den Derwisch zu geben und unter allerlei Verrenkungen seinen Platz auf den
Brettern, die die Welt bedeuten, einzuklagen. Begleitet von nur einem
Keyboarder wirkte das Ganze wie eines dieser unseligen Dance Pop-Duos, aber nur
optisch. Musikalisch ließen sich Parallelen zu Soft Cell finden. Wie dem
auch sei, nach
Psyche war Schluss und das Angebot mit einem Auto in die
Pension mitgenommen zu werden, wirkte verlockender, als die Nutzung der
Disko-Scheune, weshalb ich mich für ersteres entschloss. Der Abend klang
dann nach eingehender Wiedererwärmung mit Gesprächen und dem Konsum
diverser Alkoholika aus. Als dann halb vier ein weiterer Mitbewohner der
Pension, ein Jäger in vollem Ornat die Treppe herabgestiegen kam, um
Schwarzkittel zu erbeuten, verzogen wir uns dann in unsere Betten.
Tag
zwei startete mit sportlichen Aktivitäten. Gern hätte ich gesehen,
wie die Gothics Fußball spielen, da wir in Dresden auch eine kleine
Mannschaft haben, wir schafften es jedoch nur zum Tischtennis. Als wir einige
Zeit später auf der Burg eintrafen, las gerade Boris Koch in der
Scheune. Seine Geschichten zeichnen sich durch ein gutes
Beobachtungsvermögen aus und es macht Spaß zuzuhören. Manchmal
verliert er sich jedoch im Zuviel an Details und es wird immer schwerer bei der
Sache zu bleiben. Einige Anwesende quittierten diesen Sachverhalt mit einer
kleinen Pause und schlummerten ein. Ganz anders bei Christian von Aster,
der mit seinen Vampirerzählungen, seinen philosophischen Märchen und
Legenden voll ins Schwarze traf. Da wir aber die Gelegenheit hatten, Herrn
Aster eine Woche später in Dresden zu bestaunen, verließen wir erst
einmal Raum und Festivalgelände um nicht zu viel vorher mitzubekommen.
Bei unserer Rückkehr hatten wir dann
leider den Nachwuchsbands-Wettbewerb und Vinky verpasst - sorry!
Dafür ging es gleich mit Reptyle und On The Floor weiter.
Alles OK, ohne mich wirklich vom Hocker zu reißen. Die Namen legen nahe
wie die Helden heißen ("The Reptile House" und "Floorshow") und dagegen
ist nichts einzuwenden. Die erste positive Überraschung des Abends boten
Chants Of Maldoror aus Italien, die eine ziemlich saubere Chrisitan
Death-Kopie zu Zeiten des Schmerzentheaters ablieferten. Der androgyne
Sänger in 20er Jahre Spieler-Outfit und mit Lederleibchen wirkte wie ein
junger Bowie und nahm so manches Frauenherz im Sturm. Begeisternd war aber
nicht nur die Optik (für die männliche, nichtschwule Fraktion bot die
Keyboarderin auch einen Augenschmaus). Musikalisch boten die Chants so alles,
was man sich so von amerikanischem Death Rock erwartet. Harte, bis an die
Schmerzgrenze verzerrte Gitarren, den Klang zentnerschwerer Depressionen, einen
schleppenden Bass und theatralischen Gesang Marke Rozz Williams. Da dieser nun
leider nicht mehr unter den Lebenden weilt, sind die Chants Of Maldoror
ein durchaus legitimes Mittel, Entzugserscheinungen zu mildern. An diesem Abend
war das Ganze auf jeden Fall ein wunderbarer Nostalgie-Flash. Zu erwähnen
ist noch, dass die Band, die leider keinen Live-Schlagzeuger zu bieten hatte,
mit ungewollt komischen Einlagen für Erheiterung sorgte. Gehörte es
doch auch zu den Aufgaben des Sängers, den richtigen Schlagzeug-Track von
CD zu starten, was ihm allerdings nicht so recht gelingen wollte. Sein
Kommentar: "Sorry, we had to much fun before the show. So we have to pay the
price now." Jaja, Scheiß Gesaufe
Zurück ging es zur großen Bühne, wo
Thanateros spielen sollten, was sie aber erst einmal nicht taten.
Stattdessen gab es eine ziemlich lange Pause und mich beschlich der Verdacht,
dass man die Band zu Gunsten von Herrn Friedrichs neuem Projekt aus dem Set
gekippt hatte. Nach einigem sinnlosen Warten ging ich wieder in den Burghof, um
The House Of Usher nicht zu verpassen - eine Entscheidung, die sich als
richtig erwies, wusste die Band mit ihrem klassischen Gothic Rock-Sound zu
überzeugen. Im Gegensatz zu vielen anderen Projekten, die auf diesem Pfade
wandeln, haben es The House Of Usher immer verstanden, eine eigene Note
einzubringen. Nach fast einstündiger energetischer Show verabschiedeten
sie sich mit dem Joy Division-Cover "Transmission", bei dem dann doch deutlich
wurde, dass Sänger Jörg, der als Murnau'sche Mumie über die
Bühne schlakste, schon ordentlich dem Alkohole zugesprochen hatte, da er
ständig den Text vergaß. Egal, es sei ihm verziehen. Von
Zeraphine bekam ich dann aus irgendwelchen Gründen nur noch das
abschließende Depeche Mode-Cover mit, das sehr lahm wirkte. Freunde
bestätigten mir, dass der ganze Auftritt so gewesen sein soll, kein Grund
also sich zu ärgern. Irgendwie scheint der Stern von Herrn Friedrich im
Sinken begriffen. Als ich ihn später irgendwo auf dem Festivalgelände
sah, wirkte er alles andere als zufrieden und glücklich. Obwohl vor
Zeraphine angekündigt, traten Thanateros dann doch noch auf, obwohl
sie sich das meiner sehr subjektiven Meinung nach hätten sparen
können. Eindeutiger Gewinner des Poser-Preises, laut, machohaft,
langweilig. Besonders der blonde Bodybuilder-Sänger verdiente sich
unzählige Sympathiepunkte. Ich ging mir lieber am Feuer den Hintern
aufwärmen.
Funhouse aus Schweden waren dann auch alles andere als ein
Kracher. Ihre nette Mischung aus Sisters und Fields wusste Live nicht zu
überzeugen. Nicht viel anders erging es mir mit Diva Destruction,
die mir von CD wesentlich besser gefielen. So langsam aber sicher hatte ich
keine Lust mehr und verquatschte mich dann, wodurch ich Paul Roland
verpasste. Glaubt man den Aussagen der Zeugen seines Auftrittes, so war das ein
echter Verlust. Schade.
Mit
einiger Verzögerung betraten Mephisto Walz, der Hauptact des Abends
und Highlight des Festivals, die Bühne. Dass neun Jahre seit ihrem letzten
Auftritt vergangen sein sollen, war keinen Moment zu spüren und die alten
Herrschaften spielten routiniert ihre Hits runter. Lag es an der Kälte, an
der vorgerückten Stunde oder an der großen Erwartungshaltung: rechte
Stimmung wollte nicht aufkommen. Zwar feuerten die vorderen Reihen ihre Helden
ordentlich an und Sängerin Christianna bedankte sich freudestrahlend
für die herzliche Aufnahme. Zum Tanzen fühlten sich jedoch die
wenigsten angeregt. Erst bei "Paint It Black", dem letzten Lied des
regulären Sets, kam noch einmal richtig Stimmung auf, die noch für
drei Zugaben reichte. Dann war Schluss und ich hatte mich schon zum
Aufwärmen in die Diskoscheune zurück gezogen. Nach einer halben
Stunde traten wir von hier aus den Rückzug an um wieder in unserer Pension
dem Grundsatz aller schwarzen Gestalten zu frönen - Carpe noctem!
Der nächste Tag brachte
erst einmal einen kulturellen Höhepunkt der anderen Art - wir besuchten
den Schmetterlingspark in Wittenberg. All die Farben und die Wärme
bedeuteten Erholung für Auge und Körper. Sehr empfehlenswert!
Solcherart gestärkt betraten wir das Festivalgelände, um uns
die letzte Dosis Gothic Rock zu geben. Gereicht hat es dann letztendlich nur
noch für Cold, die mir zu sehr nach The Cure zu Zeiten von Wish
klangen und Sepulcrum Mentis, die mir zu sehr bemüht schienen, die
Leute vor der Bühne von der Qualität ihrer Musik zu überzeugen,
anstelle drauflos zu spielen und einfach Spaß zu haben. Wirklich
auffällig waren nur die beiden Damen in der Band, die eine an der Gitarre,
die andere hinterm Schlagzeug. Ein seltener, dafür um so erfreulicherer
Anblick. Für uns war dann auf jeden Fall Schluss und wir traten den
Heimweg an. Im Laufe des Abends sollen The Last Dance und The
Crüxshadows dann noch die überzeugendste Show geboten haben,
vielleicht hat man aber später noch einmal die Gelegenheit das zu
begutachten.
Am Ende eines jeden Festivals steht ein Fazit - mit
anderen Worten die Beantwortung der Frage: Hat sich das Ganze gelohnt, der
Eintrittspreis, die Fahrt, das Frieren? Für die Herbstnächte
2002 ist diese Frage eindeutig mit "Ja" zu beantworten, auch wenn die
Schnittmenge zu meinem persönlichen Musikgeschmack nicht allzu groß
war. Was in Raben zählt, ist die Atmosphäre. Die Security ist ruhig
und entspannt, Ärger gibt es im Prinzip keinen. Die Preise für
Eintritt, Essen und Trinken sind moderat und gehen voll in Ordnung. Das wirkt
sich natürlich auf das Publikum aus, das ebenfalls sehr entspannt seiner
Wege geht. Die etwas abseitige Lage des Festivalortes, die deutliche
Fokussierung auf Gitarrenbands und die terminlich bedingte schlechtere
Witterung als zu Pfingsten sorgt dafür, dass wirklich nur ein harter Kern
der Schwarzen Szene den Rabenstein erklimmt - und das ist gut so. Xtra-gestylte
Poser trifft man hier kaum und auch das aus Leipzig bekannte Schaulaufen
entfällt. Dem Verkauf von irgendwelchem Ramsch wird nicht allzu viel Platz
gegeben, die Musik steht eindeutig im Vordergrund. Insgesamt also die besten
Voraussetzungen dafür, dass sich auch Szeneveteranen wie ich wohl
fühlen können, die sich sonst ob ihrer eher unauffälligen
Kleidung und Frisur in diversen Tanztempeln wie ein Fremdkörper vorkommen
müssen. Schluchz!
An dieser Stelle noch einmal Dank an Ad Lunam
für das schöne Festival und an The House Of Usher für die
nette Gratis-CD. Weiter so!
disorder (debil - das Magazin
für neue deutsche Lightkultur) für
GOTHICWORLD Bilder von debil und Manja Georges
Weitere Bilder von den Herbstnächten 2002:
http://www.tolkewitz.de/galerie/raben2002.htm
http://inferiamoris.dreamhost.com/picturebox/xalbum.pcgi?ID=27
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