Live-Review:

LACRIMOSA 18.11. Live Music Hall, Köln
"Vor der Fassade ist hinter der Fassade."


Tilo live in KölnSchon lange vor dem offiziellen Einlass konnte man in Köln/Ehrenfeld eine verstärkte Wanderung Scharen schwarzgekleideter Personen beobachten, die ihren Endpunkt vor der Live Music Hall fand. Groß war das Gedrängel als um 19.00 Uhr die Pforten geöffnet wurden, da offensichtlich fast alle Besucher in der ersten Reihe stehen wollten.
So war es dann auch sehr zuvorkommend das TO DIE FOR ihre undankbare Aufgabe einer Vorband fast pünktlich um 20.00 Uhr begannen. Es war sicher nicht einfach für die Jungs, das eigentlich auf den Hauptakt wartende Publikum halbwegs zufrieden zu stellen und dann noch auf einem schmalen Bühnenstreifen, vor dem schwarzen Vorhang zu spielen, der die aufwendige Deko der Lacrimosa-Bühne verdeckte. Aber sie machten ihre Sache recht gut. Spielten ihren Gothic-Metall der sich vor allem durch die klare Stimme des Sängers von der Masse abhebt. Auch wenn ihre Leistung nicht genügend honoriert wurde, da alle auf den Hauptakt warteten.

Lacrimosa in FlamesDer dann auch gegen 21.15 Uhr sein Kommen mit dem bekannten, und dementsprechend umjubelten "Lacrimosa Theme" ankündigte. Der Vorhang verschwand und gab den Blick auf die Fassade frei. Die Tournee des "Popstars" der Gothicszene nähert sich dem Ende und man merkt Tilo eine gewisse Erschöpfung an. (Wahrscheinlich auch wegen der Erkältung!) Trotz diesen Faktoren ist Herr Wolff Profi und Idealist genug, ein Konzert nicht abzusagen und optisch wie musikalisch eine absolut perfekte Glanzleistung hinzulegen. Soviel zum Gesamteindruck.

Ja, Lacrimosa waren perfekt wie immer. Was die Leistung der Musiker, der Licht- und Tontechniker anbelangt und natürlich nicht zuletzt dem charismatischen Frontmann und Zeremonienmeister Tilo Wolff zu verdanken ist. Wie gewohnt dirigierte er das Publikum, die Band, sich selbst(?) mit sparsamen aber umso eindrucksvolleren Bewegungen, die Bühne wurde durch Elemente des aktuellen CD Covers getragen und Lacrimosa haben die Pyrotechnik für sich entdeckt. (Es knallt, blitz allerorten, Flammen und Fontänen schießen in die Luft, das Eröffnungsstück "Fassade Satz 1" singt Tilo als Schatten hinter einer Wand die sich am Ende in Flammen auflöst.) Das alles ist sehr eindrucksvoll und ein Augen- wie Ohrenschmaus, und doch wirkte es anfangs etwas bemüht. Etwas steif, emotionslos...

Vielleicht liegt es an der Schwere und Komplexität des aktuellen Werkes, vielleicht an den Ermüdungserscheinungen gegen Ende einer Tournee, vielleicht lag es auch am Kölner Publikum? Irgendwie hatte ich den Eindruck als würden die Leute erst gegen Ende langsam auftauen und genau ab diesem Zeitpunkt wirkte auch Tilos spontaner und lockerer auf der Bühne.

Lacrimosa live in KölnDie Highlights waren in Köln auf jeden Fall die "guten alten" Lacrimosa-Klassiker wie "Alles Lüge", "Komet", "Schakal" oder "Halt mich". Auch wurde "Der Morgen danach" bejubelt, was wiederum den Eindruck vermittelte, das ein Haufen neue Fans dazu gekommen waren, die nur "Elodia" und "Fassade" kennen. Der Applaus bei dem lange nicht mehr live gespielten "Flamme im Wind" war eher verhalten, dafür durfte natürlich "Stolzes Herz" als finale Zugabe nicht fehlen und wurde frenetisch mitgesungen und mitgespielt! (Eine Frage die ich Tilo schon lange stellen wollte: "Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man auf der Bühne steht und vor sich einen Haufen Leute sieht, die genauso aussehen und sich genauso bewegen wie man selbst?")

Am gelungensten fand ich das erstklassige Trompetensolo in "Ich verlasse heut dein Herz" vom Meister himself, und die von ihm lachend dargebotene Swingversion der ersten Strophe von "Copycat". (Wunderschön wie sich Tilo über die Verwirrung seines Publikums amüsierte!!!)

Publikum in KölnAnne hatte wie immer ihre Feuertaufen, da sie nie so richtig von allen Fans akzeptiert wird, aber in den zwei neuen Stücken, ("Vankina", "Senses") wo sie endlich ihre Stimmlage gefunden hat, ist sie sehr gut. Sie hat nun mal nicht die "heavenly voice". Und das ist auch o.k..

Irgendwie wurde die Stimmung erst bei den Zugaben so richtig gut. Zu denen sich Lacrimosa auch dreimal herausfordern ließen. Somit kamen sie auf eine Gesamtspielzeit von etwas über zwei Stunden, was ich als beachtliche Leistung empfinde, vor allem wenn ich mir Tilos Zustand vorstelle. (Hat jemand schon mal mit ner Erkältung ganz normal gearbeitet? Dann wisst ihr ja wie besch... man sich fühlt!)

Die Erwartungen an ein Konzert von Tilo und seinen Mannen sind hoch und wurden voll und ganz, wenn auch ohne große Überraschungen, erfüllt. Alles in allem ein wie von Lacrimosa gewohntes, perfektes, bombastisches, sehr gutes Livekonzert, das nach einem eher zögerlichen Start im letzten Drittel seine wahren Qualitäten entfaltete.
Viel Glück und Kraft für die restliche Tournee.



Thomas Sabottka für GOTHICWORLD

Live-Review zum 13.11. Longhorn, Stuttgart
Review zu "FASSADE"
Aktuelles Interview mit Tilo Wolff

Die Photos sind vom Event in Köln und werden in den nächsten Tagen zusammen mit Bildern von den Shows in Mainz, Osnabrück, Oberhausen, Antwerpen und Rotterdam noch größer und schöner auf der LACRIMOSA-Homepage präsentiert. Das Stunt-Bild mit dem brennenden Rahmen stammt von der Mailand-Show (geschossen von Nicolas Fanchamps). Auch hier von demnächst noch mehr.
Aktuelle Live-Bilder: www.lacrimosa.de