Live-Review:

SOFT CELL 13.11. Columbiahalle, Berlin
"Synthies und Sinnlichkeit"


Marc AlmondNein! So richtig wie mit vierzehn fühlte ich mich nicht. Denn erstens war ich damals, als SOFT CELL mit "Tainded love" ihren Megaknaller landeten, der neben "Blue Monday" von NEW ORDER wohl DIE Hymne der 80er schlechthin ist, noch viel jünger und außerdem lebte ich auf der falschen Seite der Mauer.

Erst als ich 1986 MARC ALMOND für mich entdeckte, der da schon auf einen beachtlichen Backkatalog zurückblicken konnte, (MARC AND THE MAMBAS; SOLOPROJEKTE und eben SOFT CELL!) dachte ich mir, dass es schade sei, diese Band nie live sehen zu können, da sie sich bereits 1984 aufgelöst hatten.

Nach dem sie den umgekehrten Weg gegangen waren, vom poppigen Topakt zurück zur depressiven, experimentellen Undergroundband, den schwerverdaulichen Alben "The art of falling apart" und "This last night in sodom" die der Plattenfirma nicht schmeckten, so dass sie immer wieder "Tainded Love" auf die B-Seiten packten, einer extremen Drogen- und Alkoholphase der "kleinen Schwuchtel", verschwanden SOFT CELL von der Bildfläche.

Dave Ball werkelte weiterhin in der Elektronicszene, mit gelegentlichen Technoausflügen (THE GRID) und MARC ALMOND schickte sich an, mit diversen Soloalben zur "großen alten Dame" des kitschigen Popchanson zu werden. (Mal mit sehr guten z.B. "Mother Fist" oder auch sehr schlechten "Tenementsymphony" Platten.)

Aus den Augen haben sie sich aber nie verloren. Allein ihre gemeinsamen Freunde aus der Mitte der 80er doch schon recht revolutionären englischen Independentszene, zu der u.a. Nick Cave, Foetus, Coil, Psychic TV und Lydia Lunch gehörten, brachte die Beiden immer wieder mal zusammen. So das sich vor ca. drei Jahren die Gerüchte verdichteten das SOFT CELL sich für eine Tour und eine CD wieder vereinigen würden.

Die Sache wurde zugunsten von den letzten zwei Soloalben Marc's immer wieder verschoben doch dann war es 2001 soweit. Zunächst eine USA Tour, dann Großbritannien und nun für DREI Dates in Deutschland. Ein Freund von mir hatte Anfang der 90er mal gesagt, dass wenn sich SOFT CELL je wieder vereinigen würden, er für die Karte sogar jemanden erschlagen würde. Diesen brutalen Weg musste man nicht gehen!!

Karten gab es sogar noch an der Abendkasse, trotzdem war die Columbiahalle gut gefüllt. Mit einem sehr interessanten optischen Querschnitt innerhalb des Publikums. Da gab es einen Haufen Gothics, die obligatorischen "Schwuchteln" in ihren Engen Pullovern und glänzenden Hosen. Da gab es die "normal" gekleideten Overthirties, Vokohilafrisuren und sogar Punks. Und alle waren gekommen um für wenigstens einen Abend noch mal in den guten alten Eighties zu schwelgen. Nach einer ziemlich schlechten, technoiden Vorband (ARMAGGEDON TEEN IDOLS) war es dann gegen 21.15Uhr soweit.

Dave Ball und Marc Almond betraten frenetisch umjubelt die Bühne und spielten anderthalb Stunden lang eine gute Mischung aus alten und neuen Songs. Wobei mir die Ausflüge in die schrägeren Gefilde wie "The best way to kill" (Ein laut Almond: "Punksong" mit Marc an der E-Gitarre!), "The art of falling apart", "Martin" und "Heat" besser gefielen als "Torch" oder "Taindet love". Natürlich waren es gerade die letzteren Songs bei denen das Publikum geschlossen Strophen- und Refrainweise den Text mit sang, während ALMOND sich lächelnd und selbstironisch als der perfekte Entertainer erwies. Der kleine, schmächtige Typ wirbelte über die Bühne, dirigierte die Fans, hielt Smalltalk, spielte auf elektronischen Drums und griff sogar zur E-Gitarre. Die neuen, noch unveröffentlichten Stücke ("God shaped hole", "Divided Souls" "Somewhere, somehow, somewhen") passten sich ebenso gut in das Gesamtbild, wie eben "Say hallo wave goodbay" oder "Sex Dwarph". Dave Ball blieb die ganze Zeit über hinter seinen Synthezisern und überließ seinem alten Kunsthochschulkumpel die Bühne, welche dieser auch mit seiner unglaublichen Stimme und Präsenz ausfüllte.

Es war ein gelungener Abend, der seinen Reiz auch aus der (hoffentlich!) Einmaligkeit gewann. Denn SOFT CELL haben sich nicht aus kommerziellen Gründen wieder vereinigt, sondern aus Spaß an der Sache, was man ihnen auch anmerkte. Und die Tatsache das Dave Ball etwas dicker als früher ist, beide über vierzig sind oder "is it really fucking twenty years ago?" (Zitat Almond) dass "Where did our love go" geschrieben wurde... Spielt das wirklich eine Rolle?

Soft CellDie meisten von uns werden sicherlich für zwei Stunden vergessen haben, das wir alle schon über Dreißig und SOFT CELL eben eine Legende sind. Eine Legende die sich für einen kurzen Moment wieder an die Oberfläche der Realität begeben hat, um mit einem lachenden und einem weinenden Auge, die Mischung aus kalter Elektronic und schwülstiger Sinnlichkeit zu zelebrieren, ohne dabei verklemmt, nostalgisch zu wirken. Denn eines blieb am Ende übrig.
"Youth has gone… And don't think I don't cry!"
Und das ist vielleicht auch gut so!
Auf jeden Fall bin ich jetzt um einen unerfüllten Wunschtraum ärmer und dafür sehr dankbar.


Thomas Sabottka für GOTHICWORLD

Homepage: www.marcalmond.co.uk