Live-Review:


THE CURE
"Eins, zwei, der, vier - grinding halt..."

Bericht über das "dark-trilogy"-Konzert am 12.11. im Tempodrom, Berlin

Robert SmithUm es vorweg zu nehmen: die Zeit, in der das sehnsüchtige Warten auf ein Cure-Konzert zu den lebensverlängernden Maßnahmen eines Gruftis gehörte, sind vorbei. Endgültig. Immer noch aber bieten Robert Smith und Mannen ein geniales Trauerspiel im besten Sinne und so kann es passieren, dass der folgende Bericht etwas zwischen Hymne und Nachruf schwankt.

Warum man für eine DVD-Aufnahme die Variante wählt, drei Alben am Stück, notengetreu, herunterzuspielen und somit von vornherein jede Spontanität aus dem Konzert zu nehmen, weiß das rotweingeschwängerte Hirn von Robert allein. Die Aussicht aber, als Ossi und Spätgeborener (1971) die "Pornography" mal live zu erleben, trieb mich am 12. November ins Berliner Tempodrom. Die Stadt hatte sich THE CURE zu Ehren eine nasses, graues Regenkleid angezogen, schwarzes Volk aus der ganzen Welt (von Brasilien über Spanien bis Russland) hüpfte von Vorfreude gepeitscht bierselig durch die Vorhalle und gab dem Ganzen einen Anstrich von Familientreffen. Ja, die Fans sind mit ihrer Band älter geworden und gelegentlich zeigte ein Vater seinem Nachwuchs schon, wie er in "den alten Zeiten" mal ausgesehen hat. Nicht schlimm, aber auch nicht ermutigend.

The CureRelativ pünktlich schlichen sich THE CURE auf die Bühne und nach einem kurzen "Guten Abend" zuckten die ersten sägenden Gitarrenklänge der "Pornography" durch die ausverkaufte Arena. Und da war es dann: dieses Gefühl von "zu Hause", vom wärmenden Mantel der Melancholie, vom Hauch der Geschichte, meinetwegen - ein herrlich berauschendes Versinken im Weltuntergang. Die Bühnengestaltung war an Trostlosigkeit kaum zu überbieten: zerbombte Städte, Totenköpfe, Fragmente von Wäldern und Düsternis spulten sich hinter der Band ab, während Roberts erstaunlich kräftige Stimme (Rotwein?) das dunkelste Werk der Musikgeschichte zelebrierte. Soviel Hass, Zerstörung, Verzweiflung und Tod fanden sich wohl auf keiner anderen Scheibe von THE CURE. Es ist beinah liebevoll zu nennen, wie punktgenau die Töne erklangen, DAS Kunstwerk des musikalischen Schaffens in absoluter Werktreue - allein die fehlende Spontanität bremste die Herrlichkeit etwas aus. Zugegeben, bei "Siamese twins" und "Strange day" füllten sich die Augen mit Tränen und eine sakrale Festlichkeit legte sich über die andächtige Gemeinde. Bei "Cold" hatte man das Gefühl, die Saaltemperatur sinke beachtlich ab und als der verzerrt verwaschene Titelsong "Pornography" das Ende der ersten Runde einläutete, war man bereits satt vor Kummer und Schönheit.

Die jeweils 20 Minuten Pause zwischen den Alben boten die Gelegenheit unter Mithilfe alkoholischer Drogen den Lebensmut-Pegel wieder ansteigen zu lassen. Mit der "Disintegration" erwartete einen das deutlich schwächste Werk des Abends und das war wohl selbst der Band klar, denn eher lustlos intonierten sie die Tanzflächenfüller "Lullaby", "Lovesong" und "Pictures of you". Als hätten sie sich aus der ersten Runde aber noch etwas Schmerz bewahrt wuchsen sie bei "Prayers for rain" und "The same deep water as you" wieder deutlich über sich hinaus. Jede Bewegung des Meisters, sparsam wie immer gesetzt, ließen das Publikum wie im Sturm aufbrausen und um die richtigen Bilder für die Kameras zu bekommen, griff Robert deutlich häufiger zum Stilmittel "Gummibärchentanz". Das dieser Teil dann doch von einer unvergleichlichen Schönheit überlagert war, liegt wohl daran, dass ich jedem einzelnen Song der Platte das Ende oder den Beginn einer Liebe zuordnen kann und das Werk, unabhängig von Cure, zu einer sehr persönlichen Scheibe wird. Das Bühnenbild wurde unwichtig und etwas unwillig rutschte man in einen Wust oft unglücklicher Erinnerungen. Wie das Leben selbst zogen die Songs aber eher so vorbei.

Babylonisches Stimmengewirr auf der Toilette, ein weiteres Bier und musikalisch schwangen sich THE CURE erneut auf einen Gipfel ihres Schaffens: die "Bloodflowers" stand an. Deutlich rockiger, härter, auch böser und von der Wildheit und Rebellion gegen das Altern durchzogen - also beinah trotzig kraftvoll legte die Band einen Soundteppich über die Anwesenden, dass es nur so schepperte. In jedem gejammerten Ton spürte man die Erfahrung von über 40 Lebensjahren, die vielen Niederlagen und die wenigen Siege. "Watching me fall", "39" und natürlich "Bloodflowers" selbst, knüpfen für mich nahtlos an den Beginn der 80er Jahre an und sind würdevolle und traumhafte Fortsetzungen der "Pornography", auch wenn es jetzt viel persönlicher ist. Die Band erfüllte wohl die Erwartungen des Publikums und wurde gefeiert. Man hatte den Eindruck Robert ließ sich nun in diese Wogen aus Begeisterung fallen - er trieb sich und die Seinen an, steigerte sich kraftvoll von Titel zu Titel, wirkte wie in Trance und, erstaunlich, kein Stück müde. Tiefer, kräftiger, schmerzhafter, unversöhnlicher, kälter trieb er die Noten in die Hirne der Leute im Tempodrom. Seine letzte Zeile "…. flowers of blood" mischte sich mit Jubel und stehenden Ovationen für diese Quasi-Aufopferung. Da war er wieder: Robert Smith, der stellvertretend für uns gelitten hatte, der jedes Leid vor uns durchmachte und der allein das Recht hat uns in die Schlinge um den Hals zu treiben. Die Analogie zum "Erlöser" ist nicht zufällig. Matt - vorerst.

Das es Zugaben geben würde, hatte sich bereits herumgesprochen. Fünf Titel hatte er am Vorabend zum Besten gegeben und man war gespannt - schließlich bot sich hier die Gelegenheit das Korsett der Vorhersehbarkeit aufzubrechen. "M", "Play for today", "A forest" (wohl unvermeidlich), "If only tonight we could sleep" und "The kiss" gab es vorerst. Unglaublich und zweifellos einer der herausragenden Höhepunkte des Abends war die Darbietung von "The kiss". Das Korsett war gefallen, die Stimmung kochte und Robert spielte sich frei, überschlug sich, litt, schrie, verzweifelte, hing wie gepfählt über seiner Gitarre, gab das Letzte und sah glücklicher aus als je zuvor an diesem Abend. Soweit war die Playlist identisch mit den Zugaben vom Vortag. Wie aus heiterem Himmel trat Robert ans Mikro und sagte lachend: "Eins, zwei, drei, vier…." - - - und gab den Klassiker "Grinding halt" noch oben drauf. Mit einem Schlag, im Glückstaumel, wurde einem bewusst, dass sich hier der Kreis von 25 Jahren Musikgeschichte schloß - aber es war nicht umsonst gesungen: "Everything is coming to a grinding halt!"
Nüchtern betrachtet fehlte schlicht die Magie, der Zauber der Einmaligkeit - oder man ist wirklich nach 15 Jahren in der "Szene" einfach zu satt, zu übervoll - vielleicht zu verwöhnt oder schlicht nur alt. Diese Gedanken trieben einem dann schon wieder die Trauer ins Gesicht und im wirklich letzten Song erinnerte Robert mich dann doch daran: "Boys don´t cry!".

Und doch: Ich würde dafür sterben ihn noch und noch und noch einmal live zu sehen.
Nun ist es berechtigt doch eher eine Hymne geworden!


Daniel "Bela" Bartsch für GOTHICWORLD


Photos: dpa / www.uyea.de

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