Festivalbericht:


13. Wave Gotik Treffen 2004
Pfingsten - Leipzig



Sonntag, 30.05.04



Der Sonntag machte seinem Namen alle Ehre und die PDS reagierte prompt mit Mitgefühl und Sonnencreme für geplagte Bleichgesichter. Reichhaltiges Brunchbüffet zum redaktionellen Ernüchterungsmeeting und ohne Rücksicht auf geschundene Füße gen Südfriedhof. Dieser über 100 Jahre alte Gottesacker steht unter Denkmalschutz und lud mit deutsch/sächsischer Bestattungskultur zum Fotografieren und Gedanken sammeln ein.


Cyber AxisCYBER AXIS waren aufgrund der viel zu grossen Lautstärke, wie im übrigen auch bereits auf dem letztjährigen"Birthquake"-Festival in Duisburg, wahrscheinlich in ganz Leipzig zu hören. Weniger Dezibel wären mehr, aber das nur am Rande. Die Parkbühne war trotz der ohrenbetäubenden Lautstärke gut gefüllt und das Stageacting von Sänger Müller und Keyboarder Axel Kleintjes hat deutlich an Engagement hinzugewonnen, während Gitarrist Galla seine Parts nach wie vor relativ statisch herunterspielte. Am meisten umjubelt wurde (natürlich) wieder die Kylie Minogue-Coverversion von "Can't Get You Out Of My Head", aber auch ein CYBER AXIS eigenes Stück wie "What Would Jesus Do" wurde begeistert aufgenommen. Schade nur, dass die Lautstärke viel von der Intensität, die CYBER AXIS zu verbreiten in der Lage sind, genommen hat.

RotersandROTERSAND zählen mit zu den erfolgreichsten Acts des vergangenen Jahres und ein Song wie "Merging Oceans" von ihrem Debüt "Truth Is Fanatic" dürfte wohl in nahezu jedem Düstertempel dieser Nation zum Standardrepertoire der letzten Monate zählen. Vom Fleck weg überzeugten ROTERSAND, bestehend aus Rasc, Krischan und Gun, mit einer energiegeladenen Performance, in dessen Mittelpunkt natürlich Sänger Rasc stand, der an der Bühnenkante immer wieder den direkten Kontakt zum Publikum suchte und somit spielend die Distanz überwand, die der Fotograben schuf. Charismatisch sein Auftreten, während Krischan und Gun im Hintergrund die musikalischen Fäden sponnen. Auch wenn sich die Techno/Trance-Wurzeln auf Dauer nur schwer verleugnen liessen, ROTERSAND konnten sich auf ganzer Linie behaupten.

Icon Of CoilICON OF COIL liessen sich selbst durch temporäre technische Probleme nicht aus der Ruhe bringen und wenn das DAT versagt, dann spielt man halt live. Sehr lobenswert und vor allem sehr professionell. Da gibt es auch andere Beispiele von Bands, die ein Konzert dann schon mal unterbrechen (müssen), weil sie offensichtlich nicht in der Lage sind, ihre Songs live zu spielen, nicht wahr, Herr Rainer? ICON OF COIL hatten, von diesem Fauxpas mal abgesehen, ganz offensichtlich ein Heimspiel und selbst die Tatsache, dass Electro und Tageslicht eigentlich nicht so wirklich zusammenpassen wollen, liessen Andy LaPlegua und seine Band zu wahrer Höchstform auflaufen, so dass die Zuschauer vor der Bühne nicht vor Andys Charme, sondern auch vor Hitze dahinschmolzen. Mit dem nächsten Album sollte The House Of UsherICON OF COIL der Schritt in die Liga VNV Nations oder Covenants wohl gelingen. Sowohl Ronan Harris (VNV Nation), als auch Johan van Roy (Suicide Commando) und Covenant liessen es sich übrigens nicht nehmen, dem Auftritt der Norweger im Publikum beizuwohnen. (MK)

Zurück zum schwarzen Nabel dieser Stadt, der Agra. THE HOUSE OF USHER hatten in ihrer Dreiviertel-Urbesetzung leider nur einen kurzen Auftritt und brachten neben inzwischen gut abgehangenen Songs auch das neue ‚Radio Cornwall' zu Gehör.

Skeletal Family"Someone New" stimmte zwar nicht so ganz, letztlich ist die letzte Platte der SKELETAL FAMILY auch schon mächtig angestaubt. Sängerin Anne-Marie Hurst wusste wie man richtig einheizt und "She Cries Alone" durfte hierbei auch als charmante Flunkerei angesehen werden. (IK)

DeathstarsAber dann passierte etwas, was zeigt, dass die schwarze Gemeinde auch auf die Motivation eingängiger Privatsender setzt... Die DEATHSTARS aus Schweden füllten die AGRA scheinbar mühelos und es war schon fast ein Wunder, überhaupt durch die Menge zum Klo zu kommen. DEATHSTARS verbinden gängige Gothic-Metal-Klischees zu einer durchaus hörbaren Mischung - und auch die Bühnenpräsentation ließ nichts zu wünschen übrig. Des Sängers Stimme (er nennt sich "Whiplasher") kann - gewollt, oder nicht - durchaus Verhältnismäßigkeiten zu bekannten Vokalisten, wie z.B. dem guten alten Carl McCoy aufzuweisen. Nichtsdestotrotz boten die Schweden einen wirklich akzeptablen Eindruck und machten kleine, dicke, schwarze Mädels tanzend froh und glücklich.

UntotenDie UNTOTEN im Folgenden, boten gewohnte Kost. Aber dann doch wesentlich gereifter und appetitlicher bewies Sängerin Greta, dass sie in Bezug auf Darstellung und angenehmer Anwesenheit dazugelernt hat. Aber dann auch wieder eine Band, die in solch´ grosser Halle irgendwie nicht so richtig rüberkommt. Abgesehen vom Sound, der miserabel war. Soviel Met kann man(n)/frau gar nicht trinken, damit der Klangmatsch hörbar ist. Das liegt aber wohl weniger an den Technikern, sondern am Auftrittsort an sich. (MP)



DIORAMA waren kurz zuvor aus Moskau vom "May Thunder Festival" zurückgekomen und zeigten sich verstärkt mit einem neuen Gitarristen in blendender Verfassung. Torben Wendt, ebenfalls mit verändertem Look - blonder Vollbart und blond/schwarzen Haarsträhnen - hat abermals an Ausstrahlung Dioramagewonnen, nicht nur durch seine unbestrittene Präsenz auf der Bühne, sondern vor allem durch seinen Gesang, der Emotionen vermittelt und das Publikum mitzureissen in der Lage ist. In zum Teil neuen Arrangements wurden Songs wie "Her Liquid Arms" begeistert aufgenommen und auch der Ausblick auf das im nächsten Jahr endlich erscheinende neue Album durch zwei neue Lieder lässt Grosses vermuten. Die vierzig Minuten vergingen wie im Flug und vehement geforderte Zugabe musste aufgrund des eng gesteckten Terminplanes leider ungehört verhallen.

NamnambuluDAYS OF FATE mögen als Dresdner Band zwar ein Quasi-Heimspiel gehabt haben, nur interessiert hat es keinen. Uninspirierte Songs und ein biederes Auftreten verschafften dem Gros der Fans im idyllisch gelegenen Haus Auensee eine wohlverdiente Pause, die nicht wenige zu einem kurzen Flanieren entlang des Auensees nutzten oder Ronan Harris (VNV NATION) durch unentwegte Autogrammwünsche davon abhielten, in sein Würstchen zu beissen.

Eben jener Ronan Harris war es dann auch, der die Schweizer Synthie/Future Popper NAMNAMBULU voller Ehrfurchtsbezeugung vor einem mittlerweile wieder prall gefüllten Haus Auensee ansagen durfte. Eingerahmt durch zwei Videomonitore wurden die beiden Schweizer begrüsst wie Volkshelden und bedankten sich auf ihre Weise mit einem engagierten und voller Spielfreude vorgetragenem Konzert, das jedoch nicht ganz an die Intensität des vorangegangenen Auftritts von DIORAMA heranreichte. Sänger Henrik Iversen und Keyboarder Vasi Vallis jedenfalls genossen die Sympathie, die ihnen aus dem Auditorium entgegenschwappte in vollen Zügen und so ergab sich das Publikum tanzender und singender Weise seinem Schicksal.

Was sich im Vorfeld des WGT bereits abzeichnete trat dann leider ein. Hatten wir als nächste Band eigentlich FEINDFLUG auf unserem Programmzettel, belehrte uns die lange Menschenschlange vor dem, für dieses Konzert viel zu kleinem Haus Leipzig schnell eines besseren. An ein Reinkommen war nicht mehr zu denken und so bewegte sich die Schlange nicht einen Meter vorwärts. Also hiess es umzudisponieren und so machten wir uns auf ins Werk II, wo die Industrialfraktion bei dem schon traditionellen Cold Meat Industry-Tag zahlreich vertreten war und das Label, wie schon die Jahre zuvor, einen Verkaufsstand mit fanfreundlichen Preisen hatte. (MK)

Die Hoffnung auf ein ähnliches geniales Plätzchen wie am Vortag bei CHAMBER zerschlug sich an den breiten Armen der Ordner und so wurde es nur ein zweifelhafter Genuss im oberen Rang der gigantischen Krypta des Völkerschlachtdenkmals. Rose McDowall ist der Kopf der Band SORROW und hat seit 1985 unter anderem bei Coil, Death in June, Current 93 und Psychic TV als herausragendes stimmliches Wunderwerk mitgemischt. Ich freute mich auf die dunklen, neufolkloristischen Popperlen und wurde nicht enttäuscht. Inmitten des Bühnenrunds thronte ein enormer Grabstrauß und davor das SORROWsche Line-Up aus Cellist, Bassist, Gitarrist und Rose McDowell in einem schweren schwarzen Kleid und Akustikgitarre. Sie begann mit "Stone Is Very Cold" von dem gemeinsamen Projekt mit Boyd Rice (Spell, 1993) und ihre warme, wunderschöne Stimme erhob sich ins Rund. Man spürte regelrecht, wie sie unten ihr Publikum regelrecht auf Schwingen trug und entführte in den Reigen ihrer Songs. Oben hingegen war jede Stimmung von vornherein zum Scheitern verurteilt, zuviel Kommen und Gehen, zuviel Getuschel und besoffene Armselige, die sich gegenseitig ihre Handymelodien vorspielten. Schade, so um eine der hinreißendsten Stimmen der Szene gebracht zu werden. (DB)

Coph NiaCOPH NIA, seit dem Jahr 2000 und ihrem Debütalbum "That Which Remains" eine feste Grösse in der Dark Ambient-Szene, boten dunkle und bedrohlich sphärische Flächen sowie einen Sprechgesang, der einem das Blut in den Adern gefrieren liess und in Kombination mit den düsteren Videoprojektionen auf der Leinwand ein beklemmendes Gefühl der Ohnmacht hinterliess, das die Fans dieses Genres zu einer stürmisch geforderten Zugabe nötigte. SANCTUM sind bereits seit zehn Jahren eine feste Institution in der Industrialszene, die sich stilistisch nicht eindeutig festlegen lässt und von beinahe neofolkigen Arrangements bis hin zu härtestem Industrial alle Spielarten beherrscht. So zogen SANCTUM dann mit einer mitreissenden Darbietung experimenteller Klänge und einem brachialen Gesang der beiden Sänger die Blicke der Anwesenden auf sich, während auch hier das ganze Konzert über düstere Videoprojektionen die Leinwand auf der Bühne erhellten und das apokalyptische Klangbild um eine zusätzliche Dimension bereicherten. Sexgang ChildrenAlso wieder Agra-Halle und noch den Rest der SEXGANG CHILDREN miterleben. "Into The Abyss" verklang ein wenig quietschig und wieder nervte der schlecht gemischte Sound. Morgen war dann eh die bestuhlte Version im Schauspielhaus von Frontmann Andy dran. Nichts wie ab ins Treffen-Cafe. Ausgelassen kommentierten wir die hemmungslos erotische Einlage am Nebentisch und Frauen fachsimpelten mal wieder über den wohl genetisch veranlagten Voyerismus bei den Helden der Schöpfung. Hallo, bei soviel Ausdauer und Hingabe darf man(n) ja wohl seiner Begeisterung Ausdruck verleihen?! Keiner hätte wohl im Moment darauf gewettet, dass eine mütterlich wirkende Mittvierzigerin im Parka mit fast kritischer Masse an Emotionen in den Lyrics noch vielmehr Bewunderung und Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. (IK)

Anne ClarkANNE CLARK unterbrach ihre Acoustic-Tour für ein Konzert mit ihrem alten Keyboarder DAVID HARROW. Mit soviel Ansturm hatte wohl hier keiner gerechnet, selbst die Plätze im Fotograben waren auf 15 und nur für einen Song limitiert. Danach gab's Rempler von der sonst umgänglichen Security… Tagesparole: "Pressepässe schützen nicht vor Schlägen in die Fresse!" Egal, und ums kurz zu machen, es war einfach umwerfend herrlich wie David mit zwei Apple-Laptops und einem Synthie den Sound der alten Tage wieder aufleben ließ. Einfach irre wie dominant und gleichzeitig zerbrechlich ANNE CLARK ihre Kult-Evergreens unters Volk brachte… oder ausdrücklich hörbarer Beweis für die Plattitüde "früher war alles viel besser". Danke Anne für "Killing Time", "Wallies" und natürlich "Sleeper in Metropolis", zu dessen Ende sich Anne verabschiedete und David noch mal zwei Minuten lang die "3000er Version" mit vollem Bass ins Audithorium knallte. Soviel Ehre sei dem Komponisten gegönnt und weil's Spaß gemacht hatte, das ganze Spiel bei dem Zugabe-Must-Have "Our Darkness" gleich noch mal! Ich gestehe, dass ich noch nie ein Konzert gesehen habe, wo sich hinterher das Publikum mit feuchten Augen in den Armen lag… auch Eskiel von COVENANT hat's sichtlich Spaß gemacht am noch lebenden Objekt zu studieren ;) Toppen konnten dies auch nicht mehr die zwei Herzchen deren Handy wir gefunden hatten und welches vorher unser Talent als Amateur-Profiler arg strapazierte. Wer kommt bei Telefonbucheinträgen wie "Das blonde Luder" & "Die heiße von der Uni" schon wirklich auf weibliche Endteenager? (IK)


Die WGT-Tage im Einzelnen:

[ Freitag, 28.05.2004 ]

[ Samstag, 29.05.2004 ]

[ Sonntag, 30.05.2004 ]

[ Montag, 31.05.2004 ]


Berichte von:
Daniel Bartsch (DB), Ivo Klassmann (IK), Thomas Sabottka (TS) für GothicWorld
Michael Kuhlen (MK), Markus Poschmann (MP) für Obliveon

Photos von:
Ivo Klassmann, Michael Kuhlen, Patricia Piefer, Simone Schröter (für alle zusammen!)