Festivalbericht:




12. Wave Gotik Treffen 2003
06.06. - 09.06.2003 - Leipzig

Sonntag, 08.06.2003


Mittags mal wieder im ORKUS-Café gesessen, Oswald Henke respektive ERBLAST und FAITH AND THE MUSE bei ihren Autogrammstunden beobachtet, während der Rest der Gemeinschaftsredaktion die schwer verdiente - hüstel - Kohle gnadenlos für Platten und vollkommen obskure Industrial-CDs aus dem Ural, Malaysia oder Ostfriesland auf den Kopf haut um dann frustriert darüber, dass sich bei "X-Tras" Resterampe partout keine passende Hose in XL - muss wohl ein Restposten aus Japan gewesen sein - auftreiben lässt, den Rückzug anzutreten.

Um der Hitze wenigstens ein wenig zu trotzen, haben wir uns später an die "Flaniermeile" gesetzt, die wir schon letztes Jahr "Boulevard der Eitelkeiten" getauft habe. Das Volk beobachten, sich die Frage stellen, was all die Freaks eigentlich machen, um die Temparaturen unter ihren Latex-Lack-Lederklamotten und zwei Zentner Make-Up zu ertragen, wie sich Drei-Zentner-Frauen in ihre Rokokko-Kleider zwängen oder wo man Korsetts dieser Grösse zu kaufen bekommt. Auf dem Treffen-Markt in der AGRA-Halle jedenfalls nicht. Philosophische Betrachtungsweisen also, die wir im nächsten Jahr gerne fortzusetzen gedenken. Nach diesen tiefsinnigen und mehrere alkoholgeschwängerte Stunden andauernden Studien begeben wir uns wagemutig erneut in die grösste Sauna Leipzigs, die AGRA-Halle, um uns in masochistischer Manier unseren Körpersäften auszuliefern.

ERBLAST: Diesmal schien das Publikum besser zu sein, als vor wenigen Wochen beim OSTARA-Festival. Oswald jedenfalls sprühte vor Energie und das Konzert kann man getrost als eines der Highlights des WGT bezeichnen. ERBLAST spielten eine Mischung durch ihr Schaffen, wobei mir besonders ihre kongeniale deutsche Version des SISTERS OF MERCY-Songs "Some Kind Of Stranger" auffiel. Auch steigerte sich Oswald zu einer sehr aggressiven Ansage, als er seine Version des "Vater Unser" einleitete, in der er die verlogene Politik des amerikanischen Präsidenten anprangerte. Ein Statement, das sehr wohl begriffen und honoriert wurde. Soviel zum Thema Gothics seien eher unpolitisch.

Diary Of DreamsDanach enterten DIARY OF DREAMS die Bühne. Was Adrian Hates und seine Mannen hier ablieferten war wieder einmal allerhöchste Qualität! Unterstützt von seinem neuen Gitarristen, einem eindrucksvoll bemalten, schmalen Irokesen, präsentierten DIARY OF DREAMS vor allem Songs ihres "Freak Perfume"-Albums, wie schon gewohnt, in wieder einmal anderen, neuen Arrangements, die der Performance der Band etwas von der auf Tour gezeigten Aggressivität nahmen. Gerade das macht ein Konzert der Düsseldorfer aber immer wieder zu einem Erlebnis, da die Stücke nie wie auf CD klingen und man so selbst bei Bandklassikern immer wieder etwas Neues erlebt. Vermisst wurde leider ein Song wie "End(gifted?)", der wohl der Kürze der Spielzeit zum Opfer fallen musste. Bei "Butterfly Dance" oder "Chemicals" jedoch wurde deutlich, dass DIARY OF DREAMS mittlerweile zun den anerkanntesten und etbliertesten Acts und Adrian Hates wohl zu den charismatischsten Sängern zählen, die "unsere" Szene zu bieten hat. (TS)

Black Tape For A Blue GirlBLACK TAPE FOR A BLUE GIRL hatten danach mit ihrem "Heavenly Voices"-Sound einen schweren Stand. Die eigentlich für die Intimität eines kleinen Clubs prädestinierte Musik Sam Rosenthals verlor bei der Europa-Premiere der amerikanischen Band in der Grösse der AGRA-Halle leider an Atmosphäre, zumal nicht wenige die Halle verliessen, um frische Luft zu schnappen und sich die Reihen vor der Bühne so merklich lichteten. Musik und Performance der Band beeindrucken jedoch nachhaltig. Bleibt zu hoffen, dass das amerikanische Duo, unterstützt von einer Reihe Gastmusiker, noch einmal die Möglichkeit bekommt, sich bei einer Tour in entsprechenden Locations zu präsentieren. Wäre doch Schade, wenn wir wieder sechzehn Jahre auf Konzerte dieser Ausnahmeband warten müssten. (MK)

FAITH AND THE MUSE konnten die ihnen entgegengebrachten Erwartungen im Anschluss an BLACK TAPE FOR A BLUE GIRL nicht erfüllen. Live von zu vielen Gitarren unterstützt, verloren sie in meinen Ohren ihren leichten Neofolk-Touch und wurden so leider zu einer eher durchschnittlichen Wavekapelle, bei denen ein Song wie der andere klang. (TS)

Draussen zog dann das große Unwetter über das Gelände, welches zwar einige Zelte aus ihren Verankerungen entfernte, im großen und Ganzen aber endlich für Abkühlung sorgte, was man dann dankbar in Form eines "draußen noch 'nen Bier trinken" annahm, THE 69 EYES "Blessed Be" sein liess und so der Abend bei Wein, Weib und Hundegebell ruhig seinen Ausklang fand.
DEINE LAKAIEN - siehe Samstag unter LAIBACH, nur noch 'nen Tag älter … (DB)


(Daniel Bartsch, Nicola Baumann, Carsten Buchhold, Michael Kuhlen, Thomas Sabottka, Simone Schröter) www.obliveon.de / www.the-gothicworld.de
Photos: Michael Kuhlen


Die WGT-Tage im Einzelnen:

[ Freitag, 06.06.2003 ]

[ Samstag, 07.06.2003 ]

[ Sonntag, 08.06.2003 ]

[ Montag, 09.06.2003 ]

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