interview:

THE FAIR SEX
"Es sollte niemals vergessen werden, daß die Szene angetreten ist, um gleichsam das düstere verzerrte Spiegelbild des aussagelosen Mainstreams zu sein!"

The Fair SexDer Einfluss THE FAIR SEXs auf die schwarze Szene ist unbestritten, nicht zuletzt deshalb, weil die richtungsweisende Kombination aus treibenden EBM-Beats und harten Gitarren bei Gründung der Band noch wenig verbreitet war. Nach dem Split der Band im Jahre 1995 tat man sich 1999 wieder zusammen, spielte einen vielumjubelten Auftritt in Leipzig auf dem Wave Gotik Treffen und veröffentlichte im letzten Jahr eine erste Maxi, der mit "TFS" nun erst das erste komplette Album nach der Wiederveröffentlichung folgte.
Und was für ein Album. Während viele Reunions eher einen faden Beigeschmack ob der noch vorhandenen songschreiberischen Qualitäten hinterlassen, ist "TFS" ein sowohl zeitgemässes wie auch typisches Album der Band aus dem Ruhrgebiet. Direkt nach der Veröffentlichung von "TFS" folgte nun eine Tour mit Psyche und Invincible Spirit, also zwei weiteren langgedienten Bands der schwarzen Szene, die ihre grössten Erfolge in den späten achtziger bzw. den frühen neunziger Jahren feiern konnten.

Myk Jung, Sänger von The Fair Sex, fasst seine Eindrücke der Tour zusammen:


The Fair SexMyk: Wir haben so einige großartige Situationen erlebt: es gab nicht selten richtig enthusiastische Reaktionen, die sich allerdings zuweilen mit Momenten linden Wohlwollens ablösten. Es war wahrhaftig eine sehr interessante Konstellation, bei der sich die Anhänger der einzelnen Bands während der Konzerte vermischten. Die Mitglieder der einzelnen Bands gehörten obendrein des öfteren zum begeisterten Publikum der jeweils anderen Bands.

GW: Hat sich, so wie sich auch die Szene im Laufe der Jahre verändert hat, euer Publikum verändert? Kommen heute andere Leute zu einem Konzert von THE FAIR SEX als früher?
Myk: Das Publikum setzte sich aus alten Fans und neuen Gesichtern zusammen, wobei die Fraktion der "Achtziger" im Schnitt leicht die überhand behielt. Allerdings war es interessant zu beobachten, daß sich das Publikum - je nach Location - doch sehr voneinander unterschied.

GW: THE FAIR SEX haben sich 1995 überraschend aufgelöst und im Jahr 1999 reifte der Entschluß, die Band wiederzubeleben. Was waren die Gründe, die zur Auflösung der Band wie auch wieder zu ihrer Reunion geführt haben?
Myk: Es waren wenig spektakuläre Gründe für unseren Split: Nach über zehn Jahren Zusammenarbeit funktionierte das Innengerüst der Band einfach nicht mehr. Wir haben diese Auszeit von ein paar Jahren gebraucht, um wieder zueinander zu finden. Anfang 1999 allerdings spürten wir, daß wir uns wieder vehement nach einer Zusammenarbeit typisch fair sexiger Art sehnten.

GW: Solche `Wiederveröffentlichungen haben ja häufig einen bitteren Beigeschmack, da viele der Bands den Erwartungen ihrer Fans leider nur zu häufig nicht mehr gerecht werden. Seid ihr euch dieser Gefahr bewusst gewesen und wie habt ihr es vermieden, euch ebenfalls dieser Gefahr auszusetzen?
Myk: Das klingt so, als würdest du unsere Reunion als durchaus gerechtfertigt ansehen: wenn du meinst, daß wir diese Gefahr vermieden haben. Tatsächlich gibt´s nicht wenige Menschen, die glauben, daß "TFS" unser bislang stärkstes Album ist. Ich denke, wir hatten in den sieben Jahren unserer Band-Abstinenz genug starkes Songmaterial gesammelt, um sicher zu sein, keinen faden Beigeschmack zu hinterlassen. Und doch ist die Hälfte der Titel erst in den letzten zwölf Monaten geschrieben worden.

GW: Was hat sich für euch als Band, aber auch als Privatpersonen, im Laufe der Jahre innerhalb der Szene verändert? Ist sie, wie häufig zu hören und zu lesen ist, oberflächlicher geworden, bestimmen andere Inhalte die Szene? Wie haben sich THE FAIR SEX verändert?
Myk: Ich habe gerade in letzter Zeit die Meinung geäußerst, daß sich in meinen Augen die Szene ihren ureigenen Charakter erhalten hat - was des öfteren auf Verwunderung stieß. Denn die Ansicht, daß die Szene oberflächlicher geworden ist, scheint sich etabliert zu haben. Es gibt heutzutage einige Trends innerhalb der Schwarzen Subkultur, für die ich keine Begeisterung zu empfinden vermag (z.B. der Mut zum Düsteren Schlager); jedoch glaube ich nicht, daß sich solche Trends lange zu halten vermögen. Von The Fair Sex hingegen denke ich, daß die Band ihren ureigenen Stil aufrechterhalten hat, ohne daß sie zu viel retro-Staub aufgewirbelt hat.

GW: Wut und die Artikulation von Wut durch Musik war immer auch der musikalische Motor von THE FAIR SEX. Ist diese Wut immer noch vorhanden oder verliert sich diese Wut mit zunehmendem Alter? Haben sich die Themen, die zu dieser Artikulation geführt haben, verändert?
Myk: Eine zehrende Unzufriedenheit, eine unterschwellig vorhandene Wut, hat sich bis heute gehalten, und ist immer noch ein Motor der Kreativität. Schreit diese Welt nicht zuweilen nach Wutausbrüchen ihrer Bewohner? Rastlosigkeit, der Verlust von Seelenfrieden - zumindest mein persönliches Leben kennzeichnen diese nervtötenden Gemütszustände immer noch; vielleicht sogar stärker als in manchen früheren Phasen.

GW: Lässt sich diese Wut auch heute noch in der Szene ausmachen oder ist die Szene heutzutage sehr viel angepasster geworden?
Myk: Auch diese Ansicht habe ich gerade in letzter Zeit des öfteren vernommen. Vielleicht müßte ich demnächst noch mehr Zeit innerhalb der Szene verbringen, um die Wahrheit darüber zu eruieren. Allerdings vermute ich hinter solchen Aussagen ganz stark die uralte These, daß früher allles besser und originaler gewesen sei. Solche Statements sind mit Vorsicht zu genießen. Auf der anderen Seite sollte niemals vergessen werden, daß die Szene angetreten ist, um gleichsam das düstere verzerrte Spiegelbild des aussagelosen Mainstreams zu sein. Wenn sowas eines Tages vergessen sein sollte, wird die Szene am Ende sein.

GW: Hat sich, verglichen mit der Zeit vor dem Split, die musikalische Arbeitsweise der Band und ihrer Songs verändert? Arbeitet ihr heutzutage anders, rationeller, zielgerichteter?
Myk: Die Stücke basieren hauptsächlich auf der Grundidee eines einzelnen von uns; gemeinsam schleifen wir an diesen Skizzen. Die Art und Weise, wie wir vorgehen, mag zielgerichtet und rationell sein. Das Zusammenspielen früherer Tage allerdings könnten wir in Zukunft wieder öfter auferstehen lassen.

GW: In welcher Stimmung oder Gemütsverfassung entstehen die Songs von The Fair Sex?
Myk: Inspirationsfülle ist wahrscheinlich die Voraussetzung, daß aus einer flüchtigen Idee ein wahrhaftiger und guter Song wird. Die Gemütsverfassungen des Schreibers allerdings mögen ganz verschiedene sein: Niedergeschlagenheit oder Optimistismus, Zorn oder Glücklichsein - allen möglichen Seelenzustände wohnt die Kraft inne, Kreativität erstehen zu lassen.

GW: Über welchen Zeitraum sind die Songs zum neuen Album entstanden? Wo seht Ihr die hauptsächlichen musikalischen Unterschiede im Vergleich zu früher? Mir scheint, dass das neue Album wieder die stärkere Seite der Elektronik betont.
Myk: Die ältesten Stücke, "Laughter Of Mirth" etwa oder "The Now And Here", wurden schon in 1999 geschrieben, wenngleich später teilweise modifiziert. Die meisten Stücke stammen aus den Jahren 2000 und 2001. Ein Hauptunterschied zu früheren Tagen ist wohl, daß die Songs besser vorbereitet sind, wenn wir dann schließlich die endgültige Studiophase beginnen. Zu der Beurteilung der Gesamtlinie: Es scheint ein augenfälliges TFS-Merkmal zu sein, daß die Reaktionen auf unseren Sound andauernd auseinandergehen. Es gibt auch Hörer, die feststellen, daß wir niemals zuvor stärkere Gitarren aufgefahren haben als etwa in "Cold Heat Enclosed In Stone", "The Far Side", "The Now And Here" oder "Get Out Off My Head").

GW: Woher stammen die Inspirationen für die Texte von Songs wie "Cold Heat Enclosed In Stone", "The Far Side" und "Failed Desaster"?
Myk: Du hast Dir für diese Auswahl drei Songs ausgesucht, deren Lyrics schwer interpretierbar sind, da sie mit assoziativ-wilder Imagination ausgestattet sind, deren letztendliche Deutung wahrscheinlich dem Hörer überlassen ist, wenn er nicht meinen ganz ureigenen, wahrscheinlich ausufernden Erklärungsansätzen folgen möchte, was ich keinem raten würde. Die Inspirationen für die Texte liegen in den Songs selber: sie legen mir sozusagen, wenn ich tief genug horche, die richtigen Worte in den Mund.

GW: Haben sich die Texte und die Art, wie sie geschrieben wurden, im Laufe der Jahre verändert?
Myk: Die Vorgehensweise dieser reinen Intuition pflege ich jetzt schon seit einigen Jahren; ich glaube nicht, daß sich da viel verändert hat. Wenn der Text beendet ist, verwundere ich mich selber des öfteren, welche Richtung er genommen hat, und staunend schau ich auf solche Sätze wie: "Dare the wrong: Love is failed disaster" - denn daß Liebe das Resultat fehlgeschlagener Desaster ist, finde ich eine wundervolle Formulierung, und daß man, um solches zu erreichen, einmal alles wagen sollte, auch das augenscheinlich Falsche, ist eine andere wunderbare Idee. Nur hatte ich diese Wortschöpfungsideen noch nicht, bevor ich mich daran machte, diesen Text zu schreiben! So ergeht es mir mit fast allen Texten, die ich schreibe. "All is all-one: this is what matters indeed" - "das einzige, was zählt, ist, daß alles egal ist" ist ein anderes herrliches Beispiel für diese Intuition, obgleich mit fragwürdiger Message, wie ich warnend hinzufügen möchte.

GW: Das Vorwort zum Album könnte als Abrechnung der Band mit ihren Kritikern und der "Schwammigkeit" solcher Begriffe wie "Futureretro" bzw. "Retrofuture" verstanden werden, wobei die Begrifflichkeit an sich ja eher zweitangig ist und es daher müssig sein sollte, sich mit solchen Definitionen auseinanderzusetzen um sich vielmehr mit dem auseinanderzusetzen, was wirklich wichtig ist, der Musik. Würdet Ihr dieser Deutung zustimmen?
Myk: Dem würde ich voll und ganz zustimmen. Wir haben auf unserer vorab veröffentlichten Maxi den Begriff "Retrofuture" lanciert - einfach so, weil er uns ganz passend erschien. Auf diesen Begriff haben sich plötzlich alle gestürzt, um festzustellen, daß wir richtigen "Retrofuture" machen. Yeah. Wir fühlen uns geehrt. In Wahrheit interessieren uns solche Klassifizierungen nicht.

GW: Wenn Ihr heutzutage Bands wie Zeromancer und deren Alben betrachtet, denkt Ihr, dass THE FAIR SEX dann eine Vorreiterrolle in der Kombination aus Elektronik und harten Gitarren inne hatten?
Myk: Diese Vorreiterrolle wird uns oft zugeschrieben, und wir sind ein bißchen stolz drauf. Allerdings glaube ich nicht, daß wir, was die Stilmittel angeht, in unserer Frühphase besonders innovativ oder bahnbrechend waren. Wir haben alles zusammengemischt, was wir liebten - und haben daraus oftmals sehr gute Stücke geschmiedet. That´s it and that´s all.

GW: Was steht für THE FAIR SEX nach der unlängst beendigten Tournee nun als nächstes auf dem Programm?
Myk: Wir haben mehrere verschiedene Pläne, was die nächsten Schritte angeht. Sie sind noch nicht ausgereift genug, um jetzt schon was zu sagen. Frag mich mal lieber wieder im Dezember.


Michael Kuhlen (OBLIVEON) für GOTHICWORLD


Review zu "TFS"
www.thefairsex.de