Live-Review:

LACRIMOSA 19.11. Turbinenhalle, Oberhausen

Lacrimosa FASSADE TourBevor ich mich dem eigentlichen Konzert zuwende, möchte ich doch einige Worte über das Publikum verlieren. Das hat sich, im Vergleich zu den Konzerten im letzten Jahr, doch auf erschreckende Weise verändert. Ich weiß nicht, wie viele solcher Leute, die als als "Mode Grufties" bezeichnen würde, vorhanden waren, aber wir standen in der ersten Reihe und direkt hinter uns war ein ganzer Pulk dieser meist weiblichen Wesen (und auch später habe ich einige solcher Leute gesehen). Altersmäßig um die 16, 17, von der Mentalität weitaus tiefer.
Ich habe nichts dagegen, wenn jemand mitsingt. Ich tue das auch, wenn auch sehr leise weil sich meine gesanglichen Fähigkeiten in argen Grenzen halten, und auch der Rest des Publikums ist in der Regel so gefesselt in der Stimmung, daß man einfach mitsingt. Nur, wenn hinter einem 6 oder 7 "Groupies" (wie der Lacrimosa Pseudo-Fanclub seine Mitglieder stets begrüßt) aus vollem Hals schief und im Chor mitsingen, hört der Spaß irgendwann auf. Und zwar dann, wenn diese Leute so laut rumkrähen, daß man den Sänger nicht mehr hört.
Aber was solls, wenn kein Song aus "Elodia" oder "Fassade" dranwar, konnten diese Leute den Text sowieso nicht; ob sie die anderen Songs inhaltlich verstanden haben, stelle ich mal dahin (den Text auswendig zu können, darum geht's leider nicht). Aber die meisten Lieder interessierten diese Leute sowieso nicht. Wenn das Lied nicht schön schnell und fetzig sondern ruhiger war, dann mußten man natürlich rumgigeln und sich über Annes Kostüme unterhalten. Ich weiß nicht, was solche Leute auf einem Konzert suchen. Zu einem Gothen gehört doch wohl weitaus mehr als schwarze Kleidung zu tragen und Liedtexte auswendig zu können. Aber diese Entwicklung ist es wohl, die Tilo meint, wenn er in Interviews von der zunehmenden Oberflächlichkeit der Szene redet. Und scheinbar hat er damit recht. Letztes Jahr habe ich solche Leute nicht gesehen.

Anne NurmiAber nun zum Konzert. Schön. Einfach Schön.
Nachdem man 50 Minuten lang To/Die/For über sich ergehen lassen mußte, die außer stets gleichklingenden Songs und "Fuck You" nicht viel konnten (mäßiger Applaus) ging es endlich los. Die Bühne mit einem schwarzen Vorhang verhüllt, auf den beim Intro das Lacrimosa Logo projeziert wurde. Dann gings los, Vorhang auf, und zwar mit "Fassade 1. Satz" (Dementsprechend endete das Konzerte vor den Zugaben mit dem 3. Satz). Den ersten Teil des Songs stand Tilo hinter einer "durchsichtigen" Wand, auf der man Tilos Schatten sah (Schaut mich nicht an! Vielleicht bin ich nur ein Schatten), später ging diese in Flammen auf und gab den Blick auf Tilo frei. Klasse Einfall, vor allem inhaltlich interessant. Tilo, ungeschminkt und eigentlich relativ "normal" in schlichten schwarzen Sachen inklusive Jacket gekleidet, lieferte wirklich ein schönes Programm mit vielen tollen Einfällen. Bei "Flamme im Wind" (endlich mal wieder ein älterer Song) standen Feuerschalen auf der Bühne, bei "Ich verlasse heut den Herz" spielte Tilo perfekt Trompete; dazu schöne Pyro-Effekte. Die Bühne bestand wie üblich aus dem Cover als Vorhang im Hintergund, allerdings wurde die Models von der Zeichnung entfernt, diese standen als Schaufensterpuppen auf Laufstegen (als Verlängerung des Steges auf dem Vorhang) am Rand, schöner Einfall.

Zur Hochform lief Tilo eigentlich erst in den Zugaben auf, zwischen denen er sich etwas Zeit lies. Am gelungensten sicherlich die letzte Zugabe mit "Copycat". Lacrimosas wohl härtester und aggressivster Song begang relativ ruhig und klang nach dem ersten Refrain soft aus. Verwirrung im Publikum. Tilo lehnte sich lächelnd auf sein Mikro, die Verwirrung sichtlich genießend (ein kleiner Schelm...). Zwei, drei Sekunden vergehen, dann eine Pyro-Explosion und der Song geht gewohnt hart los weiter. Äußerst gelungen, ein schöner, witziger Einfall.

Tilo WolffBesonderes Lob gebührt wohl Anne. Normalerweise bin ich ziemlich genervt von ihren stimmlich enttäuschenden Livesongs, doch nicht so dieses Jahr. Stimmlich beeindruckend wie noch nie, großer Applaus für Anne sowie spontanen Applaus beim Refrain von "Copycat". Gesangstechnisch war Tilo leider etwas untersteuert, bei den Zugaben wars dann aber wieder okay (Eine Rüge an den Techniker). Allerdings war Tilo "Fassade 1. Satz" stimmlich irgendwie nicht gewachsen, klang etwas arg bemüht. Insgesamt kann man sagen, daß die Fans eher auf die alten Songs ansprangen, besonders bei "Alles Lüge" und den Zugaben war die Stimmung auf dem Hochpunkt. Und auch "Liebesspiel" hat sich als ein schönes Livestück behauptet, hätte ich nicht gedacht. Vermißt habe ich aber ein paar alte Songs. "Seele in Not" wird ja nun leider schon länger nicht mehr gespielt (obwohl es zu den besten Livesongs gehört), aber anstatt 5 "Elodia" Songs hätte man ruhig auch noch "ältere" Songs wie "Kabinett der Sinne" oder "Tränen der Sehnsucht" spielen können.

Insgesamt aber ein absolut gelungenes und überzeugendes Konzert mit vielen schönen Einfällen (Lacrimosa spielt knapp 2 Stunden), wenn auch das Publikum die Stimmung etwas gedrückt hat.
Eine seltsame Sache am Rande:
Wieso wurden Lacrimosa Kinder T-Shirts verkauft???
Welche Zielgruppe sollen die denn ansprechen??? Kommerz läßt grüßen?

JACK für GOTHICWORLD



Live-Review zum 18.11. Live Music Hall, Köln
Live-Review zum 13.11. Longhorn, Stuttgart
Review zu "FASSADE"
Aktuelles Interview mit Tilo Wolff

Aktuelle Live-Bilder: www.lacrimosa.de