LacrimosaExkusiv-Interview
für GOTHICWORLD
mit Tilo Wolff und Anne Nurmi
von LACRIMOSA



Am 20.Mai traf sich Ritchie, seines Zeichen Mitbegründer und Gestalter der GOTHICWORLD mit Tilo Wolff und Anne Nurmi und den Mitarbeitern von HALL OF SERMON in Rheinfelden, um in seiner Eigenschaft als Netzmeister der HALL OF SERMON-Labelsite die Webpräsentation des neuen LACRIMOSA-Albums „Elodia“ zu besprechen.
Im Anschluß daran trug Ritchie den beiden LACRIMOSAS einen Fragenkatalog vor, der ihm von Freunden aus der GOTHICWORLD und anderen LACRIMOSA-Fanpages mit auf seinen Weg gegeben wurde. Sehr ausführlich beantwortete Tilo die Fragen, die den LACRIMOSA-Fans unter den Nägeln brennen und willigte ein, daß wir dieses Interview auf GOTHICWORLD veröffentlichen dürfen.



GW: „Elodia“ kommt bald. Zufrieden mit dem Erreichten?

Tilo: Ja! Sehr zufrieden sogar. Während der Aufnahmen, die sich ja doch über einige Monate hingezogen haben, sah es oftmals recht düster aus. Manches Mal dachten ich, wir könnten das angestrebte Ziel nicht erreichen, was oftmals technische Hintergründe hatte. Ich kann es teilweise immer noch nicht ganz fassen, daß „Elodia“ endlich fertig ist und meinen Erwartungen und dem, was ich damit ausdrücken wollte, in Nichts nachsteht.


GW: Wie ist es gelaufen, Songwriting, Recordings, Symphonie Orchester?

Tilo: Zunächst steht immer zuerst das Wort - der Text als Grundlage. Dann folgt die Musik und die Arrangements, wobei wir hier ganz klare Vorstellungen hatten, was bei einem Album, auf dem so viele verschiedene Orchester, Chöre u.s.w. spielen sollen, anders auch nicht möglich ist. Schließlich war also da: die Texte, Gedanken, Gefühle und die sich abzeichnenden Bilder, die sich durch die Musik wie zu einem Film, zu einem Ganzen zusammengefügt haben. Produktionstechnisch war es nicht ganz so einfach. Verschiedene Studios, verschiedene Musiker mit verschiedenen Mentalitäten… In einem Studio mußten die Pilottracks aufgenommen werden, die für ein Orchester in einem anderen Studio als Grundlage dienten, das wiederum die Grundlage für den nächsten Produktionsschritt legen sollte... Es war ein wenig wie z.B. Filmszenen in einer Bluebox zu drehen und niemals genau zu wissen, wie es nachher auf der Leinwand wirklich mit den Bildern zusammen paßt, die im Hintergrund bereits gedreht wurden. Musikalisch war zwar alles niedergeschrieben, trotzdem ist Musik keine Mathematik. Dem allen ging ein ungeheurer Planungsaufwand voraus, den die besten Aufnahmen zum falschen Zeitpunkt hätten uns keinen Schritt weitergeholfen, das Ergebnisses läßt uns letztendlich all die Mühen vergessen.


GW: Wie fühlt man sich als Dirigent vor so einem weltberühmten Orchester?

Tilo: Ich habe ja nicht selbst dirigiert, da das London Symphony Orchester entsprechend fähigere Leute am Start hat, die dann auch gegenseitig aufeinander eingespielt sind. Aber trotzdem war es natürlich ein schönes Gefühl, mit derartigen Musikern zu arbeiten. Alle Beteiligten haben wirklich ihr Bestes gegeben. „Elodia“ ist wohl die größte musikalische Erfahrung unseres bisherigen Schaffens.


GW: „Elodia“, eine Göttin, deren Symbolik auf Liebe, deren Schicksal durch das Scheitern besiegelt ist. Wie kams zu der Thematik und wird es zukünftig nur noch Konzeptalben geben?

Tilo: Diese Thematik um eine tragische Liebe und verletzte Gefühle ergab sich aus persönliche Erfahrungen, die durch ein Erlebnis im nächsten Umfeld wieder hervorgerufen und sehr präsent wurden. Ich schreibe ja immer - unabhängig von LACRIMOSA - meine Gedanken in Textform auf. Manche vertone ich dann, und im Fall von „Elodia“ hat es sich wohl aus dem Unterbewußtsein heraus ergeben, daß alle Texte zusammengefaßt eine Geschichte ergeben. Etwas unheimlich war mir das schon. Aber auch unglaublich spannend und sehr bezeichnend!
Was wir allerdings in Zukunft machen werden, können wir heute noch nicht sagen, da wir unsere Musik nicht planen. Musik muß aus den Tiefen der Seele entstehen - und in Diesen liegen oftmals Dinge verborgen, über die unser Geist und unser Verstand sich kein Bild machen kann und von denen er oftmals nichts weiß.


GW: Wie wird’s das Publikum aufnehmen? Neben sehr sehr vielen positiven Kommentaren zu der neuen Single „Alleine zu zweit“ sind auch einige negative Äußerungen aufgekommen, die besagen daß LACRIMOSA zu weit von ihren Wurzeln abgewichen sei. Wird es in deiner Welt auch wieder Stücke wie auf „Angst“ oder „Einsamkeit“ geben?

Tilo: Da ich so gut wie nichts von all dem Feedback auf LACRIMOSA mitbekomme, weiß ich auch nie genau, was wer nun wie zu sagen hat, was aber im Grunde auch gut so ist, weil es mich auf diese Art in dem was ich tue nicht beeinflussen kann. So bleibt meine Musik frei von irgendwelchen äußeren Meinungen, Ansichten oder Denkweisen. Ich als Mensch habe meine Gefühle, meine persönlichen Wurzeln, die ich versuche in Wort und Ton auszudrücken. Von Anfang an war und ist LACRIMOSA ein Teil von mir. Wenn nun jemand meint, meine Wurzeln besser zu kennen als ich selbst, dann ist das zwar schön für den Betreffenden, führt aber auf den Holzweg, da diese Ansichten mehr von dem beeinflußt sind, was man in LACRIMOSA hinein interpretieren möchte, als von dem, was LACRIMOSA tatsächlich ist.
In welche Richtung ein Baum wächst, wird durch den Standpunkt seiner Wurzeln und deren Natur gegebenen Informationen gesteuert, wie auch von seinen Umwelteinflüssen und der Art und Weise, wie diese Einflüsse und Informationen verarbeitet werden. Wichtig ist dabei hauptsächlich, daß er wächst und nicht abstirbt, wobei Stillstand gleichbedeutend mit dem Tod ist, und ein Künstler, der sich ständig wiederholt, ist meiner Meinung nach tot und reproduziert eine Schema, von dem er weiß, das es erfolgreich ist. Dort endet für mich der Begriff 'Kunst'.


GW: In diesem Zusammenhang grübeln viele darüber nach, wen du wohl in „Meine Welt“ ansprechen willst – könnest du ein wenig über den Song und seine Entstehung sagen?

Tilo: Ich hoffe, da fühlt sich jetzt niemand persönlich angesprochen! Das war auf keinen Fall meine Absicht mit dem Song! Der Text zielt auf eine menschliche Gesinnung ab, bei der sich Menschen wie Parasiten verhalten, dich benutzen, dein Vertrauen gewinnen und dich dann ausquetschen und mißbrauchen. Menschen, die von dir und deinem Vertrauen lediglich profitieren wollen, und das, was du ihnen in liebevoller Absicht gegeben hast in eine Richtung drehen, die nichts mehr mit dir und deiner Absicht zu tun hat. Kurz gesagt, Menschen, die dir alles nehmen, um dir am Ende noch einen Strick daraus zu drehen.


GW: Wie kam es zu dem SAMAEL-Remix von „Copycat“?

Tilo: Nachdem bereits Gruppen wie SECRET DISCOVERY, ATROCITY & TIAMAT verschiedene Songs von uns remixed hatten, hat das Management von SAMAEL angefragt, ob wir Interesse an einem Remix von ihnen hätten. Nachdem sie sich dann für „Copycat“ entschieden hatten, war ich zunächst etwas skeptisch, weil ich befürchtet habe, daß eine harte Band aus einem harten Song einen ultra harten Remix macht - was nicht besonders spannend ist in meinen Augen. Als ich den Mix allerdings dann gehört habe, war ich dermaßen begeistert, daß ich mich kurzerhand entschlossen habe, ihn mit auf die Single zu packen, da er wirklich ganz neue Seiten des Songs aufzeigt und eine erfrischende Abwechslung zum Original herstellt.


GW: Wie wird die musikalische Weiterentwicklung aussehen? Angesichts des hohen Grades an Perfektion und Aufwand fragt man sich, ob das überhaupt noch steigerungsfähig ist?

Tilo: Steigerungen von LACRIMOSA können nur auf einer gefühlsmäßigen Ebene aber niemals aus produktionstechnischer Sicht erfolgen. Wenn man die Steigerung darin sieht, beim nächsten Mal statt mit 187 Musikern mit sagen wir 250 Musikern zu arbeiten, dann geht es einem offensichtlich nicht um die Inhalte. Daher kann eine Steigerung nur musikalisch und emotional vollzogen werden, nicht aber im Ausmaß der Produktion - sonst wären ja Platten, die mit nur einem Keyboard aufgenommen sind, keiner Erwähnung wert. Was nach „Elodia“ kommt, wissen wir nicht, aber das hat ja auch noch Zeit. Also, lassen wir den Baum weiter wachsen und sehen, was er für Früchte tragen wird.


GW: Zu welchen Gelegenheiten, Orten und durch welche Einflüsse schreibst du deine Texte und die Musik?

Tilo: Das ist sehr unterschiedlich. Ich habe immer etwas zu Schreiben bei mir und versuche mich so von der Routine des Alltags zurückziehen zu können. Sozusagen eine ganz persönliche Konversation und Auseinandersetzung mit dem, was mich in einem solchen Moment bewegt.
Manche von diesen Schriften bringen dann sofort eine Melodie in mir zu klingen oder wecken das Interesse, in der Musik noch einen Schritt weiter zu gehen. Diese finden sich dann auf einer Platte wieder. Andere landen in einer Schublade oder ähnlichem und, naja, bleiben auch dort...


GW: Tilos und Annes Songs scheinen bisher immer unabhängig voneinander entstanden zu sein, bei „Elodia“ hab ich den Eindruck, es sei alles mehr aus einem Guß, wie tauscht ihr Eure Ideen aus?

Tilo: Es stimmt, wir schreiben zunächst erst einmal unabhängig voneinander unsere Texte und Musik. Aber da wir im ständigen Austausch miteinander sind, bewegen wir uns gefühlsmäßig in die gleiche Richtung. Daher landen wir, trotz verschiedener Ausgangspunkte, meist am selben Ziel. Musikalisch ist das dann noch etwas einfacher, da wir die gleichen Wurzeln und die gleichen Vorlieben haben. Schließlich - ohne große Worte verlieren zu müssen - nähert man sich mehr und mehr an und lernt auch, wenn man das Geschaffene zusammen betrachten, entsprechend auf den Anderen eingehen zu können, resp. man weiß, was der Andere mit welchen Mitteln auszudrücken versucht. Und das betrifft nicht nur LACRIMOSA, sondern auch die Arbeit bei HALL OF SERMON und den ganzen angeschlossenen Bands.


GW: Gibt es vielleicht Schriftsteller oder Künstler die dich in deinem Schaffen beeidruckt haben oder durch deren Schaffen Du besonders beeindruckt bist?

Tilo: Schriftsteller? Ich wünschte ich könnte mir mehr Zeit für ein Buch nehmen! Naja, wenn ich Namen nennen soll, muß ich Kafka erwähnen. Sehr inspiriert bin ich auch durch die sehr vielfältige Arbeit von Charlie Chaplin, der ja nicht nur wunderbare Filme gedreht hat, sondern auch deren Musik komponiert hat.
Musikalisch beeinflußten mich sicherlich die großen Meister der klassischen Musik und die Wegbereiter des Gothic-Rock in den 80´igern. Aber mich faszinieren auch Filmemacher wie Stanley Kubrick, Peter Greenaway oder David Lynch.
Sehr unterschiedliche Dinge können sehr unterschiedliche Reaktionen in mir auslösen. Eines ist aber sicher: schnellebiger Kommerz ist mir ein Greuel.


GW: Welchen Stellenwert hat Religion für Dich?

Tilo: Einen sehr großen Stellenwert: der größte Inhalt meines Lebens...


GW: Hast du ein Lebensmotto, einen roten Faden den du im Leben verfolgst, der dir Halt gibt?

Tilo: Mein Glaube und damit eng verbunden die Liebe. Lieben zu dürfen und geliebt zu werden!


GW: An Anne, du kommst aus Finnland vermißt du deine Heimat? Ist LACRIMOSA dort auch bekannt?

Anne: Weißt du, ich lebe jetzt schon so lange hier und fühle mich wohl. Nein, eigentlich vermisse ich Finnland nicht. Allerdings ist LACRIMOSA in Finnland noch nicht so bekannt, aber es öffnet sich so langsam.


GW: Mir fällt auf, daß beispielsweise gerade in Russland und Polen viele LACRIMOSA-Fanclubs zu geben scheint. Aber z.B. auch in Südamerika. Hab ihr Feedback und wie international ist LACRIMOSA?

Tilo: Von Deutschland und dem benachbarten Europa mal abgesehen, haben wir interessanter Weise sehr viel Feedback aus Zentral- und Südamerika, Rußland und Osteuropa. Auch Israel, Zypern, Japan und Korea sind im Kommen. Aber interessant dabei ist zum Beispiel auch, daß LACRIMOSA hier in der Schweiz nahezu unbekannt ist. Genau so in Holland, aber direkt nebenan in Belgien haben wir eine sehr große Fangemeinde. Es ist schon sehr interessant und spannend...


GW: Im Herbst tourt ihr ja auch in Mexiko und wann kam man LACRIMOSA hierzulande live erleben?

Tilo: Vor Mexico wird es im September in Europa losgehen und zwar in der Schweiz - unser erstes Konzert in unserer Heimat - dann kommt Frankreich, Spanien, Italien und Österreich, bis wir dann Ende September nach Deutschland kommen werden. Danach geht es voraussichtlich nach Belgien, Polen, Tschechei und Slowakei und vielleicht noch Skandinavien, aber das steht noch nicht fest.


GW: Wie denkt ihr ein solch orchestrals Werk wie „Elodia“ live aufzuführen?

Tilo: Wir werden auf keinen Fall ein Orchester mit auf die Bühne nehmen, weil man mit einem Orchester keine Möglichkeiten für spontane Improvisationen hat, sondern lediglich ein einstudiertes Programm herunter spielen kann, und das ist mir für ein Livekonzert zu statisch und zu leblos. Ich möchte auf der Bühne auf das Publikum eingehen, möchte meine Texte variieren und die Stücke spontan verändern können, und das ist eben nur mit einer eingespielten Band möglich, nicht aber mit einem Orchester, das entsprechende Noten vor sich hat und bei jeder Variation seitens der Band aus dem Konzept fällt. Außerdem haben wir ja bereits auf den letzten drei Platten mit Orchester gearbeitet. Wenn wir auf die Bühne gehen, möchten wir uns nicht wiederholen und genau das machen, was wir bereits im Studio getan haben, sondern die Stücke zu neuem Leben erwecken und sie von anderen Seiten beleuchten.


GW: Ich bedanke mich recht herzlich im Namen aller Fans für diese ausfühlichen und offenen Worte. Viel Erfolg mit eurem neuen Album und der Tournee und daß euch die Ideen niemals ausgehen werden.



Ritchie, für GOTHICWORLD (all rights reserved)