interview:

LACRIMOSA
"Natürlich wusste ich das es einen Haufen Menschen gibt, die damit ein ernstes Problem haben werden! Aber ich bin ja keine Comicfigur die so aussehen muss wie es erwartet wird!"
Lacrimosa

Nachmittags in Hamburg: Tilo Wolff hatte in den Räumen von PUBLIC PROPAGANDA geladen um mit ihm über das neue LACRIMOSA Album "ECHOS" zu reden. Nach dem mich Eric und Florian von PROPAGANDA herzlichst mit Kaffee und Keksen versorgt hatten um mir die Wartezeit zu verkürzen, kam dann irgendwann Tilo in den "Konferenzraum". (Ich war wie immer ne halbe Stunde zu früh!)
Ich kannte das Programm.
Eine dreiviertel Stunde für jeden, ein Interview nach dem anderen, ich war wahrscheinlich der einzige Verrückte der dafür extra nach Hamburg gefahren ist und nicht nur telephonieren wollte... In der Hoffnung dann auch ein nicht ganz typisches Lacrimosa-Interview zu führen, gab es ein paar nette Konversationsübungen am Anfang, bevor ich das Aufnahmegerät einschaltete....



GW: Anfangen würde ich schon ganz gerne mit der neuen CD, obwohl ich ja so ein bisschen ein Problem damit habe, dass gerade bei LACRIMOSA alle Magazine immer gesteigerten Wert darauf legen, jede einzelne Textzeile und Note auseinander zu nehmen und zu interpretieren...
(An dieser Stelle verdreht Tilo die Augen!)
Doch ganz kurz zu "ECHOS".
Mein persönlicher Eindruck war bei "FASSADE" das es ein sehr schweres, sehr zerrissenes, zwiespältiges Album ist, so ein bisschen, als hättest du dich selbst unter Druck gesetzt. "ELODIA" war ein Meilenstein, so als hättest du selbst den Anspruch gehabt, das nächste Album müsse nun mindestens genauso anspruchsvoll sein, wenn nicht sogar die "ELODIA" toppen. Während ich beim Hören von "ECHOS" fast "Endlich!" ausrufen möchte! Da sind die Veränderungen die sich beim Japanimport von "ELODIA" durch "Und die fällst" schon ankündigten... damals das Experimentieren mit dem Drum-and-Bass-Rhythmus, jetzt sogar eine Dublinie... das sind die Veränderungen die ich mir damals schon gewünscht habe... "ECHOS" klingt insgesamt, für mich, leichter, verspielter, experimentierfreudiger...

Tilo: Ähm..... unter Druck?? .....
Mit "Echos" habe ich mich zunächst einmal, zum ersten Mal einer Herangehensweise zugewandt, die Lacrimosa untypisch ist. Das ich zum ersten Mal nicht in mich reingeguckt habe, über meinen Seelenzustand geschrieben habe, sondern das ich aus mir heraus, aus meiner Betrachtungsweise heraus die Gesellschaft angekuckt habe. Es ist also das erste gesellschaftskritische, oder sogar politische Album und das erste Mal das ich den Blick nicht nach innen sondern nach außen werfe. Oder zumindest so allumfassend. Das ist natürlich eine ganz andere Herangehensweise die sich dann auch in der Musik widerspiegelt, weil die Musik ja die Texte wiederspiegelt.

Zu "Fassade". Das Album könnte für den Einen oder Anderen, wie auch für dich, möglicherweise ein wenig "unfrei" klingen, möchte ich mal sagen... Ich habe immer von dieser perfekten Kombination zwischen... Rock.... oder wie man es nennen will... modernen Instrumenten und klassischen Instrumenten, Orchesterinstrumenten geträumt. Mich dem mehr und mehr angenähert...
Bei "Elodia" dachte ich: "Fast!". Also das Album für sich... ich liebe es total, aber was diesen einen kleinen Traum anbelangt... Knapp daneben! Und das konnte ich nicht mehr erwarten, das wollte ich mir endlich erfüllen! Das habe ich dann auf "Fassade" gemacht und jetzt wo es getan ist bin ich extrem befreit. Ich habe diesen Druck nicht mehr. Den ich all die Alben, eigentlich seit "Inferno" hatte, der immer stärker wurde, ist weg. Und das ist wahrscheinlich auch das was du meinst, was man "Echos" anhört, das es was diesen Punkt anbelangt, sehr entspannt.

LacrimosaGW: Ja! Für mich klingt "Echos" sehr leicht, sehr verspielt, mutig, ja auch befreit. "Fassade" kam mir ehrlich gesagt, so ein bisschen wie ein, vorsichtig ausgedrückt, wie ein Anbiedern vor. Speziell bei den Texten. Bei einigen Sachen dachte ich mir wirklich: "Mein Gott, so depressiv kann Tilo doch nach 10 Jahren nicht mehr sein!"
Tilo: Jaein!! Also es ist nicht so das ich depressiv bin. Ganz im Gegenteil! Wenn ich depressiv wäre, würde ich entweder irgendwo baumeln, oder ich hätte auf jeden Fall nie die Intension gehabt Musik zu machen. Die Musik ist zwar nicht gerade Glück oder lebensbejahend in letzter Konsequenz, aber sie entsteht aus einem sehr lebensbejahenden Antrieb heraus. Ich würde mal sagen, jede Art von Kunst ist ein Verarbeiten der eigenen Probleme, Sorgen... ich denke ob das nun ein Schriftsteller ist, du wirst mir da Recht geben...

GW: Immer ein Spiegelbild!
Tilo: Genau! Aber man macht das ja auch, weil man irgendwo das Licht sieht. Soviel kurz zum "depressiven". Ein Text wie "Warum so tief?", den du sicherlich meinst, ... ich muss ehrlich sagen, ich war auch überrascht. Also ich hätte es auch nicht gedacht, das ich So etwas noch mal schreibe. Aber ich möchte dann auch keine Selbstzensur machen und sagen: "Hey ich bin jetzt 30, oder damals 28/29 als ich den Song geschrieben habe, da schickt sich so etwas nicht mehr." Das ist passiert! Das ist so! Und... ich kann ja auch nicht sagen ich schneid' mir jetzt nen Ohr ab .... (fängt an zu lachen!) gut das ist jetzt ein blöder Vergleich!!!
(An der Stelle lachen wir erst mal beide ganz herrlich ab!!! Wer den Gag nicht versteht bitte schrftl. Anfragen an die Redaktion! *ggg*)
... Ich scheid' mir die Hand ab, weil sie mir nicht mehr gefällt. Die ist eben so wie sie ist und ich muss damit leben.

GW: Ich hatte halt ehrlich gesagt so ein wenig den Eindruck, das du all denen die seit "Inferno" bedauern das Tilo nicht mehr so schön weint, doch noch einen Gefallen tun wolltest. So nach dem Motto: "Gut hier habt ihr noch Einen!"
Tilo: Nein! Wenn ich das versucht hätte, dann hätte ich vermeiden sollen, da eine Trompete mit einzubauen. Weil Trompete ist nun nicht wirklich gerade das "Gothicinstrument Nr. 1" (lacht)

LacrimosaGW: Das sind genau die Experimente die ich an LACRIMOSA immer sehr mochte. Diese kleinen Veränderungen. Eine Trompete, oder die Swingversion von "Copycat". Bei den Konzerten konnte ich mich schon super über die verwirrten Reaktionen des Publikums amüsieren. (Tilo grinst an der Stelle selber.) Das bringt mich auch schon zum nächsten Punkt. Publikum und seine Reaktionen. In der "schwarzen Szene" bist du ja doch schon so eine Art "Popstar"...
Tilo: (Zögernd, leise) Wahrscheinlich!

GW: Mich würde einfach interessieren, wie gehst du damit um? Als ich es das erste Mal erlebt habe, wie dir Fans, außerhalb des Bühnenrahmens, einfach in einem Club, an der Bar begegnen... war ich echt schockiert. Es war ja echt genauso wie bei "Take That" oder so.
Tilo: Hmmm... Ja! Es ist schon so... Aber ich glaube das liegt auch in der Natur des Menschen, egal in welcher Szene, dass man den Menschen den man nur von der Platte, aus dem Fernsehen oder wo auch immer her kennt, mit einer gewissen Ehrfurcht begegnet, die dieser Person gar nicht zusteht. Das ist eben auch so bei Lacrimosa der Fall, das ist eigentlich bei allen Bands so. Es ist ein sehr ambivalentes Gefühl, wie man das selber betrachtet. Weil man sich selbst ja so nicht sieht. Steht dann manchmal noch mehr wie der Ochs' vorm Berg, als die Leute die einem entgegen kommen. Es gibt aber auch nichts was man da groß gegen tun kann, es ist ja auch nichts Schlimmes, oder Schlechtes... solange wie ich mich frei bewegen kann, und man mich weitestgehend auf der Straße in Ruhe lässt... Gott sei Dank können wir da in der Schweiz den Ball ein bisschen flach halten, weil ich da relativ anonym bin... von daher kann ich auch ganz gut damit umgehen. Wenn sich das jetzt auch auf mein privates Umfeld ausweiten würde, dann hätte ich ein Problem damit. Natürlich ist es schon so das ich nicht mehr einfach so in einen Club gehen kann...

GW: Das wäre meine nächste Frage gewesen.
Tilo: Genau! Und das fehlt mir auch! Einfach mal so loszuziehen. Das funktioniert hier in Hamburg, wenn ich aufnehme, ganz gut. Weil die Leute es inzwischen gewohnt sind das hier Rammstein, Pitchfork und wie sie alle heißen ständig unterwegs sind und weil die "Nordlichter" sowieso ein bisschen zurückhaltender sind. Aber je weiter man in den Süden kommt, desto schwieriger wird es... oder im Osten ist es eigentlich auch sehr schwierig, sich irgendwie privat aufzuhalten.

GW: Schade. Nimmst du eigentlich wenn du auf der Bühne stehst das Publikum war, oder blenden die Scheinwerfer so das du es eigentlich gar nicht war nimmst?
Tilo: Die Scheinwerfer blenden natürlich sehr. Oftmals kommt jemand zu mir: "Du hast mich angeguckt bei dem Song!!" und ich sage nur: "Tut mir leid aber ich sehe da Oben nichts!" (An der Stelle wird erst mal wieder laut gelacht!)
Meistens wenn die Songs vorbei sind, dann ist die Beleuchtung so das ich das Publikum sehe, aber oft habe ich auch die Augen offen und sehe trotzdem nichts, weil ich so in mir versunken bin.

GW: Ich frage deswegen, weil Marc Almond mal gesagt hat, das er am liebsten Wegrennen möchte, wenn er im Publikum Leute sieht, die so aussehen wie er, sich so bewegen... Ein Phänomen das man ja nun auch gerade bei Lacrimosa sehr stark beobachten kann. Leute die genau deine, wie ich auch mal gesagt habe, fast schon urheberrechtlich geschützte Frisur haben, (wieder mal lautes Lachen an dieser Stelle von Tilo!) deine Bewegungen imitieren, inwieweit nimmst du das wahr? Möchte man nicht manchmal die Leute wachrütteln: "Habt ihr keine eigene Identität?"
Tilo: Manchmal sehe ich das natürlich schon. Es gibt ja auch eine Menge Songs, wo ich mit dem Publikum interagiere, da fällt mir so was auch auf. (Zögernd) Am Anfang fand ich es spannend, ein bisschen wie ein Kompliment... aber dieser Gedanke, den du jetzt aufgebracht hast, der kam dann sehr schnell. Es ist wirklich gefährlich. Man darf einfach seine eigene Identität nicht vergessen!
Die Leute kennen von demjenigen, den sie da... ich möchte nicht sagen kopieren, von dem sie inspiriert sind, natürlich nur eine Seite. Es ist schon sehr gefährlich... Es kann aber auch sehr lustig sein. Einmal gab es eine Situation, wo derjenige der so aussah wie ich, von einer Riesen Menschentraube umringt, er hat mit aller Macht versucht zu beteuern das ER NICHT Tilo Wolff ist und die Leute haben ihm nicht geglaubt. Er musste wirklich Autogramme geben und wurde fotografiert... (Das an dieser Stelle wieder gelacht wurde, muss ich wohl nicht sagen?) Ich finde es aber auch nicht verwerflich, wenn sich jetzt jemand die einen oder anderen Sachen abguckt. Das tut ja jeder von uns. Niemand ist auf die Welt gekommen: "Ich ziehe mir jetzt schwarze Klamotten an, ich rasier mir die Haare ab, das ist meine Idee, das wollte ich schon im Mutterleib so!". Natürlich guckt man sich Dinge ab, das ist auch ganz legitim. Es darf eben nicht zu extrem werden.

LacrimosaGW: In der Form das sich auch schon wieder ein Haufen Leute in diversen Foren auf Fanseiten darüber aufregen das du dir die Haare nicht mehr rasierst.
Tilo: Was soll ich dazu sagen? Mir ist einfach aufgefallen, das ich mehr als die Hälfte meines Lebens mit rasierten Haaren rumgelaufen bin. Ich dachte einfach nur, dass ich auch gerne mal was anderes ausprobieren würde und bin ganz glücklich damit. Natürlich wusste ich das es einen Haufen Menschen gibt, die damit ein ernstes Problem haben werden! Aber ich bin ja keine Comicfigur die so aussehen muss wie es erwartet wird! Im Moment habe ich jedenfalls kein Interesse mehr, mir die Haare zu rasieren. Vielleicht wenn ich irgendwann mal wieder Lust habe...

GW: Ich denke auch dass das Eine das Andere ergibt oder bedingt. Die Änderungen, die man auf der CD hört, die musikalischen Entwicklungen, die Frisur, auf einigen Fotos mit Anzug und Krawatte, ich denke alles andere wäre wahrscheinlich auch irgendwann unglaubwürdig. Immer noch mit schwarzen Lippen...
Tilo: Ja absolut! Ich möchte mich ja auch so dem Publikum stellen wie ich mich fühle. Und ich ziehe gerne mal Anzug und Krawatte an, wenn ich z.B. nett Essen gehe, finde es sehr schön und es gibt ja auch "Anzug und Krawatte" und "Anzug und Krawatte". Man muss ja nicht unbedingt gleich rumrennen wie ein Vertreter!

GW: Nein! Dann hättest du einen fliederfarbenen Anzug an!
Tilo: (Lachen!) Darum dachte ich auch, warum das nicht auch mal auf Fotos so zeigen? Ich könnte nicht dahinter stehen, wenn ich einerseits in der Musik mein Herz öffne und auf der anderen Seite auf Fotos einfach nur posieren würde, die mich nicht wieder geben. Ich fühle mich zur Zeit einfach so!

GW: Außerdem steht es dir sehr gut!
Tilo: Mille Grazie!! (übrigens sehr, sehr leise und lächelnd!)

GW: Ich finde es auch sehr schön, wenn sich die Leute weiterentwickeln, verändern. Gerade in der "Gothicszene" hat man ja leider immer wieder das Problem das die Leute immer ganz strikten Regeln folgen müssen. So nach dem Motto: "Du hast keine schwarzen Lippen, also bist du kein Goth!" Darum finde ich es auch so gut, das gerade du, mit dem doch "Popstar" Status in der Szene zeigst, das es auch anders geht. Du hast dich deshalb ja nicht im Innern verändert!
Tilo: Ja, es ist ja auch immer eine Frage, inwieweit die Oberfläche, was die Kleidung als solches ja ist... ich habe mich eigentlich immer so gesehen, das so wie ich mich kleide, das ist ein Nachaußenkehren des Inneren. Bevor ich zum Beispiel angefangen habe Musik zu machen, sah ich noch viel extremer aus. Als ich dann mit der Musik anfing, hat das Styling mehr und mehr nachgelassen, weil ich ja eine andere Möglichkeit hatte mich auszudrücken. Wenn ich nicht Musik machen würde... keine Ahnung wie ich dann aussehen würde! Könnte gut sein, dass ich viel extremer aussehen würde. Noch heute. Es ist bedauerlich wenn in dieser Szene, die ja eigentlich eine tiefgründige Szene sein möchte und es früher auch mal war, wenn da das Äußere so einen Stellenwert einnimmt. Ich habe Menschen kennen gelernt, die wussten gar nichts von der Gothicszene, tragen aber viel mehr von den eigentlichen Gefühlen, oder dieser Weltanschauung in sich, als manche super gestylten Gothics.

GW: Das ist vielleicht auch genau der Punkt, dass viele gar keine andere Form der Ausdrucksmöglichkeit haben und sich gar nicht anders als nur über ihr Outfit definieren können. Schade gerade in einer Szene, die ja mal mit anderen Werten angetreten ist. Dann kritisieren sie aber auf der anderen Seite auch wieder die Komerzialisierung der Szene. Ich finde es z.B. nicht so dramatisch das auf dem WGT viele Kids rumrennen die "nur ne Fashionshow" machen. Immerhin bilden diese konsumwütigen Kids ja auch eine Kaufkraft die so ein Unternehmen, wie gerade das WGT auch braucht um zu existieren. Das sehen sie dann nicht. Das es mit den 300 alten Hanseln nicht mehr funktionieren würde.
Tilo: Ja. Ich finde es auch schade wenn eine Band, so wie jetzt hinter dir Deine Lakaien Award (hängt eine goldene Schallplatte an der Wand!), wenn so eine Band kommerziell Erfolg hat...

GW: Dann wird immer gleich Verrat geschrieen! Nur weil diese Band jetzt nicht mehr nur 20 Leuten gehört und plötzlich Erfolg hat.
Tilo: Ja! Und dabei muss man ja auch immer sehen, der Musiker macht etwas und gibt es ab. Und dann reagiert das Publikum drauf. Wenn jetzt aus so einer Platte ein Hit wird, dann hat das ja überhaupt nichts mit dem zu tun was der Musiker vorher gemacht hat. Wenn es kein Hit geworden wäre, dann hätte er die Szene nicht verraten. Jetzt ist es ein Hit geworden, dann hat er die Szene verraten. Dabei war die Intension es zu machen die Gleiche. Was auch immer für eine Intension dahinter gestanden hat. Ich sehe es auch so: Es ist doch auch schön, wenn eine Band aus dem Indiebereich plötzlich kommerziell erfolgreich ist. Weil das zeigt doch das dieser Mainstream, sozusagen nicht den Endsieg erreicht hat. Das es immer noch Bands gibt die...

GW: ... anders sind!
Tilo: Die anders sind und die einen ganz bedeutenden Platz in der Musikbranche haben. Ich freue mich über jede Indieband die plötzlich in die Charts einsteigt. Es gibt so viele Bands die nur gemacht werden um halt wirklich nur ein wirtschaftlicher Faktor zu sein, wo der Inhalt komplett egal ist. Und wenn dann eine andere Band kommt, die Inhalte hat und an denen vorbei zieht, dann ist doch genial. Da verstehe ich dann nicht warum sich dann viele aus der Szene darüber aufregen. Im Gegenteil, die müssten eigentlich alle Luftsprünge machen und sagen: Genial diese Szene die hat Bedeutung!

GW: Tja und so extrem idealistisch wie du, der sich mit der "Elodia" und dem London Symphonie Orchester finanziell in den Ruin hätte treiben können und es doch getan hat, gibt's ja auch nicht. Du hast ja nun schon den Luxus das du davon leben kannst. Wieviele gute Bands gibt es, die gerade mal 150 CDs verkaufen. Du kennst das ja selbst. Hast mit einer Kassette angefangen, die keiner haben wollte, dann ein eigenes Label gegründet. Da ist ja auch ein Zweispalt zwischen dem was man machen will und das man ja dann doch auf die Zahlen achten muss. Das sieht ja irgendwie immer keiner.
Tilo: : Auf jeden Fall. Der Plattenboss Tilo Wolff findet den Musiker Tilo Wolff auch nicht immer so toll, wenn der dann wieder ankommt und sagt ich will das und das Orchester haben. Es ist schon so, dass eine Band wie Lacrimosa nicht möglich wäre, wenn ich nicht eine entsprechende Anzahl von Tonträgern verkaufen würde. Weil es ist ja so, wie du schon angedeutet hast, so wahnsinnig teuer ein Album auf dem Standard aufzunehmen. Darum finde ich auch nichts verwerfliches dran... Viele sagen ja auch: Oh Gott der lebt davon, dann macht er das ja nur aus Kommerzgründen. Aber was gibt es Schöneres als von seinem Hobby leben zu können. Z.B. jetzt bei "Echos" ein Album mit einem fast 13min Stück Klassik anzufangen wo eigentlich so gut wie kein Text gesungen wird, alles nur Orchester ist... unkommerzieller geht es eigentlich nicht. Also die Freiheit zu haben, einerseits davon leben zu können, andererseits machen zu können was man will ohne eben auf irgendwelche kommerziellen Maschinerien Rücksicht zu nehmen, finde ich eine total schöne Sache. Es ist ja auch jedes Mal bevor wir ein Album veröffentlichen ein emotionales Zittern... ob die Menschen was damit anfangen können, denn wir machen ja nicht dasselbe Album immer wieder, es entwickelt sich ja immer sehr extrem weiter, folgt das Publikum also dieser Entwicklung. Es ist aber auch immer ein kommerzielles Zittern. Ganz klar!

GW: Dann kommen wir an der Stelle doch noch einmal auf "Echos" zurück. Wo hast du eigentlich diese Gambe aufgetrieben. Ich kenne das Instrument eigentlich nur aus einem französischen, historischen Film wo Gerard Depardieu einen Gambenspieler darstellte...
vInteressant. Das wusste ich nicht. Wo habe ich dieses Instrument her? Hmmm? (lange Pause) Weiß ich gar nicht. (noch längere Pause) Ja durch Stöbern wahrscheinlich. Im Plattenladen.

GW: Also schon gehört und nicht irgendwie im Museum entdeckt?
Tilo: Nee schon gehört! Ich finde diesen Klang so wahnsinnig schön. Das ist auch das erste Mal das mich ein Instrument zu etwas inspiriert hat. Normalerweise schreibe ich Melodien die nach einem bestimmten Instrument geradezu schreien. Es gibt Melodien die schreien nach einer Oboe, die wollen auf der Oboe gespielt werden. Wenn du die dann aufs Klavier legst, oder auf von der Gitarre spielen lässt, dann funktionieren sie nicht mehr. Und das war zum Ersten Mal anders herum. Das ich diesen Klang hörte, dieses Instrument so faszinierend finde, das ich die Platten die ich habe, wo dieses Instrument drauf ist sehr liebe... und ich hatte schon lange den Wunsch für dieses Instrument was zu schreiben. Am Ende war "Die Schreie sind verstummt" auch gar nicht so konzipiert wie der Song dann geworden ist. Ich dachte erst es wäre so ein kleines Interlude das ich schreiben würde, einfach um diese Gambe mal benutzt zu haben. Das hat sich dann irgendwie verselbstständigt und so ist dieser Song entstanden. Also zum Ersten Mal das ein Instrument Schuld war, das ich mich hingesetzt habe und was gemacht habe. Das war für mich auch sehr faszinierend.

GW: Ok. Im Januar erscheint "Echos". Dann folgt die Tournee...
sieht man euch im nächsten Jahr auch auf den einschlägigen Festivals?

Tilo: (ganz leise) Neee! Keine Tournee, keine Festivals, gar keine Liveauftritte!

GW: Überhaupt nicht?
Tilo: Nein! Aus dem ganz einfachen Grund, ich habe Mitte 2000 habe ich angefangen an "Fassade" zu schreiben, dann erste halbe Jahr 2001 im Studio gewesen, danach direkt die Tour, dann kam ich zurück und habe sofort mit "Echos" angefangen. Wenn auch ungeplant... hat mich die Musik wieder überfallen, dann wieder vier Monate im Studio gewesen... mit anderen Worten ich bin.... durch....

GW: Ausgepowert!
Tilo: Ja, ich brauche dringend Ruhe. Und ich möchte nicht auf der Bühne stehen und nur 70 Prozent geben können. Darum lieber gar nicht als halb. Bis ich wieder 100 Prozent geben kann.

GW: Wie holst du dir die Ruhe? Fährst du in Urlaub, oder einfach "nur" in der Schweiz ausspannen, zurückziehen?
Tilo: Weiß ich noch gar nicht! Ich muss ganz ehrlich gestehen, ich hatte noch nicht mal Zeit darüber nachzudenken.

GW: Aber auch wieder ein schönes Argument gegen den Kommerzvorwurf. Was kann man noch unkommerzieller machen als nicht auf dem WGT spielen?
Tilo: Das stimmt.

GW: Es wird aber nicht zum Konzept um sich rar zu machen?
Tilo: Nein es gibt natürlich Anfragen vom WGT, vom Publikum, von den Veranstaltern... das ist ja das Traurige, alle fragen und ich muss sagen: Sorry ich würd' gerne aber ich sehe es im Moment nicht". Ich würde wahnsinnig auf die Bühne gehen, ich würde wahnsinnig gerne "Echos"... ähm... sozusagen mit dem Publikum teilen...

GW: Einen direkteren Feedback bekommen als nur durch reine Verkaufszahlen?
Tilo: Ja!

GW: Dann sollte man das auch akzeptieren. Aber nicht so wie Andere die es zum Konzept machen sich rar zu machen! Das große Geheimnis das oft in der Gothicszene ja auch um die Leute gemacht wird. Hörst du eigentlich so andere Sachen aus der "Szene"?
Tilo: Nicht Sachen von Heute. Ich hör sehr gerne die alten Sachen. Wie BAUHAUS, die alten FIELDS und so... mit der jüngeren Gothicmusik, die ich auch gar nicht als Gothicmusik bezeichnen würde... ich würde allerdings auch LACRIMOSA nicht unbedingt als Gothic bezeichnen... vom Aussehen und vom Gedankengut bin ich wohl immer mehr Gothic gewesen als meine Musik es war. Aber die neueren Sachen höre ich relativ wenig. Hin und wieder spielen mir Freunde etwas vor, kann ich aber nur bedingt etwas mit anfangen. Es ist mir oft zu kalt, zu oberflächlich... oder einfach zu Nichtssagend. Ich muss was empfinden wenn ich Musik höre, wenn ich nichts empfinde... Tja.... und das geht mir leider bei vielen heutigen Bands so.

GW: Dies ist ja eigentlich auch ein schönes Schlusswort, weil genau dieser Gedanke mich damals vor bald 15 Jahren zu dieser Musik gebracht hat... Dann bleibt mir nur dir/euch viel Erfolg für das Album zu wünschen und das du die Ruhe findest die du brauchst.
An dieser Stelle habe ich das Aufnahmegerät abgeschaltet, da uns die Zeit eh im Nacken saß. Natürlich hat sich auch Tilo für das Interview bedankt, ich auch usw.... man kennt das ja. Aber Tilo hatte schon die nächsten Termine und das sollte ganze drei Tage so gehen. In diesem Sinne schon verständlich das er Urlaub braucht. Wir haben danach noch ein paar Minuten über "Gott und die Welt" geschwatzt, und am End bleibt mir nur zu sagen: Das mir ein gutgelaunter, humorvoller, intelligenter, unterhaltsamer, selbstironischer und selbstkritischer Mensch begegnet ist, mit dem ich gut und gerne noch die nächsten Stunden schwatzen hätte können...
Vielleicht ein anderes Mal!



Thomas Sabottka für GOTHICWORLD



Review zu "Durch Nacht und Flut" und die "Special Edition"
Homepage: www.lacrimosa.de