exclusive interview:
Bruno Kramm, ein Soloalbum als Selbsttherapie.
Telefoninterviews,
sind immer so eine Sache. Zwar persönlicher als die E-Mail-
Hinundherschreiberei, aber wenn das Aufnahmegerät streikt, schreibst du
dir die Finger wund! Besonders wenn an der anderen Leitung, so einen regen
Gesprächspartner wie Bruno Kramm sitzt. Aber lest
selbst:
GW:
Nachdem wir dich von deiner Band DAS ICH und als erfolgreichen Produzenten von
Bands wie ATROCITY, ILLUMINATE, SANGUIS ET CINIS kennen, hatten die DAS
ICH-Fans eigentlich neues DAS ICH erwartet. Stattdessen überraschst du uns
mit einem Soloalbum? Bruno: Ja,
unverhofft kommt oft, oder? Nein, es war einfach an der Zeit und ich sagte mir
jetzt oder nie, sonst wir das nie was. Außerdem war es für mich und
mein Selbstbefinden wichtig, nach mehrenen Anläufen das Ding endlich zu
machen. Aber Neues von DAS ICH ist auch schon in Arbeit, keine Angst.
GW: Es gab ja Ende der Achtziger,
noch vor DAS ICH schon mal ein Release von dir, stimmts? Bruno: Ja, das war die "Fahrenheit
451"-Geschichte, aber das ist ja schon bald nicht mehr war. 1994 hatte ich dann
die Geschichte mit "Alva Novalis", aber da damals die
Hardiskrecording-Techniken noch nicht so ausgereift war, gingen
unglücklicherweise die gesamten Master mit einem Festplattencrash ins
Nirvana und das wars dann. Anschließend hatte ich vor lauter Frust
einfach keinen Bock mehr und später dann einfach keine Zeit mehr für
Soloambitionen.
GW: "Coeur" klingt
wesentlich ruhiger und hat einen eher positiven Charakter, wirkt weniger
exzentrisch als die Musik von DAS ICH. Worin liegt für dich der
Unterschied bei der Arbeit für dieses Album und der Arbeit mit DAS ICH
oder für andere Musiker? Bruno:
Die Arbeit mit DAS ICH ist eine absolut andere Arbeitsweise. DAS ICH verfolgt
ein sehr enges kopflastiges Konzept. Hier wird nicht mehr großartig
drauflos gejammt, sondern eigentlich nur das Konzept musikalisch umgesetzt. Bei
"Coeur" wollt ich das komplett anders machen, zwangloser, es einfach laufen
lassen. Sehen was passiert, wie sich alles entwickelt. Im Nachhinein ist der
deutsche Gesang die einzige Gemeinsamkeit zu DAS ICH. Mit meiner
Produzententätigkeit kann man KRAMM schon gar nicht vergleichen. Aber du
muß dir das wirklich so vorstellen: Ich hab mir meinen Terminkalender
für zwei Monate freigehalten und bin meist völlig alleine im Studio
gewesen. Es war so etwas wie eine Therapie für mich, denn ich hab gemerk,
wie erschreckend "erwachsen" und berechnend ich in meinem Alltag geworden bin.
Es läuft ja eigentlich alles gut, meine Arbeit ist gefragt und angesehen.
Aber ich brauchte einfach etwas um wieder an meinen Ursprung
zurückzukommen um nicht völlig abzustumpfen. Ich wollte einfach einen
musikalischen Neubeginn aus dem Bauch heraus und es hat mir gut getan und wird
mir viel bei meiner zukünfigen Tätigkeit für DAS ICH oder andere
Künstler helfen.
GW: Oft kommt
es ja vor, wenn ein Produzent ein Soloprojekt macht, daß er meint, von
allen Produktionen, die er je gemacht hat meint, was reinstecken zu
müssen. "Coeur" wirkt aber keineswegs überladen, eher gradlinig und
eingängig. Trotzdem aber keinesfalls oberflächlich. Ist das dein
Grundkonzenz für "Coeur"? Bruno:
Aber absolut! Ich bin in der letzten Zeit nicht mehr allzuviel aus mir
herausgegangen, aber in den Nächten im Studio hab ich alles herausgeholt,
für mich allein. Bin sozusagen meinem Bewegungsdrang gefolgt und hab
getanzt wie ein Weltmeister und ich hoffe, das spiegeln die Songs wieder. Ich
hab versuch die Stimmung nicht durch zuviele überflüssigen Breaks und
Effekthascherei zu zerstören, somit sind konsequent gradlinige Songs
herausgekommen, mit denen auch nicht nur die Soundfreaks klarkommen sollen.
"Coeur" ist das Herz, und das soll sprechen.
GW: Du singst ausschließlich deutsch und
viele tun deutschgesungenen Dark Wave schnell als Kitsch und Schlager ab, der
Meinung bist du augenscheinenlich ganz und gar nicht. Bruno: Ja, damit haben bekanntlich viele
Künstler, wie Kosumenten zu kämpfen. Aber ich denke es ist schon eher
traurig, wie mit der Sprache umgegangen wird. Zapp doch mal durch die
Fernsehkanäle oder hör dir die Schulhofgespräche an. Da werden
unverblümt verbale Perversionen verbraten, Dildos in Fotzen geschoben und
alles ist normal. Aber wenn jemand einem anderen ein herzliches Kompliment
macht, muß er sich ja schon dafür schämen, wenn etwa jemand
drittes mithört! Ist doch traurig, oder? Aber gegenüber der
englischsprachigen Übermacht ist es naturlich nicht leicht, ein
Gefühl für deutschgesprochene Gefühle zu kriegen. Übersetz
doch mal den englischen Kram, da ist mindestens genau der selbe Kitschanteil
dabei.
GW: Sind die Songs auf
"Coeur" alle neu, oder hast du auch ältere Ideen aufgegriffen, zu deren
Umsetztung bisher nicht gekommen bist? Bist ja ein vielbeschäftigter
Mensch. Bruno: Die alten Ideen, ab ich
eigenlich längst abgehakt. Somit ist es eigenlich alles neu, obwohl du
deine Handschrift ja immer behalten wirst. Manchmal kommen alte Gefühle
wieder hoch, die noch unverarbeitet sind, aber letzendlich agierst du jetzt.
GW: Du hattest auch Gastmusiker
für dein Projekt, aber nur bei dem Stück "Ich Ahne Dich"?
Bruno: Eigentlich wollte ich alles alleine
machen, aber der Song rief nach einer weiblichen Stimme. Irgend jemand hatte
mir mal eine Obsc(y)re-CD zugesteckt, und obwohl ich das Album nicht so mein
Fall war, blieb mir Anna Wagners Stimme in Erinnerung. Der Kontakt war schnell
hergestellt und die Zusammenarbeit was sehr herzlich.
GW: Planst du auch eine Liveumsetzung dieses
Werks? Bruno: Ja, KRAMM bin ja nicht nur ich, sondern wir sind eine
richtige Band mit 3 Keyboarderinnen und Backgroundgesang. Wir spielen auf dem
WGT und dem Extractor-Festival und im Oktober wird es eine kleine Tour durch
die Lande geben. Hierfür sind ähnliche Bühnenbauten vie für
DAS ICH zu erwarten und überhaupt haben wir da noch hier und einige
Überraschungen parat.
GW: Was
kommt nach "Coeur"? Bruno: Erst mal
sehen, wies ankommt, aber ich hab das schon weitergesponnen. Auf das Herz folgt
der Körper und dann der Geist, also Ideenstoff für mindestens zwei
Nachfolger. Das alles deckt sich mit meinen persönlichen Interessen,
meiner dreigeteilten Persönlichkeit und wird sich ensprechend in meiner
Musik wiederspiegeln.
GW: Dein
Soloprojekt wird ich aber hoffentlich nicht von deiner
Produzententätigkeit abhalten. Welche Projekte stehen denn an zur Zeit?
Bruno: Na da waren jetzt Distorted Realities aus Miami, Garden of
Gehenna, mal wieder ein richtig derbes Metal-Ding, Woodlawn, ... ja mal sehen,
noch einige ungelegte, aber vielversprechende Eier. Aber noch vieles nicht
spruchreif. Oft darf ichs auch noch nicht sagen. Überraschungen sind doch
auch was schönes, oder?
GW: Gibt es einen Künstler mit dem du
unbedingt mal gerne zusammenarbeiten würdest? Bruno: Sicher hab ich da meine eigene
Wunschliste, aber ob sich das je realisieren läßt? NINE INCH NAILS
nur um eine meiner Favourites mal zu nennen. Ansonsten arbeite ich sehr gerne
mit jungen, frischen Bands zusammen, denn die Offenheit für neue Ideen
ergibt hier meist mehr Innovatives als bei althergesessenen
Szenegrößen.
GW: Nun die
abschließende "Einsame Insel-Frage", welche drei Dinge würdest du
mitnehmen? Bruno: Na welche Frage!
Anna, Britta und Felizitas, die drei Mädels aus meiner Band, die hier
sitzen!
GW: Bruno, vielen Dank
für dieses Interview. Viel Erfolg mit deinem Album, und auf daß dir
nie langweilig werden wird! Aber da brauch ich wohl keine Angst zu haben?
Bruno: Wenn mir langweilig werden
sollte, ruf ich dich an und nerve dich ein wenig, okay? Ansonsten sehen wir
uns auf dem WGT oder sonstwo! Ritchie für
GOTHICWORLD
KRAMM im Internet: kramm@dansemacabre.de
Das
CD-Review zu "Coeur" gibts hier !
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