Exklusiv-Interview mit MILA MAR:
am 02.10.2000 im Universal D.O.G. in Lahr


"Wenn wir irgendwas sind, sind wir eine Liveband!"

Mila MarAm 02.Oktober rief das Univeral D.O.G. in Lahr zum "FEMALE VOICES FESTIVAL" auf. Headliner sollten THE GATHERING sein und diverse mehr oder weniger bekannte Acts, Poprock, metal und alternative vibes, wie DIE HAPPY, TEUTRINE, ... und eben MILA MAR. THE GATHERING mußten leider canceln, da sie in Kürze schon in naheliegenden Straßburg verpflichtet sind und erst im Frühjahr zuletzt in Lahr zu Gast waren (wir berichteten), schade!

Einen gleichwertiger Nachfolger mit Frauenkehle konnte aber nicht mehr rechtzeitig gefunden werden, so sollte wohl MILA MAR die Krönung des Abends werden. In Anbetracht der Stile der auftretenden Bands, ein gewagtes Unterfangen, da es bei den meisten Bands doch recht heavy zur Sache ging und damit hat MILA MAR nun wirklich nichts zu tun. Ehrlich gesagt interessierte mich das Programm auch nicht sonderlich, so zog ich es vor, mich schnurstracks in den Backstagebereich zu begeben, um mich mit den Jungs und Mädels von MILA MAR zum vereinbarten Interview zu treffen. Und ich habe sicher nicht allzuviel verpaßt da draußen. Also gleich zum Interview mit den sympatischen Vier aus Göttingen:



ElfensexGW: Tja, das Stichwort heißt "Elfensex", wahrlich eine interessante Wortschöpfung! Wie kamt ihr auf die Idee und was ist die Message dahinter?

Anke: Also, der Begriff "Elfensex" stammt nicht von uns, wir haben ihm einem Gedicht von Dietrich B. entliehen. Ich hatte ein Unterhaltung mit einem guten Freund über unsere Musik und da ging es unter anderem auch um den erotischen Aspekt in der Musik von MILA MAR. Da kam ihm der Vergleich mit dem Titel jenes Gedichtes in den Sinn und irgendwie fand ich das doch recht treffend. Die Elfen verkörpern dabei das Mystische, Märchenhafte, Naturverbundene das sich in der Musik, schon in der Instrumentierung wiederspiegelt und die Sexualität wird durch die Stimme und die orientalische, exotische Rhythmik assoziiert. MILA MAR klingt doch sehr verführerisch und auf jeden Fall sehr weiblich und das wiederum mit einer elfenhaften Leichtigkeit und Natürlichkeit, daß wir sofort wußten: "Elfensex", das ist es!

GW: Mein erster Höreindruck ist, daß "Elfensex" zunächst durchaus "weltlicher und moderner" klingt als Euer Debütalbum "Nova". Dies wird natürlich durch die Coverversion des OMD-Klassikers "Maid of Orleans" unterstrichen. Da könnte doch sein, daß viele MILA MAR-Fans enttäuscht sein könnten, weil sie solche Töne nicht gewohnt sind von MILA MAR?

Katrin: Wir sind natürlich auch sehr gespannt, wie das Neue im Sound von MILA MAR draußen ankommt. Was die OMD-Nummer anbelangt hatten wir teilweise schon Bedenken, weil es ist halt schon ein Klassiker sozusagen.
Anke: Aber wir denken, daß wir schon eine gute Portion MILA MAR hineinbringen können in "Maid of Orleans". So steigert sich sich der Song ja mit brachialen klassischen Elementen und allein der französiche Gesangspart hat mit dem Orginal nur noch die Melodieführung gemein, aber die Stimmung die erzeugt wird ist doch eine ganz andere.
Maaf: Zu den Veränderungen will ich sagen, daß es doch so ist, wenn eine Band ein neues Album herausbringt und es klingt genau so wie das Vorgängeralbum rümpfen alle die Nase und sagen, daß der Band nix neues mehr einfällt und wenn du etwas neues wagst fühlen sich viele mit dem Ungewohnten auch vor den Kopf geschlagen. Es ist doch absolut zwecklos, es allen recht machen zu wollen.
Anke: Künstler müssen sich doch weiterentwickeln, neue Herausforderungen suchen, sonst wir des doch irgendwann mal langweilig. Also ich kann und will da nicht stehen bleiben, sonst könnte ich auch am Fließband arbeiten. Auf "Elfensex" gibt es aber nachwievor viele Momente, wo wir genau wie auf "Nova" klingen. Wir sind immernoch MILA MAR, keine Angst!

GW: Nachdem der Gesang auf "Nova" aus einzigartigen wortlosen Lautmalereien bestand, singt Anke nun in drei Sprachen?

Anke: Ja, aber meine Fantasiesprache gibt es auch noch, also genaugenommen singe ich jetzt viersprachig. Natürlich werd ich damit weiterexperimentieren, aber nach einigen Jahren war es einfach mal wieder an der Zeit, ein direktes Wort zu singen. Ich wollte Songs schreiben, die dem Zuhörer direkt den Inhalt vermitteln, wobei wir anfangs eigentlich selbst nicht geglaubt haben, jemals einen deutsch gesungenes Stück wie "Was bleibt ..." auf einem MILA MAR- Album zu hören.

GW: Wie entstehen Eure Songs? Wie läuft das Songwriting bei Euch ab?

Maaf: Meist ist es so, daß Anke mit Ideen kommt und wir beide entwickeln die Melodien dazu. Wir experimentieren viel mit verschiedenen Klängen und Rhythmen in verschiedene Richtungen. Wenn dann aber alle vier von uns sich eingebracht haben, kann sich ein Song vom den ersten Sessions bis zur fertigen Produktion nochmal völlig umgestalten.
Anke: Grundsätzlich ist es schon so, daß erst mal eine Idee oder eine Geschichte da ist und entsprechend der Gefühle, die wir zum Ausdruck bringen wollen entsteht dann die Songs drumherum. Aber wie das passiert und zu welchen Ergebnis es führt ist immer anders.
Katrin: Das ist ja gerade immerwieder das Spannende daran.

GW: Woher nehmt ihr die Inspirationen für Euere Musik, orientiert ihr Euch auch an musikalischen Vorbildern?

Anke: Also, daß wir versuchen wie andere zu klingen, kann man eigentlich nicht sagen. Ich finde zum Beispiel Madonna eine geniale Künstlerin, aber klinge ich wie sie?
Søren: Also wir hören alle so viele verschiedene Sachen, sicher fließt unbewußt immer irgendwas mit ein, aber eigentlich versuchen wir doch recht unbelastet an die Sache zu gehen und lassen es klingen wie es nacher klingt. Das ist eigentlich schon alles.
Katrin: Nein wirklich, wenn wir uns an irgendwas orientieren, dann ist es das Publikum, vor dem wir spielen. Das ist unsere Inspiration und darauf bauen wir! Wenn wir überhaupt etwas sind, sind wir eine Live-Band!

GW: Wie hat es eigentlich alles angefangen mit MILA MAR?

Anke: Oh je, na so vor fünf Jahren haben wir doch angefangen, oder?
Maaf: Also genaugenommen haben wir im November 1994 zusammen das erste mal Musik gemacht. Und zwar in genau der selben Besetztung wie wir heute abend auch wieder spielen, aber von einer Band war eigentlich noch nicht die Rede. Katrin: Wir sind zum Teil schon seit vielen Jahren miteinander befreundet und haben einfach zusammen Musik gemacht, ohne daran zu denken, daß wir damit auf die Bühne gehen oder CDs aufnehmen wollen. Maaf: Ja, aber weil wir mit sehr vielen Leuten zusammen gewohnt haben, war von Anfang an bei unseren Sessions Publikum anwesend. Die fanden das was wir gespielt haben so gut, daß wir uns irgendwann halt gefragt haben, warum wir eigentlich keinen Eintritt verlangen.
Søren: Dann gings los mit den ersten Auftritten und im Februar 1997 haben wir dann die erste CD "Mila Mar" in Eigenproduktion im Studio aufgenommen. Mit den Aufnahmen der CD "Nova" haben wir dann eine Plattenfirma und unsere Konzertagentur EXTRATOURS gefunden.

GW: Ihr seid beim Hamburger STRANGE WAYS- Label unter Vertrag, seid ihr zufrieden mit der Zusammenarbeit?

Maaf: Ja klar, voll und ganz eigentlich. Ich meine, ich weiß nicht, ob wir bei einer Major Company jetzt besser oder schlechter aufgehoben wären. STRANGE WAYS tut für uns was sie können, steht voll und ganz hinter uns und das wäre bei einem großen Plattenkonzern nicht unbedingt garantiert.
Anke: Ganz zu schweigen von der künstlerischen Freiheit, die wir genießen und uns auf keinen Fall nehmen lassen wollen!

GW: Ich hab schon gehört, daß wir heute abend leider noch keine Songs vom neuen Album hören werden, die gibt es erst nach der Release-Party am 19. in Göttingen. Stimmt das?

Anke: Ja, da sind wir konsequent. Die neuen Sachen gibt es erst zum Konzert bei der Releaseparty in Göttingen und damit beginnt dann offiziell die "Elfensex-Tour 2000 +1". Heute abend gibt es tatsächlich zum allerletzten Mal das "Nova"-Programm. Ist doch ein feierlicher Moment, oder? Wir haben uns für die "Elfensex"-Tour schon ein paar besondere Dinge einfallen lassen, die Elfenflügel, die ich auf dem Cover trage sind auch dabei. Ihr dürft schon gespannt sein.
Søren: Bisher sind Termine bis in den März 2001 bestätigt, es gibt also noch viele Gelegenheiten sich das Programm anzuschauen.

GW: Ich glaube, daß es hierzulande kaum eine Band gibt, die so viel live präsent ist wie MILA MAR. Im Vergleich fällt mir da eigentlich nur IN EXTREMO ein. Woher nimmt ihr dafür die Energie her?

Anke: Woher wir die Energie nehmen, fragen wir uns auch sehr oft. Denn zwischen der Tour und den Aufnahmen war zum Beispiel keine Zeit um mal an etwas anderes als an Musik zu denken. Also Urlaub oder so war dieses Jahr nicht drin.
Søren: Also man muß sich halt schon entscheiden, wenn man von der Musik leben will. Entweder man tut es konsequent, oder man läßt es besser gleich. So den Wochenend- Musiker zu spielen, der die Woche über seinem ganz anderen Job nachgehen muß, war nie unser Ding.
Anke: Genau, lieber stressen wir uns mit Sachen, die wir sowieso lieben! Wir sind eben eine Liveband!
Katrin: Ja, so wie damals als wir vergessen haben den 100. Gig zu feiern. Irgendwann hört man halt auf zu zählen.

GW: Dieses Interview wird es nicht am Kiosk geben, sondern erscheint weltweit im Internet. Wie beurteilt ihr die Möglichkeiten dieses neuen Mediums, gerade für Bands und die Gefahren in Hinsicht der MP3-Problematik?

Maaf: Ich weiß nicht so recht, sicher ist das Internet eine kostengünstige Möglichkeit, besonders für unbekannte Bands sich zu präsentieren. Aber es soll doch bitteschön keiner erwarten, daß die Agenten von SONY oder so nichts andres zu tun haben, als den ganzen Tag im Web nach neuen Talenten zu surfen!
Søren: Es ist sicher einfacher geworden per E-Mail zu kommunizieren und Material austauschen zu können, aber ob es wirklich einfacher geworden ist, als Unbekannter einen Deal zu landen, wage ich zu bezweifeln.
Katrin: Vielleicht bilden sich ja noch Plattformen heraus, von denen wir jetzt noch gar nichts ahnen. Allerdings erreichen wir gerade viele Leute dadurch, daß wir so eine Menge Konzerte geben, es waren tatsächlich 80 Konzerte in den letzten 12 Monaten, und so eine Präsenz beim Publikum ist durch keine Homepage zu ersetzen.
Maaf: Die MP3-Problematik ist wohl nicht, ein paar Häppchen seiner eigenen Kunst darzubieten, sondern vielmehr das Saugen kompletter CDs aus dem Netz. Das ist eher traurig.
Søren: Wobei das reine Brennen wohl noch viel mehr Schaden anrichtet. Einer kaufts und zehn andere haben die CD zu Hause stehen. Und das trifft die kleinen Bands härter als die Großen.

GW: Nun will ich aufhören, Euch mit lästigen Fragen zu nerven, schließlich habt ihr noch ein Konzert zugeben heutenacht. Ich freu mich drauf und bedanke mich, daß ihr euch die Zeit für die kleine Interview genommen habt.

Anke: Nun, nachdem sich unser Auftritt ja doch etwas verzögert heutabend, war dieses Interview ein toller Zeitvertreib und es war nicht so langweilig hier im Backstage. Deshalb bedanken wir uns und wünschen, dir viel Spaß nachher mit MILA MAR und der GOTHICWORLD alles Gute für die Zukunft.


Abschließend, noch ein paar Worte über den Auftritt von MILA MAR:

Mila MarNachdem DIE HAPPY ihre Grunge-Show zuende gebracht hatten (die Sängerin ist ja ganz sympatisch gewesen und konnte trotz der eher durchschnittlichen Musik auch etwas Stimmung im Saal produzieren), war es schon längst Mitternacht vorbei und die einen hatten genug (Bier und Lärm) und die anderen warteten auf MILA MAR.
Es war als ob vorher nichts gewesen wäre, genausogut hätte vorher eine Rotkreuz-Übung oder ein Tauziehen auf der Bühne stattfinden können. MILA MAR hat mit all dem nichts zu tun und erzeugte völlig unbeeindruckt vom ersten Ton an die typische Atmosphäre, die wir von den Auftritten der Göttinger gewohnt sind. Nocheinmal stand alles im Bann der Lieder vom Album "Nova" und besonders der unglaublichen Stimme der Sängerin Anke. Im Prinzip hätte man die Bands vorweg auch schlicht weglassen können, denn diese Simme allein ist ein FESTIVAL OF FEMALE VOICES!

Mehr über MILA MAR: www.milamar.de
 


Ritchie für GOTHICWORLD
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