Festivalbericht:




12. Wave Gotik Treffen 2003
06.06. - 09.06.2003 - Leipzig

Samstag, 07.06.2003


Inkkubus SukkubusNicht ganz pünktlich, aber mit weniger technischen Schwierigkeiten, da rein "unplugged", verbunden, präsentierten CHAMBER um 14:00 Uhr ihren "akustischen Märchenbrunch". Obwohl Sänger Max stimmlich angeschlagen und alle Mitglieder unter der brütenden Hitze im ORKUS-Café (welches sich ja immerhin fast unter dem Dach der AGRA Halle befindet!) zu leiden hatten, bewiesen die Jungs und vor allem Mädels vom L'ORCHESTRE DE CHAMBRE NOIR hier ihre wahre Größe.

Rein akustisch wurden zum ersten Mal ein Haufen Songs vom kommenden Album gespielt, nur hin und wieder von älteren Sachen durchbrochen, und so konnte sich das, hier ebenfalls erstaunlich zahlreiche Publikum, einen guten Vorgeschmack auf den August 2003 holen. Wahrlich ich sage Euch, dieser Band hat noch großes vor sich! (TS)

Bloody, Dead & SexyDanach ging es, einer plötzlichen Idee folgend, in die Parkbühne. Leider erwies sich dies fast schon als Fehlgriff, da sie nachmittags der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist, und man daher schon beim Rumstehen zerfloss. Und genau dieses tat man dann auch. Nicht nur, während man den auftretenden Bands lauschte, sondern vor allem, um den kompletten Gig von INKKUBUS SUKKUBUS lang um Getränke anzustehen. Das hier wegen Dehydration keiner umgekippt ist, grenzt beinahe an ein Wunder. BLOODY, DEAD & SEXY sind weder blutbeschmiert, noch tot, und schon gar nicht sexy (Sorry, das musste mal gesagt werden). Der Death Rock der Band, der auf Tonträger wirklich zu überzeugen weiss, wirkt live blass und farblos, was weniger am musikalischen Spielvermögen denn an der verschrobenen und uneinheitlichen Optik des Quartetts liegt. Während der Sänger sich im zerfetzten KIK-Outfit - ihr wisst schon, der Textil-Discounter - präsentierte, scheint der Gitarrist justament aus Monty Pythons' "Das Leben des Brian"-Kulisse entlaufen zu sein, während der wohlbeleibte Drummer wohl schon den legendären Alvin Lee & Ten Years After beim Woodstock-Festival 1969 begleitet hat. Fazit: coole Musik, arme Optik.

BloodflowerzDie BL[A]DFLOWERZ erwiesen sich danach als coole Live-Band mit einer souveränen Sängerin, die zunächst einmal herzlich das "gut gekleidete" Publikum in der mittlerweile recht ansehnlich gefüllten Parkbühne begrüsste. Der halbstündige Set unterstrich dann, dass die guten Kritiken, die die Band für ihre beiden Alben und den zeitliosen Gothic Rock erhalten hatte, verdient waren. Der Aufforderung zum Headbangen verweigerte sich das Publikum aufgrund der subtropischen Temparaturen dann doch. (MK)

INKKUBUS SUKKUBUS selbst, eine schon legendäre Band, boten einen guten Durchschnitt durch ihr kreatives Schaffen. Hier offenbarten sich Stärken und Schwächen der Band zugleich. Stark natürlich die Mischung aus treibenden Gitarren, flächendeckenden Drums und einer ausdrucksstarken Sängerin, die trotz ihres nicht mehr zu verbergenden Alters und der Hitze eine gelungene Leistung darbot. Schwach leider das Problem das eigentlich jeder INKKUBUS SUKKUBUS Song irgendwie genau wie der vorhergehende klingt und mein Lieblingslied, die kongeniale Coverversion von "Paint It Black" fehlte. (TS)

IkonDanach erschienen IKON, welche ja schon vor zwei Jahren mit den CRÜXSHADOWS und danach auf dem Mera Luna-Festival einen bleibenden Eindruck hinterliessen. Gut, die Jungs klingen verdächtig oft nach JOY DIVISION, aber irgendwie hat man bei ihnen den Eindruck, dass es eher als Hommage denn aus kreativen Notstand heraus kommt. Dass die Stimmung auch hier nicht überkochte, lag zum einen einfach daran, das man es schon unter der Einstrahlung der Sonne tat und die statische Bühnenshow - was würden IKON eigentlich ohne den outfitmässig tief in den 80ern stecken gebliebenden Anthony Griffiths machen - nicht wirklich mitreisst. Was bei jeder anderen Band jedoch als Stimmungstöter wirken würde, gleichen die sympathischen Australier durch ihr grandioses Songwriting wieder aus. IKON sind schon eine Klasse für sich … (MK)

Wayne HusseyNoch entspannter verlief dann der folgende Auftritt. WAYNE HUSSEY, den man nun wirklich und aufrichtig als lebende Legende bezeichnen kann, verbuchte zwei Vorteile für sich: Die Sonne war zu diesem Zeitpunkt schon etwas hinter den Mauern der Parkbühne verschwunden, so dass es merklich kühler wurde... Und der Meister spielte sein fast schon sagenhaftes Akustikprogramm. Nur mit Gitarre und Rotweinflasche, die bereits nach drei Stücken nur noch halbvoll (aus der Perspektive Waynes eher halbleer) war, bewaffnet, voller Elan und witzigen Ansagen nur so sprühend, spielte HUSSEY neue Songs natürlich genauso wie akustische Versionen alter THE MISSION-Klassiker. Für zwei Stücke gab es dann noch einen kurzen Ausflug ans Piano (auch wenn es ein Keyboard war, es war live!!) und insgesamt kann man nur eines sagen: Musiker die es verstehen, einfach so, ganz alleine, mit einem Instrument vor einem großen Publikum und auf einer doch recht großen Bühne, eine derartige Stimmung zu erzeugen, gehören einfach zu den ganz großen Künstlern. Davon gibt's dann nicht mehr allzu viele, WAYNE HUSSEY gehört dazu. Neben dem Dauerbrenner "Like a Hurricane", den er geschickt in "Wasteland" verpackte, überraschte WAYNE HUSSEY mit der Version eines alten Songs seines Kumpels Robert Smith. "A Night Like This" von THE CURE waren unbestritten einer der Höhepunkte des leider zu kurzen Konzerts. Den danach folgenden Auftritt der eher elektronisch agierenden "Bravogothics" von BLUTENGEL empfand ich als zu großen Bruch, weshalb es mich wieder in die Moritzbastei zog. (TS)

Leider zu spät um NCOR noch zu sehen, die schon im Düsseldorfer "Spilles" meine Neugier und Begeisterung geweckt hatten, so das ich auch hier wieder, nur bei einem kühlen Bier im kühlen Garten sass, das Volk beobachtete und mich einfach nur wohlfühlte. Am Abend blieb das Haus Leipzig von Protest verschont und trotz langjähriger Anhängerschaft konnte ich nun zum ersten Mal Ian Read und FIRE + ICE live erleben. Neofolkgemäss sparsam instrumentiert (Akustikgitarren und Trommeln) unterstrich der asketische Meister der Runengilde Ian Read sein Können. Hochkonzentriert, stimmlich klar und sicher zelebrierte er Ausschnitte aus seinem Schaffen. Von dem Traditonal "The Wind That Shakes The Barley" über die emotional tiefsten Stücke "Gilded By The Sun" und "Rising Of The Moon" bis zu neueren Songs á la "Werewolf Over Londontown" webten FIRE + ICE ein wundervolles Tuch voller Abkehr von der Moderne und Sehnsucht nach der Klarheit der Naturreligionen. (DB)

Placebo EffectWährenddessen schockten die legendären Dark Waver PLACEBO EFFECT und vor allem Sänger Axel Machens die AGRA mit seinem manisch wirkenden und recht aggressiven Stageacting. Umgeben von diversen Schaufensterpuppen und einer Reihe von Monitoren stakste dieser über die Bühne und liess seiner "Agony Of Mind" freien Lauf. Überrollt von dieser wirren und recht brachialen Performance dauerte es eine ganze Weile, bis das Publikum sich wieder gefangen hatte, letzten Endes der exklusiven Reunion-Show jedoch den gebührenden Respekt zollte.

VNV NationVNV NATION entpuppten sich dann als der Gewinner des Abends, denn kaum, nachdem die ersten Töne durch die P.A. dröhnten, stand die AGRA und mit ihr ca. 9.000 Fans Kopf. Sympathikus Ronan Harris und seine Band legten ein "Best Of"-Programm vom Allerfeinsten auf die Bretter und wurden von einer Woge der Begeisterung getragen, wie ich sie beim WGT noch nie erlebt habe. Die mitsingenden Fans waren zum Teil lauter als die P.A., jede Ansage und jede noch so kleine Geste wurde begeistert aufgenommen und rechtfertigten den Status, den sich der Ire im Laufe der letzten Jahre hart erkämpft und erarbeitet hat. (MK)

Danach hiess es meinem fortgeschrittenem Alter und dem Körper Tribut zollen, denn auch, wenn ich mir die im Rahmen des Mitternachtskonzert auftretenden LAIBACH als Pflichtprogramm notiert hatte, war mir die nun noch folgende einstündige Wartezeit bis zum Auftritt des slowenischen Künstlerkollektivs definitiv zu lang. Also ab ins Hotel und gepflegt an der Matratze horchen. Eigentlich sollte für mich nach FIRE + ICE im Haus Leipzig Schluss sein, aber dann gab ich mir doch noch einen Teil des LAIBACH-Konzerts in der Agra. Wie schon mit "Life is life" haben sich LAIBACH einen "nicht standesgemäßen" Song fürs Covern erwählt und eröffneten damit ihren Liederreigen: "The final countdown" von EUROPE in bewährter, monströser LAIBACH-Manier. Nicht schön, aber selten. Was folgte, trieb mich dann ebenfalls eher ins Körbchen als zum Jubel. (DB)


(Daniel Bartsch, Nicola Baumann, Carsten Buchhold, Michael Kuhlen, Thomas Sabottka, Simone Schröter) www.obliveon.de / www.the-gothicworld.de
Photos: Michael Kuhlen


Die WGT-Tage im Einzelnen:

[ Freitag, 06.06.2003 ]

[ Samstag, 07.06.2003 ]

[ Sonntag, 08.06.2003 ]

[ Montag, 09.06.2003 ]

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