Festivalbericht:


13. Wave Gotik Treffen 2004
Pfingsten - Leipzig



Montag, 31.05.04



Tag 4 begann wieder mit redaktionellem Brunch und Geburtstagsgelage am Connewitzer Kreuz. Erste Aufbruchstimmung war zu verzeichnen, Bedauernswerte die am Dienstag wieder arbeiten mussten schlichen sich von dannen. Ausgiebig Platz und Zeit für Freunde der Neuen Folklore in der City und ewig Mittelalterliche in der Agra. (IK)


Andi SexgangNoch am Abend zuvor mit dem schlechten Sound in der AGRA bei den SEXGANG CHILDREN kämpfend - was übrigens eines der größten Kritikpunkte des diesjährigen WGTs war - zu oft fragte man sich, ob die jeweilige Bands nicht ihre eigenen Tontechniker mitbringen durften und was für Deppen ihnen anstatt dessen vorgesetzt worden sind. Nun wie dem auch sei, mit schlechten Sound hatte ANDY SEXGANG bei einer Besetzung von Akustik-Gitarristen und sich selbst am Mikro nicht zu kämpfen, dafür aber mit einer mörderischen Erkältung. Die ihn immer wieder dazu zwang sich irgendein ominöses Mittel in den Hals zu sprayen. Dass aber mit einer so noch nie gesehenen, vollendeten, eleganten Geste, die wohl sonst nur ein Marc Almond hinkriegen würde. Überhaupt waren die Parallelen zwischen diesen Beiden großen, englischen Torchsängern sehr offensichtlich. Die gleichen ausufernden, dramatischen, aber durchaus faszinierenden Gesten, zu einem musikalisch auf das absolut notwendig reduzierte Gewand dargeboten und so eine hervorragend, emotionale Stimmung zu erzeugend. Intim und fesselnd bot ANDY SEXGANG eine vierzigminütige Tour durch ein eindrucksvoll vorgetragenes Reportoire an akustischen Perlen und vor allem eine Lehrstunde in "Wie singe ich trotz ruinierten Stimmbändern!". Wo sich andere ständig anhören als seien sie influenciert und treffen deshalb die Töne nicht, machte er aus der Not eine Tugend und eröffnete den Reigen mit "Strange Weather", einem alten Tom Waits Song, den auch Marianne Faithfull schon eindrucksvoll präsentiert hat. Also durchaus passend zu einer "kaputten" Stimme. Dass es keine Zugaben gab, angesichts der Verfassung des Künstlers mehr als nur verzeihlich, und dass die herrlich elegante, barocke Kulisse des Schauspielhauses gerne auch mehr Leute gesehen hätte tat einem der stillen Höhepunkte dieses Festivals keinen Abbruch! (TS)

StaubWelch Ironie des Schicksals, denn als STAUB auf der bis dahin sonnenüberfluteten Parkbühne ihre ersten Akkorde anreissen, beginnt es in Strömen zu regnen und bis auf fünf Unentwegte, die den Regenmassen bei erheblich verwässertem Biergenuss standhaft trotzen, versammelt sich das Publikum unter den schützenden Vordächern. STAUB bemühten sich zwar redlich den Wassermassen und ihrer Enttäuschung Herr zu werden und spulten ihr Programm trotz der widrigen Umstände ordentlich ab, doch als bei "Die Brandung" dann wirklich sämtliche Himmelsdämme brachen, ist auch die Stimmung in der Band endgültig hinüber. Dabei konnte der metallisch angehauchte Gothic Rock mit deutschen Texten auf CD durchaus überzeugen.

Als Erklärung für diesen sinnflutartigen Regen kann nur gelten, dass sich der Wettergott in der Uhrzeit vertan hat, schliesslich sollte drei Stunden später Johannes Berthold mit ILLUMINATE auf der Bühne stehen um Kostproben seines dilletantischen Könnens zu geben.


Rechtzeitig zum Konzert der wiedervereinigten THE TORS OF DARTMOOR hatte Petrus dann ein Einsehen und der Himmel schloss seine Schleusen wieder. Der Platz vor der Bühne wurde enger und als THE TORS OF DARTMOOR mit ihren klassischen, ganz in der Tradition von Fields of the Nephilim stehenden Gothic-Songs loslegten, störte es wohl nur die wenigsten, dass solche Musik The Tors Of Dartmooreigentlich in die schummrige Atmosphäre eines nebelverhangenen Clubs gehört, anstatt auf eine Open Air-Bühne. Wolf Koch und Rüdiger Frank boten neben den Bandklassikern auch Songs ihres neuen Albums "Chapter VI" wie "Fistful Of Flies" und "Chapter One", die sich wieder an den musikalischen Ursprüngen der Band orientieren und die Krautrock-Periode der Band vergessen lassen. Die Schlange vor dem Verkaufsstand der Band nach Beendigung der Show jedenfalls lässt sich alleine durch den Festivalpreis von 12 € für drei CDs, inklusive des neuen Albums, kaum erklären, hätten die Zuschauer nicht gespürt, dass die beiden Musiker hier mit Herz und Seele agierten.

Komu VynzKOMU VYNZ waren für diesen Nachmittag die grosse Unbekannte, doch die Band aus der Ukraine, die in den Zeiten des Kalten Krieges in ihrer Heimat mit Auftrittsverboten belegt wurde, konnte durch den Nena-Klassiker "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann" gleich erste Sympathiepunkte für sich sammeln. Routiniert, doch recht statisch, bot das Quartett mit seinem sprödem russischen Charme und einer musikalischen Mixtur aus Goth, Rock und russischer Folklore eine solide Show, die die fünfundzwanzigstündige Anreise mit fünf Personen in einem PKW rechtfertigte. Das neue Album der Ukrainer wird übrigens im Laufe des Jahres auch bei uns veröffentlicht werden. (MK)

In der AgraDer Montag auf der AGRA gehört seit jeher fest den Freunden der Medivalmusik. Gleich als zweite Band des Tages durfte hier eine der meist unterschätztesten Bands des Genres ihren Aufschlag machen. SCHELMISCH standen in ihrem Auftritt den späteren "großen Brüdern" in absolut nichts nach, waren streckenweise sogar besser. Die Stimmung war perfekt, so voll war die AGRA erst wieder bei SALTATIO MORTIS und der Sound war lobenswert kräftig und klar. Mit gewitzten Reden hatten sie schnell die jubelnden Fans auf ihrer Seite. Gefallen hat mir die Zurückhaltungen der Schalmeien und der gerechte Ausgleich durch die dumpfen Töne der gigantischen Trommel.

Im Anschluss durchbrachen REMEMBER TWILIGHT den mittelalterlichen Reigen etwas. Diese junge Combo gab sich einem metallischen Gewitter hin, kopierte offensichtlich AC/DC und war einer der schlechtesten Beiträge, die ich auf diesem WGT gesehen habe. Es klang, als hätten die Leute Spaß an unmelodiösem Krach und wildem Gegrunze. Nichts für meine Ohren. Ihr Auftritt im Mittelalter-Kontext ist unerklärlich, zumal es im Anschluss mit sehr sphärischen Klängen weiterging.

FAUN gaben sich sichtlich Mühe, die entlaufenen Massen wieder einzufangen. Jedoch war ihre Musik dafür etwas zu schwach und abwechslungsarm. Angenehme, weit schwingende Töne waren es allemal und Potenzial steckt drin.

Auch CORNIX MALEDICTUM konnten die Massen nicht wirklich bewegen in die schwach gefüllte Halle zurückzukehren. Ob sich Ardor vom Venushügel für seinen späteren Auftritt bei und mit CORVUS CORAX schonen wollte? Seine Stimme war seltsam dünn und flach, seine Zwischentexte albern bis geklaut (sowohl hier als auch nach dem ersten Titel von CORVUS CORAX hiess es: "Lasst uns durchdrehen!") und musikalisch wollte sich keine Harmonie einstellen. Beim eigentlich genial tanzbaren und pfiffigen Ska-meets-russische Folkore-meets-Mittelalter-Song "Skatjuscha" spielte alles wild durcheinander und erst gegen Ende fanden die Musiker eine musikalische Linie. (DB)

KnifeladderKNIFELADDER mögen in John Murphy (ex-SPK, ex-Current 93) eine Koryphäe in Sachen Industrial in ihren Reihen haben, der Auftritt des Trios im Pathologen-Outfit liess mich vollkommen kalt. Das bestimmende perkussive Element im Sound KNIFELADDERs wurde immer wieder durch experimentelle und zum Teil extrem schräge Passagen unterbrochen, getoppt nur noch durch den schamanenhaften und leider viel zu aggressiv wirkenden Gesang. Mag sein, dass KNIFELADDER für die Industrialfraktion Kult sind, mir fehlte es deutlich an kreativer Inspiration oder zumindest an provokanten Elementen.

Anders die Ungarn SCIVIAS, die ihren Auftritt in Nebelschwaden aus Räucherkerzen begannen und dem rund vierzigminütgem Vortrag somit einen rituellen Charakter verliehen, untermalt von einer musikalischen Mischung aus Industrialelementen und beinahe schon New Age-mässigen Klangflächen. Eingetaucht in blaues und grünes Licht verlieh dieses Farbenspiel dem Auftritt eine zusätzliche mystische Atmosphäre.

NaevusNAEVUS zählen zu den exponiertesten neuen Vertreter des Neofolk, zumindest auf Tonträger, denn live konnten mich die Briten zu keiner Zeit überzeugen. Die Songs wirkten live spannungsarm und austauschbar und wirkliche Höhepunkte liessen sich im Set der Briten auch nicht ausmachen. Mit Langeweile pur ist noch mild umschrieben, was NAEVUS in Leipzig boten.

ForsetiAnders FORSETI, die neben Orplid wohl die wichtigsten Vertreter der deutschen Neofolkszene sind, was sich an der gespannten wie erwartungsvollen und beinahe schon euphorischen Stimmung ablesen lässt, die Andreas Ritter und seiner Band vom ersten Ton an entgegenschlug. Versunken in sein Gitarrenspiel und seine romantisch-lyrischen Texte ist Andreas Ritter längst dem Stadium entwachsen, wo er als Reizfigur der Antifa durch sein Erscheinungsbild reichlich willkommene Angriffsfläche bot. Neben Liedern der Alben "Windzeit" und "Jenzig" brachten FORSETI auch Stücke von ihrem neuen Album "Erde", das wohl zu den Höhepunkten der bisherigen Bandgeschichte zählen dürfte. Besonders intensiv und ergreifend wurde es stets dann, wenn Cello, Geige oder Querflöte den traurigen Melodien zusätzliche Emotionen verliehen und einen Hauch von Wehmut durch das altehrwürdige Haus Leipzig wehen liessen. (MK)

Stendal Blast & BlutengelDer Hang zum Amüsement endet bisweilen fatal und wer die Wahl hatte soll nicht über Qualen lamentieren. Einige zogen gen Haus Leipzig weiter um NeoFolk und Industrial vom Feinsten zu hören, der Rest ins Werk II. STENDAL BLAST sollte für gute Laune sorgen, das tat Kaaja Hoyda dann allerdings in waschechter Balearen-Animateur-Manier. Nach seiner Ankündigung die "polnische Porno-Brille" an diesem Abend einem Fan zu schenken, kam dann nur noch kurzatmiges Gekrächze und unstimmiges Halbplayback von der Bühne. Ein Kiew-Remix vom Datenträger und ein Gitarrist, der schon beim zweiten Titel stets daneben haute, konnte nun nicht mehr ernsthaft als intellektuelle Antikunst aufgefasst werden. Angenervt ging's für uns immer weiter nach hinten an die Bar um eventuell aufs gleiche Niveau zu kommen. Scheinbar gelingen die richtigen Blast's eben nur mit Gastkünstlern. Chris Pohl und Constanze von BLUTENGEL hauchten der Animation Infernale zum Schluss noch etwas Größe ein und die kommende gemeinsame Single "Mein Babylon" scheint ein Club-Knaller zu werden. Ich mag ja niemanden dissen, aber der durch Publikums-Voting ausgeloste Zugabetitel "Du bist nicht so schön" beschrieb treffend Kaaja ohne Brille und den ganzen Rest vom Auftritt.

Plastic Noise ExperienceRestlos würdiger und endgeiler WGT-Abschluß war dann der Connewitz-Headliner dieses Abends, PLASTIC NOISE EXPERIENCE. Claus Kruse und seine Live-Maschinisten Technoir & Serpents blieben von Spätwirkungen diverser Getränke der letzten Nacht im Treff-Cafe unverschont. Stroboskob-Blitzlichtgewitter und Vollgas von der Bühne sorgte für reichlich Energie. Ob Claus das Publikum anheizte oder dieses ihn kann im Nachhinein nicht mehr so klar wiedergegeben werden… ‚Plastik Fantastik' bis die ‚Maschine brennt'!!! (IK)


Fazit:
Auch wenn man das Gefühl hatte, dass es in diesem Jahr weitaus weniger schwarze Jünger in die heimliche Hauptstadt des dunklen Universums trieb, darf man den ersten Zahlen von Veranstalter InMove durchaus Glauben schenken, dass es sich mit ca. 20.000 Besuchern um die durchaus erwartete Besucherzahl handelte. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Massen inzwischen weiter zwischen den vielen Spielstätten und Veranstaltungsorten der Stadt verlaufen, oder das alljährliche Schaulaufen auf dem "Boulevard der Eitelkeiten" nicht mehr so exzessiv betrieben wurde.

Dabei fällt auf, dass das Treffen mit den Jahren immer internationaler geworden ist und der Anteil der ausländischen Besucher von Jahr zu Jahr zunimmt. Bedanken kann man sich an dieser Stelle bei den Wettergöttern, welcher Religion auch immer, denn es hätte uns alle schlimmer treffen können. Auch wenn die ersten zwei Nächte für Zeltplatzbewohner sicherlich die kalte Hölle waren, so bescherte man uns den Rest des Wochenendes angenehm warme Temperaturen und Sonnenschein und der reinigende Regen setzte, von einem kurzen Intermezzo am Montag, erst am Dienstag ein.

Kopf hoch, Leipzig!Dank gilt wie immer natürlich einer einzigartigen Stadt Leipzig und ihren freundlich, toleranten Bewohnern und Behörden. Aber auch den Veranstaltern InMove in Persona Peter Matzke, die wie immer den unvorstellbaren organisatorischen und logistischen Aufwand bewältigten um uns allen ein angenehmes WGT zu verschaffen. Natürlich wird es immer den einen oder anderen Kritikpunkt geben. Seien es die Ordner, die Kommerzialisierung, die fehlende Lieblingsband, der schlechte Sound etc.

Fakt ist, dass das Familientreffen der schwarzen Szene für viele ein fester Bestandteil ihrer alljährlichen Lebensbewältigungsplanung ist und mehr Respekt verdient, als es oft ausgesprochen wird.
In diesem Sinne: Nach dem WGT ist vor dem WGT! (TS)


Die WGT-Tage im Einzelnen:

[ Freitag, 28.05.2004 ]

[ Samstag, 29.05.2004 ]

[ Sonntag, 30.05.2004 ]

[ Montag, 31.05.2004 ]


Berichte von:
Daniel Bartsch (DB), Ivo Klassmann (IK), Thomas Sabottka (TS) für GothicWorld
Michael Kuhlen (MK), Markus Poschmann (MP) für Obliveon

Photos von:
Ivo Klassmann, Michael Kuhlen, Patricia Piefer, Simone Schröter (für alle zusammen!)