Festivalbericht:


13. Wave Gotik Treffen 2004
Pfingsten - Leipzig



Samstag, 29.05.04



Van LangenSonnenaufgang knapp verpasst & dann gut ausgeschlafen ging's erstmal in die City. Die Marketender auf der Moritzbastei lockten mit allerlei Tand und natürlich auch Schellen in allen Größen und Ausführungen. Die vereinzelt auf Shirts und EMSO-Stand propagierte Aktion gegen das Gebimmel am Stiefel trug wohl nur Früchte bei selbsternannten EBM-Senioren. Die Zuhörer der Spielleute von VAN LANGEN tangierte dieser Aufruf nur peripher, im Mittelalter trug noch jede Kuh ungeniert ihre Glocke. Zur herrlich prallen Sonne passte auch das altbekannte "Palästinalied' was wohl seid Walter von der Vogelweide jeder Künstler dieses Genres im Programm hat.


Danach ein Bummel durch die Passagen, vorbei an den alten Handelshäusern der Reichsstraße und erstmal das erledigen, was man hier als erste in Deutschland tat und bis heute immer noch am besten haben kann, Kaffee trinken. In einem Ambiente, das schon Wagner, Goethe, Liszt und Nietzsche zu schätzen wussten, vergisst man leicht die Kalorientabelle bei der Kuchenauslage und genießt stattdessen den freien Blick auf flanierende Gothic-Prinzessinnen.

Mittagessen in der Stadt. Mit "Karsten" hat das Brauhaus an der Thomaskirche sicherlich den wärmsten und langsamten Kellner ABER klar die besten Toiletten. Im keramischen Pissoir findet sich nicht das schnöde, öde Gitter, das den Abfluss vor Kippen und Müll schützen soll. Vielmehr ist das Gitter hier grün. Mittendrin steht auf der Quasi-Wiese ein kleines weißes Tor und an dessen Querbalken baumelt eine kleine Kugel, die - geschickt getroffen vom st(r)ahlharten Schuss - dazu verleitet, die Pinkelpause in zwei Halbzeiten zu teilen. (IK)

Rocky-Horror-ShowDas WGT lebt nicht nur von der allgemein entspannten Stimmung, der schwarzbunten Mischung der Teilnehmer und - natürlich - den Konzerten, sondern auch den komplementären Veranstaltungen. Neben der allgegenwärtigen Musik kann man hier auch Lesungen, Theaterdarstellungen, Märkte und diesesmal auch eine Kabarettveranstaltung besuchen. OLIVER KLEIN, den meisten WGT-Besuchern als Ansager in der AGRA zwischen den einzelnen Auftritten der Bands bekannt, erdreistete sich im Cinestar eine Hirnlosigkeit sondergleichen anzubieten. Fälschlicherweise im Info als "Rocky-Horror-Show" angekündigt, bot Herr KLEIN im traurigen "Frank´n Furter"-Outfit eine Plattheit nach der anderen. Wer zu OLIVER KLEIN in´s "Kabarett" geht, kann getrost seinen Verstand zu Hause lassen. Am Besten, er bleibt direkt zu Hause, zieht sich diverse Bier und frei- oder fremdverkäufliche Narkotika ´rein. Da ist man sicherlich besser bedient als mit der Kindergartenvorstellung, die hier die gepeinigten Zuschauer über sich ergehen lassen mussten. Eine gute Stunde lang sang und scharwenzelte sich der Protagonist im Tuntenfummel (mit Bauchsprecherfigur im Plastiksarg) über die schlecht beleuchtete Bühne und interpretierte seine armselige Sichtweise des Geschlechterverkehrs. Demjenigen von der WGT-Leitung, der ihm das erlaubt hat.dem gehört eigentlich der finale Rettungsbiss verpasst. Vier Jahre habe ich für Tageszeitungen über Kabarett- und Kleinkunstveranstaltungen berichtet - aber in der ganzen Zeit nie so was dilettantisches gesehen. Zum Glück fand das ganze Desaster nur am Samstag statt - aber dafür dann gleich zweimal hintereinander. (MP)

Für das angekündigte Programm auf der Parkbühne war es in diesem Jahr dort erstaunlich leer: Plätze waren reichlich, keine langen Wartezeiten auf dem Klo und wenig Gedränge am Bierstand. Das hob die Stimmung, die ob der großen Reunion (nach der kleinen im letzten Jahr) von PINK TURNS BLUE ohnehin schon gut war. Mit dem Akustikalbum "Muzak" hatten sich PINK TURNS BLUE 1994 von den Bühnen verabschiedet und das ist mal die im Musikgeschäft nicht unwesentliche Zeit von zehn Jahren her. Also hin zur Parkbühne und gefiebert. Bereits in der Ankündigung dann der Hinweis auf ein neues Album im Herbst diesen Jahres. Dann endlich war es soweit und die Band betrat bei herrlichem Sonnenschein die Bretter. Bei den ersten Klängen von "Master Is Calling" schoben sich Erinnerungen an ein PINK TURNS BLUE-Konzert in Berlin 1991 vor die geistige Linse, so unverwechselbar und unverändert klang die Band. Geboten wurde ein kurzer aber knackiger Rundumschlag durch das bisherige Schaffen bei glasklarem und sattem Sound. Von Beginn an ging das meist ältere Publikum begeistert mit und spätestens mit "Walking On Both Sides" in einer hervorragenden Maxi-Mitsing-Version war wirklich jeder gefangen. Sänger Mic Jogwer zelebrierte die Einmaligkeit seiner Stimme noch einmal ausgiebig beim letzten Song: "Michelle". Er tobte durch den Graben vor der Bühne, sichtlich ergriffen von der überaus positiven Resonanz aus dem Publikum - - - und schaffte es nur mit Unterstützung von der Bühne, sich wieder auf diese hochzuarbeiten. Das PINK TURNS BLUE-Konzert für mich ganz klar ein erster Höhepunkt des diesjährigen WGT. (DB)

Nachdem wir glücklicherweise SANGUIS ET CINIS auf der Parkbühne verpasst hatten, boten uns die letzten Klänge der Amerikaner von DIVA DESTRUCTION eine passende Untermalung zum Eintritt in die Parkbühne, die mehr oder weniger bis zum letzten Platz besetzt war. Die Schatten wurden länger und die fast hochsommerlichen Temperaturen sanken auf leichtes Gänsehautniveau - als endlich die Amsterdamer CLAN OF XYMOX die Bühne betraten. Von Anfang an zeigten sich die Niederländer, die ja aus der Vergangenheit (seit ihrer Gründung 1984) als eher etwas publikumsscheu bekannt sind, als außerordentlich spielfreudig und gutgelaunt dem enthusiastischen Auditorium, allen voran Chef vom Dienst Ronny Moorings, der zu Beginn etwas mit technischen Problemen zu kämpfen hatte (die Gitarre wollte nicht so richtig und auch brach bei den ersten Liedern der Gesang lautsprechertechnisch ab und zu ab). Aber nachdem diese kleinen Problemchen beseitigt waren, war für CLAN OF XYMOX der Weg in´s Herz des Publikums offen. Wobei man sich im Großen und Ganzen auf Material der letzten drei Alben beschränkte und dabei natürlich das grandiose 1999´er Album "Creatures" nicht zu kurz kam. Ein gelungener Abschluss auf der Parkbühne und ein mehr als zufriedenes Publikum. (MP)

ChamberNächster Anlaufpunkt, das über 90 Jahre alte und über 90 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal. Welches andere Nationale Monument hat je ein Konzert von CHAMBER in seinem Inneren ausrichten dürfen und symbolisiert das Wasserbecken davor wirklich noch die Tränen der Völker, die um die Opfer der Schlacht trauerten, oder vielmehr heut die Freudentränen derer die glücklich über dieses recht kurzfristig ermöglichte Konzert begeistert waren? Bei unserer Ankunft spielten gerade noch D'ARCADIA. Andrea Schilz und ihre Gefährten verzauberten ihr Publikum mit einer Mischung aus orientalischen, mittelalterlichen Weisen und Industrial-Klängen. Danach wurde es zusehendes voller in der ersten Ebene und in der Krypta, welche an die an die 110.000 Gefallenen von 1813 erinnern soll, wurden Stühle in die Mitte gestellt. Das immer zahlreichere Publikum musste nun schon auf die zweite Ebene, der Ruhmeshalle für das deutsche Volk, ausweichen und durfte das kommende Konzert aus der Vogelperspektive erleben. Ohne lange Umbauzeit und Probe begann Max mit seinem Kammerorchester den "Dead Man's Song" zu intonieren und schien etwas verwirrt darüber, dass die erste Strophe aus der Kuppel runter hallte… als er schon bei der zweiten war. Wiener Charme plus ein paar Handgriffe am Micro und schon ging's weiter. Zu "In My Garden" sang das textsichere und fröstelnde Publikum bereits mit und es wurde zu einem der schönsten Akustik-Ereignisse der letzten Jahre. Das neue "Miles Away" wurde vorgestellt um es danach gleich noch mal als Zugabe neben "Uninvited" wiederholen zu müssen. (IK)

ChamberWer jetzt noch immer nicht genug von Wiener Schmäh, bezaubernden Streicherinnen und Street-Team hatte, ging wie wir zur Releaseparty in die Moritzbastei. Auffallend viele britische und schwedische Nachtfalter hatten diese als ihr Headquater auserkoren. Bei leckerem Essen und fast-geschenkt-Getränke-Preisen kam man mit vielen Gleichgesinnten ins Gespräch oder nutzte die Nacht ausgiebig zum tanzen. Wenn einem soviel Gutes widerfährt… sorry, Fan-Gesülze muss auch mal sein ;) (TS)


Fixmer / McCarthyFIXMER & McCARTHY, zwei Namen, die zunächst einmal nichts aussagen, doch bei der Erwähnung des Namens NITZER EBB sollten zumindest eingefleischte EBMler aufhorchen, ist besagter Douglas McCarthy doch über Jahre hinweg die Stimme jener EBM-Pioniere gewesen. Zusammen mit Terence Fixmer, der sich in der Technoszene bereits einen Namen machen konnte, lebten für knapp vierzig Minuten die Zeiten gnadenloser Rhythmus-Attacken und des militaristischen Stechschritts wieder auf, wobei sich die Allianz der aus musikalischer Sicht so unterschiedlichen Charaktere als durchaus heilige Allianz erwies. NITZER EBB-Klassiker folgte auf NITZER EBB-Klassiker und die Art und Weise, wie Douglas McCarthy über die Bühne fegte, liess keinen Zweifel über die Ernsthaftigkeit dieses Projektes aufkommen. Zum Teil extrem brutal liess dieser Mördergig keine Zweifel darüber zu, dass die so häufig totgesagte EBM noch lange nicht tot ist.

Funker VogtFUNKER VOGT brachten die AGRA daran anschliessend zum Beben, wobei Sänger Gerrit die Massen von Anfang an fest im Griff hatte. Kein Wunder mit einem Opener wie "Tragic Hero". Die Bühne war einheitlich in orange/schwarz gehalten, während die Funker in altbekannter Tarnuniform wie aufgedreht über die Bühne tanzten oder sich hinter den Instrumenten verschanzten und eine Electrosalve nach der nächsten abfeuerten, immer wieder frenetisch vom fanatischen Publikum nach vorne gepeitscht. Derart intensiv und aggressiv habe ich FUNKER VOGT zumindest in den letzten Jahren nicht erlebt, und wenn der neue Track nur einigermassen repräsentativ für das neue Album der Hamelner war, dann ab in die Bunker und Schutz suchen.

Covenant

Haben COVENANT ihren Zenith überschritten, oder waren FUNKER VOGT an diesem Tag einfach die Besseren? Bereits der Auftritt der Schweden auf dem "Birthquake"-Festival Ende letzten Jahres in Duisburg zählte nicht gerade zu den Höhepunkten der drei Schweden, und auch in Leizpig konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, COVENANT hätten viel von der Spielfreude und der Party-Mentalität ihrer frühen Konzerte verloren. Zu routiniert und zu abgeklärt wirkt das, was Eskil, Clas und Joakim mittlerweile zu bieten haben. Der Band scheint ganz offensichtlich ihre Fähigkeit abhanden gekommen zu sein, sich an sich selbst zu berauschen und so das Publikum mitzureissen. Auch wenn die Stimmung in der voll gefüllten AGRA sicher nicht wirklich schlecht war, so haben COVENANT ihre Auftritte schon mit deutlich mehr Feuer im Hintern und mehr Enthusiasmus bestritten. (MK)


Die WGT-Tage im Einzelnen:

[ Freitag, 28.05.2004 ]

[ Samstag, 29.05.2004 ]

[ Sonntag, 30.05.2004 ]

[ Montag, 31.05.2004 ]


Berichte von:
Daniel Bartsch (DB), Ivo Klassmann (IK), Thomas Sabottka (TS) für GothicWorld
Michael Kuhlen (MK), Markus Poschmann (MP) für Obliveon

Photos von:
Ivo Klassmann, Michael Kuhlen, Patricia Piefer, Simone Schröter (für alle zusammen!)